Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 9 (31.8.1934)
- Date
- 1934-08-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer 9 nehmen von der Verantwortung, die es selbst zu tragen hat für ihre Kinder. Er will'.der Jugend ihre Eigenentwicklung nicht rauben und sieht es mit Freuden, wenn sie ihr Feld kraftvoll selbst bestellt. Unsere eigentliche Arbeit liegt in der Schule; aber Haus und Bund sollen wissen, daß sie im jüdischen Lehrer jederzeit den nie ermüdenden und sich nie versagenden Helfer finden. Wenn man uns ruft, wird unsere Antwort stets sein: „Hineni!" Wir sind zur Stelle! Grenzen erkennen! Es ist in den hinter uns liegenden'Monaten oft und eindringlich gefordert worden, daß die jüdische Schule eine jü- ' disciie „Weseiisscluile" werden müsse, wenn sie ihre Aufgabe in dieser Zeit erfüllen wolle. Was dieser terminus, den Martin Buber geprägt hat, besagt, das braucht hier wohl nicht mehr dargelegt zu werden, .weil es in der Jüdischen .Schulzeitung in hinreichendem Maße Ausdruck gefunden hat. Es hat auch nicht an Stimmen gefehlt, die bei der Erörterung der hier gemeinten Frage auf die Grenzen des Erreichbaren hingewiesen haben. Dabei wurde insbesondere an die a religiöse Haltung erinnert, die sich in weiten Kreisen auch de< jüdischen Jugend bemerkbar macht, und die keine Geneigtheit aufkommen läßt, sich jüdische Sinnzusammenhänge, soweit sie religiöser Natur sind,-zu eigen zu machen. Es dürfte Uebercinstimmung darüber herrschen, daß es kaum jüdische Seinsbezüge gibt, die nicht wesensmäßig in der Sphäre des Religiösen liegen, und so bedeutet es kaum eine.Uebertreibung, wenn behauptet wird, von vielen Kindern und Jugendlichen werde Jüdisches schlechthin als Gegenstand geistiger Inbe-' sitznahme abgelehnt. Man muß sich diese Tatsache vor Augen . halten, wenn man das Quantum dessen zu umgrenzen versucht, was in der jüdischen Schule unserer Tage an Jüdischem dargereicht werden kann. Es wird dann auch vermieden werden, daß man sich Jn Utopien ergehe, in deren Bereich bittere Enttäuschungen nicht ausbleiben. Welches ist das Signum der jüdischen Jugend unserer Tage? Das gilt es klar zu erkennen, auf daß man nicht Idolen nachjage. Die Menschen um uns her suchen aus der Vereinzelung herauszukommen, in die hinein sie die geistesgeschichtliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte gestellt hat. Es ist ein starker Trieb zur Gemeinschaft am Werk, der zu Bindungen hindrängt, wie sie einmal in längst verflossenen Zeiten bestanden. Und wenn auch das Individuum in seiner Personhaftigkeit erhalten bleibt, so scheinen sich doch Züge von ihm zu lösen, die noch bis in die letzte Zeit hinein als der mensch- - liehen Würde unabdingbar erachtet wurden. Demgemäß tritt heute das stille Dasein in der Sphäre „der Privatheit zurück und an seinen Ort stellt sich das Leben in der Gruppe, in der s der Eigengehalt des Einzelnen weitgehend ausgelöscht wird. Es widerspräche diesen Entwicklungstendenzen keineswegs, wenn s;e auf die Wiedergewinnung eines religiös be- , stimmten Weltbildes hinzielten^ wie es die Jahrhunderte hindurch als Grundlage des Glaubensbekenntnisses und der Lebensformung wirksam gewesen. Allein das trifft nicht zu, und es ist trotz aller romantischen und irrationalen Einschläge in den Bemühungen um eine neue Daseinsgestaltung ein Gerichtetsein auf Diesseitiges spürbar, das eine Wiederhereinnahme von konfessionellen Bezügen auszuschließen scheint. Das gilt auch für die jüdische Gemeinschaft, soweit sie d?e noch nichc geistig und seelisch durchgeformte Jugend umfaßt. Sie findet sich in einen Raum hineingestellt in dem Gewaltiges ge-. schiebt, an dem sie aus geschichtssoziologischen Gründen Teil haben müßte, das indes ihrer nicht achtet, und dem .sie sich dennoch irgendwie verhaftet weiß.'So bleibt der jüdischen Jugend nichts andres übrig, als der willensmäßig gleichen Haltung in einer neben der großen Welt der deutschen Jugend einhergehenden kleineren eigenen Welt Erfüllung zu verleihen. Damit sind die Motive, zur Entfaltung des bündischen Lebens auch in