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Jüdische Schulzeitung · 1934-08-31 · 9 (31.8.1934) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
9 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 9 Jüdische Schulzeitung Seite 3 der halben Million Juden in Deutschland stand. In dieser Hinsicht ist seit dem vorigen Jahre zweifellos eine Gesundung eingetreten. Ein" frischer Zug zur Vereinheitlichung führte verwandte Bünde, zusammen, ließ Querverbindungen entstehen und AFhöitsuhKüiumeH tFöffen, die ein fruchtloses Nebeneinander auf gleichen Gebieten oder gar ein hemmendes Gegeneinander ersetzen sollen durch ein zielstrebiges Mite.nander. Noch immer sind es — die Sportgruppen und Organisationen für Umschichtung eingeschlossen — wohl 25 verschiedene Gruppen, die beachtliche Teile unserer Schülerschaft erfassen, um sie in ihrer Weltanschauung zu erziehen und nach ihrem Ideal zu formen. Die Organisation der jüdischen Jugend ist gut. Schon seit dem Jahre 1924 besteht der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände als Sp.tzenorganisation. Er vertritt, nachdem er allmählich immer mehr an Autorität gewonnen hat, nunmehr die jüdische Jugend gegenüber dem Reichsjugendführcr des deutschen Reiches, Bewährte Namen an der Spitze dieser Institution, wie der des unvergeßlichen Ludwig Tietz oder des jetzt amtierenden Friedrich Brodnitz, sagen uns, daß die jüdische Jugend mit sicherem Blick sich ihre repräsentativen Vertreter erkoren hat. Was der Reichsr.usschuß an segensreicher Arbeit für alle Bünde leistet. braucht hier nicht näher dargelegt zu werden. Ueber das Organisatorische hinaus sieht er sich vor die Aufgabe gestellt, die Bünde zu ge s a m t j ü d i s c h e r Haltung anzuhalten oder zu erziehen. Denn bei allem Entgegenkommen, dessen sich die einzelnen Bünde befleißigen, um die gemeinsame Sache zu fördern, bleiben sie doch bedacht, ihr eigenes Gesicht zu wahren; indem sie das Charakteristische ihrer Haltung betonen, erliegen sie nur allzuoft der Versuchung, ins Exlrem steche und Separatistische abzumieten. Es ist sehr schwer, über die Jugendbewegung genaue Daten zu erhalten, sie etwa systematisch zu gruppieren und statistisch zu bearbeiten. Alles ist im Fluß. Allgemein läßt sich sagen, daß die jüdische Jugendbewegung sich in einer Periode des Aufschwungs befindet. Ihrem Ideergehalte nach unterscheiden sich deutlich drei Hauptgruppen: Deutsch-jüdisch — neutral — zionistisch. . Um einige konkrete Beispiele zu geben für die Größe und zunächst also quantitative Bedeutung der Bünde, seien hier Zahlen genannt, die mir vom Jugendpflegedezernat der jüdischen vGemeinde zu Berlin zur Verfügung gestellt wurden. Danach beziffert sich die Mitgliederzahl der deutsch-jüdischen Jtigendgemeinschaft auf 2000, des auf gleicher weltanschaulicher Basis stehenden Jugendvereins Prinzregentenstraße 150, der Reformjugend 170, des Schwarzen Fähnleins 80. Die neutrale Jugend beziffert ihren Mitgliederbestand auf rund 100, die Agudoh 150 und Esra 120. Unter den zionistischen Bünden führt Habonim mit 1000; Haschomer Hazair 300, Brith Hanoar 150; die Werkleute zählen in Berlin 250 und schließlich die Pfadfinder (JPD.) 75 Mitglieder. Die revisionistische Jugend „Herzlia" hat für ganz Deutschland 2000 Angehörige angegeben. Ein Drittel der gerannten Zahlen dürfte die schulpflichtige Jugend umfassen. Berlin weist rund 10 000 jüdische Schulkinder auf. Die Organisationen für Umschichtung erfassen in der Hauptsache die schulentlassene Jugend. Immerhin sollte die Lehrerschaft mit Interesse die Arbeit vom Hechaluz, Brith Chaluzim Datiim sowie Land und Handwerk verfolgen. Unsere Jungen und Mädchen werden in vielleicht noch stärkerem Maße erfaßt von den Turn- und Sportvereinen. Auch diese verzichten nicht auf geistige Schulung und weltanschauliche Durchbildung der ihnen zugehörigen Jugend. In Berlin sammeln von den größeren Vereinen zu körperlicher Ertüchtigung: Bar Kochba 2000. ITSC. 800, Boxklub Maccabi 450, Hagibor 350, BSG. im RJF. 300, und Boxklub Berh'n 200 Mitglieder. Wenn dieser Aufsatz im Druck erscheint, dürften sich alle diese Zahlen wiederum beträchtlich erhöht haben. Worin besteht die werbende Kraft der oben rubrizierten Vereine und Bünde? Was veranlaßt unsere Jungen und Mädchen, soviel kostbarste Jugendzeit ihren Jugendgemeinschaften auf Heimabenden, Fahrten und Trainingszeiten zu schenken? Es ist nicht einfach, den vielfältigen Motiven nachzuspüren oder sie gar auf einen Generalnenner zu bringen. Aber das ist woru '.»