Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 9 (31.8.1934)
- Date
- 1934-08-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite ü J ü d i s c h e S c h u 1 z e i t u n g Nummer 9 ist nicht genauerfingegeben. Andre sirtd in der Zeit der ICreuzzüge, die den .lüden so viel Anlaß zu Klagegebeten gegeben haben, entstanden oder in der jüdischen Blütezeit in Spanien. Jedenfalls sind sie viele Jahrhunderte alt, da von den meisten Selichoth der Verfasser unbekannt ist. Dies trifft selbst bei fast allen denjenigen zu, die den Namen ihres Verfassers in der üestait eines Akrostichons in ihren letzten Sätzen tragen. Man sieht daraus, daß die Verfasser keinen Wert auf Nachruhm legten. Damit kommen wir zu der Frage der Verfasser überhaupt.. Man hat die aus dem Texte gefundenen Namen — weiter? Kennzeichen fehlen stets — über die betreffende Selicho gesetzt. Wir stoßen dabei auf manchen klangvollen Namen berühmter Männer, so ist Gerschom ben Jehudah, der ob seines umfassenden Wissens und seiner weit anerkannten Autorität den Ehrennamen „ Leuchte des Exils" erhalten«, hat ■.(960—1040 in Metz und Mainz) siebenmal zu finden. Zweimal findet sich der Name Mcir, der vermutlich auf den bekannten Rabbi Meir von Rothenburg a. d. T., genannt Mahram hinweist. (1230—1293, gestorben in Gefangenschaft zu Ensisheim im Elsaß.) Häufiger findet man den Namen Schelomo üoer der Selicho, oft mit dem Zusatz Hakoton, welch letzterer entweder als Ausdruck der Bescheidenheit hinzugefügt ist oder aber ein Unterschiedsmcrkmal darstellt. Der berüjimte Dichter Schelomo ben Jehuda Gabirol (1020—1070 in Malaga) erscheint fünf- bis sechsmal als Verfasser, daneben noch ein Dichter gleichen Nametfs mit dem Zusätze Hababli, der Babylonier. Eine besondere Stellung unter den Selichoth nimmt die Selicho „To Schema" vom fünften Tag zwischen Rosch Ha- , schonoh und Jörn Kippur ein, welche völlig in chaldäischer Sprache verfaßt, aber mit vielen lateinischen und griechischen Ausdrücken vermischt ist. In der Atisgabe der Selichoth mit deutscher Uebersetzung vom Jahre 1839 sagt S. E. Blogg zu diesem Kapitel u. a.: „Indem der Uebersetzer nachfolgendem Versuche, diese vielseitig für unübersetzbar erklärte Exegese in deutsche Sprache zu übertragen, dem" Publikum vorlegt, darf er wohl hoffen, daß niemand ihn für manche Stelle des Inhalts verantwortlich machen wird. Welch schreckliche Zeit mfißte es übrigens gewesen sein, die dem Verfasser solche Aeußerungen erpreßte." — Als Verfasser figuriert Ephraim ben Jakob aus Bonn, der als Zeitgenosse der Kreuzzüge die schrecklichen Judenverfolgungen erlebt hat und seiner trüben Erinnerung im G.ebet Ausdruck verleiht. Die übrigen Dichter, auch die benannten, weitaus die Mehrheit, sind uns der Person nach unbekannt. Viele stammten.aus Worms, Mainz, Regensburg. Durch ihre Eigenart und dichterische Schönheit ragen von diesen Gebeten u. a. hervor: Ani awd'cho (von den letztgenannten) und Ani hu haschauel, welche beide als persön- Postkarte Hn den Verlag der Jüdischen Schulzeitung Gebrüder Neubauer Ludwigshafen a,Rh, Schulstraße 14. liehe, sowie subjektive Gebete anzusprechen sind. Es scheint die Auffassung begründet, daß die meisten Verfasser, auch die der einzig schönen