unserer Jugend gegeben. Die deutsche Jugend ist im Begriff, sich zu einer grandiosen Einheit zusammenzuschließen. Hinter ihr steht die mächtige Autorität des Staates, dessen Beauftragte seinen Willen zur Beseitigung jeder Zersplitterung vollziehen. Der .ludenheit fehlt eine derartig starke Autorität und ihre Führung verfügt über keinerlei Machtmittel, mit denen sie ihren Intentionen ' Nachdruck verleihen könnte. Nur so ist es möglich gewesen, .daß sie Reste von Lebensformen mit ins Jetzt hineingetrageil hat, die das Zeitalter des Individualismus den Menschen gegeben hatte, und die heute, wenn auch nicht sinnlos so doch weithin zur Unwirksamkeit verurteilt sind- Immerhin scheint es so, als ob die Tendenz zu weiterer Aufspaltung in1 faktionen bei den Erwachsenen nicht mehr vorhanden sei, wählend in der Jugend, trotz organisatorischer Zusammenfassung, immer wieder neue Gruppen hervortreten, von denen nur die Eingeweihten zu sagen imstande sind, wie sie sich wesensmäßig von andern unterscheiden. Sieht man von Nuancen im Ideologischen ab und beachtet man lediglich das Verhalten in der Wirklichkeit des bündischen Lebens, so wird mau selbst bei den weltanschaulich scharf geschiedenen Gruppen eine weitgehende Uebereinstimmung vorfinden, und der Gedanke drängt sich auf, es könnte viel wertvolle Kraft für bessere Zwecke aufgespart werden als für die gedankliche Herausarbeitung ideologischer Grundlegungen. Wie es sich aber auch verhalten mag, die Form in der sich bündisches Leben in unserer Jugend manifestiert, gleicht in allen Lagern derjenigen, die in der nichtüdischeu Umwelt sichtbar ist. Sie gleicht ihr im Positiven und im Negativen. Das mag uns Beweis für die Suggestivkraft sein, die von dem in riesigen Dimensionen und in einer mächtiger,1 Dynamik sich entwickelnden Formungsprozeß ausgeht, der die deutsche Jugend erfaßt hat. Was sich innerhalb der. bündischen jüdischen Jugend an Lebensmäßigem darbietet, der Sport, die militärisch ausgerichtete Disziplinierung, die Bewältigung organisatorischer Aufgaben heim Ausbau der Bundestechnik, die Gestaltung einer naturhaften, naturverbundenen und spartanischen Lebensweise auf abenteuerlichen Fahrten und in Zeltlagern, d:es alles vollzieht sich auf der Ebene einer'im letzten politischen und, vom Religiöser her gesehen, zum mindesten indifferenten Gesinnung, dazu in der Bewußtwerdung einer totalen Autonomie, die namentlich die Einwirkung der Schule auf tiefere Schichten des jugendlichen Daseins energisch abweist ganz zu schweigen vom Elternhaus, dessen Autorität im großen und ganzen ebenso gering abzuschlagen sein dürfte wie die der Schule. Der Tageslauf im Leben des Jugendlichen wird so heute weithin bestimmt und aufgeteilt durch die Bundesordnung, deren Forderungen die ihr Unterworfenen begleiten auch in Bereiche, die außerhalb ihrer liegen, auch in die Schule. Hier wirken sie nicht nur in die Vorstellungswelt der Bundeszugehörigen hinein, nein, auch auf die Einzelgänger, die Nichtorganisierten erstreck sich ihr Einfluß, so daß allmählich aber sicher eine einheitliche Haltung entsteht, die den Lehrenden vor überaus schwierige und problemgeladene Situationen stellt. Es unterbleibe hier der schon banal klingende Hinweis, daß der Erzieher eine starke Persönlichkeit sein müsse. Ganz abgesehen davon, daß Persönlichkeiten, selten sind gleich Künstlern, und daß der Alltag sich mit einem soliden Durchschnitt begnügen muß, muß doch festgestellt werden, daß auch starke Persönlichkeiten oft vor der willensgemüßen Entscheidung eines Kollektivs und seiner einzelnen Glieder kapitulieren müssen, weil der geistige Raum fehlt, in dem sich Erziehet und Schüler begegnen könnten. Das trifft aber weitlün zu auf dem Gebiet des Jüdischen. Hier stößt der Lehrer häufig auf eine Ablehnung, die so stark ist. daß auch das leidenschaftlichste Bemühen, sie in Aufnahmebereitschaft zu wandeln, vergeblich bleibt.. Die unterrichtliche Arbeit vollzieht sich dann in einer Atmosphäre voller Gequältheit und Kälte, und am Ende steht — die Resignation. In diesem Zusammenhang ge-