^ ausschließlich richtig: Es ist der Wunsch nach einem Gemeinschaftsleben, nach einer Gemeinschaft, in der man vollwertiges Glied ist, sich aussprechen und geben kann ohne Künstelei und Verstellung, und wo man- Verständnis findet. Was ergibt.sich daraus für uns? Die Erkenntnis, daß noch immer nicht das heutige Elternhaus wie auch die Schule jene Lebensgemeinschaft bilden, zu der unsere Jugend restlos Vertrauen hat, nach der sie s:ch sehnt. Ich untersuche nicht die Schuldfrage, sondern stelle nur fest, daß wir in ener Vertrauenskrise leben und das Ziel der Schule wie das des Elternhauses wird es sein müssen, das Vertrauen der jungen Generation von neuem zu erwerben. Die Jugend sucht nicht nur die Gemeinschaft — sie sucht zugleich den Führer der Gemeinschaft; jeder ernze!ne sucht sehien Führer. Das Bedürfnis der Jugend nach Anlehnung, nach A u t o r i t ä.t ist größer als manche Eltern oder Erzieher es währ haben wollen. Kommen wir der Jugend entgegen, fordern wir von ihr straffe Disziplin! Sie wird es uns danken. (Es ist bei dieser-Mentalität der Jugend gar nicht verwunderlich, daß Bünde mit fast militärischem Charakter überaus starke Frequenzen aufweisen.) Gesunder Tatendrang, übersteigerter Geltungstrieb, Abenteuerlust, manchmal auch gewisse erotische Bindungen, die durchaus nichts Verwerfliches und Sträfliches zu sein brauchen, führen die Jugendlichen zusammen, ketten sie aneinander, so daß sie bald eine geschlossene Front bilden. Wohin diese Front sich wendet, wofür s:e eintritt, wogegen sie Sturm läuft, das hängt zu allermeist von den Qualitäten ihres Führers ab. Bei allen Grenzen, die der Erziehung gesetzt sind: Ein gutes Wort zur rechten Zeit, ein gutes Beispiel oder auch eine Strafe, d:e als gerecht empfunden wird, haben, schon manchen Erfolg gezeitigt. Aber ein Vorbild, ein Held begeistert und spornt zur Nacheiterung an. Der Jugendführer erscheint seiner Gruppe als die Idealgestalt, der nachzustreben ist. Der Führer kann seine Gruppe zu den höchsten Höhen führen; er kann sie aber ebenso mißbrauchen zur Erreichung kleinlicher, niedriger, eigensüchtiger Wünsche. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die Jugend gesunden Instinkt hat. Einzelne unlautere Elemente werden bald a's solche erkannt und abgeschüttelt. Dennoch: in der Führerfrage liegt der Schlüssel zur gesamten Jugendbewegung! H:er hat die Aufgabe der verantwortlichen Lehrerschaft e'nzusetzen. * Wir haben dafür zu sorgen, daß Schule und Bund eine Front bilden und nicht gegeneinander marschieren. Wir können das erreichen, wenn wir den re'fen Führern, den verantwortungsbewußten, das Rückgrat stärken; wenn wir mit ihnen an einem Tisch sitzen und alle wesentlichen und auch strittigen Punkte in kameradschaftlicher Weise durchsprechen. Die Jungen und. Elastischen unter uns sollten in verstärktem Maße aktiven. Ar teil nehmen an dem Leben der Bünde. Nicht von oben herab in jugendpflegerischer Art alten Stils, sondern als einer der ihren, mit ihnen, zwischen ihnen! Eine große Aufgabe harrt in dieser Bez;ehung der Durchführung seitens des Reichsausschusses und der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung: die überbündische Führerschulung. Zwischen Haus, Schule, Jugendbewegung darf es keinesfalls zu Kompetenzstreitigkeiten kommen, hier muß eine Befriedung eintreten, die von allen Seiten respektiert wird. Der jüdische Lehrer fühlt sich seit jeher nicht nur beauftragt von Regierung und Gemeinde zum Zweck bloßer Wissensübermittlung. Er fühlt sich berufen zum Treuhänder der jüdischen Jugend. Er will nicht bevormunden, wohl aber vermitteln und ausgleichen. Er will dem Elternhaus nichts ab-

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