Gebete: Athithi lechananoch, Hejeh im Piphioth, Anchiluh, Vorbeter gewesen sind; sie haben die Selichoth gedichtet und beim Gottesdienst vorgetragen, Ueberhaupt zeugen die Selichoth-Dichtungen von einer Sprachgewandtheit, Gelehrsamkeit, Belescnheit und tiefinnig- . ster Frömmgkeit, wie sie nur selten zu finden sind. Mancher Hinweis auf Stellen des jüdischen Schrifttums, manche Perle aus dein talmudischen Wissensbereich sind in den Zeilen der Selichoth enthalten und bieten'dem Forscher köstliche Schätze. Dazu ist.die Sprache trotz der durch die poetische Form eingeengten AusdrucksmöglichKeit oft von biblisch-klassischer Reinheit. Jeder Selicho bildet nach Inhalt und Form in der Tat ein Gedicht. Nur die Schnijoh verzichtet auf den Reim. Alle anderen Formen sind mit dem Reim ausgestattet, oft in geradezu künstlerischer Weise, indem bestimmte einzelne Wörter oder ganze Wortwendungcn in reizvoller Weise sich wiederholen. Solche kunstvoll aufgebaute Selichoth sind z. B.: 1. Ani awd'cho schließt jeden Satz mit Stellen aus der'Thora, in denen das Wort mochor (morgen) vorkommt. 2. Mas'as kapai schließt jeden Satz mit Stellen mit dem Worte Minchah- ,1 Adabro tachauunim und Godaul awauni u. a., wo das leizte Wort des Satzes als Anfangswort des folgenden Satzes oder Satzteiles gebraucht wird. 4. Noch kunstvoller ist dies in der Selicho Orid besichi durchgeführt. 5. Die Selicho Enatisch bameh gebraucht am Ende jedes Satzes Wendungen aus Jesaia 55. 6. Der Pismon Ki hineli kachaumer läßt jeden Satz mit dem . Worte Ki hineh beginnen. 7. In Ahawathisus endet jeder Satz mit dem gleicher.' Reim. - S.. In M'falti bildet das Wort Banker (des Morgens) Ende und Anfang des Satzes. 9. In Mälache Rachamim beginnt jeder Satz mit Ulei jerachem. 10- In Os b'har schließt jeder Satz mit dem Worte Kaudesch. -11. M'itcha bringt Stelren mit dem Worte Ercw (Abend). 12. Ow Trachem hat am Schlüsse jedes Satzes das Wort Solauach in verschiedener Form. 13. Ech uchal läßt die einzelnen Satzteile mit Ech. wehemo,' wa'ani beginnen. Solche Beispiele des künstlichen Satzbaues ließen sich noch viele erbringen. Fast alle Selichoth reihen in ihm Sätze in alphabetischer Folge, oft doppelt und dreifach, oder auch in rückwärtiger Folge. Ungefähr drei Selichoth sind wohl ursprünglich größer gewesen oder hatten anderen Wortlaut, sind aber mipne darke schoiaum gekürzt, bzw. geändert worden. Die Selichoth sind meistens numeriert, doch ist die Zählung in den Ausgaben ungleichmäßig durchgeführt, in den mir vorliegenden Ausgaben finde ich die Endzahlen 147, 149, 168. Nun noch ein Wort über die gesangliche Vortragsweise der Selichoth. Wer je einem solchen Frühgc.ttesdieust beigewohnt hat, wird staunen über die reichhaltige, verschiedenartige und nielodicnreiche Vortragsweise dieser Gebete- Schnijah, Schlischijah und Akedah haben je ihre eigene Melodie- Der Vortrag der Pismaun hat größere Auswahl. Eine besonders ergreifende Melodie. (Niggun) haben nach meiner Kenntnis die Selichoth:. Adabro tachanunim, Schaufet kol hoorez und B'mauzoe menucho. Wer hat diese Melodien ausgedacht und wann sind sie entstanden? Auf diese Frage ist keine befriedigende Antwort zu finden» ebensowenig wie über die Herkunft der meisten al-