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Jüdische Schulzeitung · 1934-08-31 · 9 (31.8.1934) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
9 (31.8.1934)
Date
1934-08-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung Nummer bat. daß man sich an ihm fernhalte von allem lauten Getriebe des Alltages; daß man in einer durch das Oesetz gebotenen räumlichen Enge verbleibe, auf daß die Seele in der Stille geistiger Sammlung sich auf das besinne, was nichts mit dem werktätigen Ablauf des Daseins zu tun hat. Eine gewisse Beschaulichkeit, das Wort imrechten Sinne genommen, wird .vom Schabbat gefordert. Wer sich sportlicher Betätigung hingibt, wer „auf..Fahrt geht" an diesem Tage, der hat nicht den Oneg Schabbat;, von dem das Gebet spricht. Das muß gesagt werden, auch wenn diese Meinung als reaktionär und weltfremd verschrieen werden sollte. In alten Zeiten hat sich die Mäunergemeinde „nach Schul" immer zum Schiur eingefunden, und haben die Frauen in ihrer „Zennerene" gelesen. So wurden ihre Gedanken weit weggelenkt von den Anliefen des Alltags in die Welt frommen Sinnierens. Die Art, in der dann der Tag durch die Gestaltung der Mahlzeiten und durch die weiteren Gottesdienste aufgeteilt wurde, gab ihm seinen- Rhythmus. Wenn auch andre Zeiten andre Ordnungen Verlar.gen, so muß doch irgendwie an die Ueberlieferung angeknüpft werden. Und so ergibt sich auf der einen Seite die Notwendigkeit des „Lernens", auf der andern die einer rhythmischen Gestaltung, des Schabbattages. Es darf gesagt werden, dal,', die Geneigtheit zum Lernen in weiten Kreisen der Jugendlichen vorhanden ist. Wird auch — mit Recht — der flache „Religionsunterricht" abgelehnt, so setzt man sich gern zusammen, um sich in gediegener Art über Jüdisches belehren zu lassen. Die Voraussetzungen der Wiederbelebung des Schiur sind, vom Schüler" her, gegeben, und es fragt sich, ob das gleiche gilt vom Lehrer her. Es führt nicht weiter, wenn man die Augen vor den Tatsachen verschließt und nicht eine klare Sicht zu gewinnen sucht in die Verhältnisse, in die wir hineingestellt sind. Wir müssen einsehen, daß die Weise, in der vielfach Kenntnis vom Judentum an d;e Schüler herangebracht werden sollte, nicht mehr den Anforderungen gemäß ist, die unsere Zeit mit vollem Recht stellt. Wer da weiß, wie neuerdings die Männer der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung zu Werke gehen, um jüdisches. Gedankengut lebendig zu machen, der weiß auch, wie notwendig es ist, daß von den meisten jüdischen Lehrenden neue Wege gegangen werden müssen, wenn ihre Arbeit Erfolg haben soll. Nur dann, wenn es ihnen gelingt, sich mit neuartigen Lehrmethoden vertraut zu machen, dürfen sie hoffen, eine Gefolgschaft unter den Jugendlichen zu finden. Die Schabbatnachmittage haber?, da sie ja schon immer unterrichtsfrei waren, von der Jugend selber ihr Gesicht erhalten. Dort, wo das Vereins- und Bundesleben blüht, wo ein Jugendheim zur Verfügung steht, da pflegt sich seit langem am Schabbatnachmittag ein reges Leben zu entfalten. Es ist ganz gewiß nicht* durchweg wertvolle Arbeit, die dort unter der Leitung junger Menschen geleistet wird; aber der Rahmen, in dem sich die Heimnachmittage bewegen, ist gut, und es bedarf nur der Mithilfe einsichtiger wissender Führerpersönlichkeiten, um auch hier Ersprießliches zum Oneg Schabbat zu schaffen. Läßt es sich ermöglichen, etwa das Mincha- und Maaribgebet mit anschließender tiabdala einzufügen" so gewinnt auch der Nachmittag seinen Schabbatrhythmus, und der Tag ist vom Beginn bis zu Ende herausgehoben aus dem Gefüge der Woche. Es versteht sich von selbst, daß die Ausgestaltung des freien Schabbat mit den verschiedensten Mitteln erfolgen kann. Beispielsweise wird der Gesang eine erhebliche Rohe spielen, ebenso das lebendige Gespräch, das auch alle Gegenwartsfragen umfaßt. Entscheidend dafür, ob es gelingt, wirklich einen dauernd junge Menschen ansprechenden Oneg Schabbat zu formen, sind die Kräfte, die als Führer zur Verfügung stehen werden. Die Lehrerschaft wird hier eine dankbare Aufgabe vorfinden. Sie wird sie leisten können, wenn sie selber jung bleibt und wenn' ihr in den Bildungsanstalten-das Rüstzeug mitgegeben wird, dessen sie in ihrem Amt bedarf. Der dritte Erziehungsfaktor von Johannes Wolff, Berlin Neben Elternhaus und Schule sind die Jugendbünde der dritte wesentliche Erziehungsfaktor. Das Gewicht ihrer Bedeutung ist wechselnd: Es gibt Elternhäuser mit so ausgeprägter Lebensform, mit so bestimmten Elternpersönlichkeiten, daß Schule und Bund daneben verblassen. Dieser Fall bildet jedoch die Ausnahme von der Regel. Viel öfters schon treffen wir heute auf Ute TntMUChä, daß dlö Schule mit ihrer Autorität in den Vordergrund rückt; so besteht dadurch vielfach die Möglichkeit, seitens der Schule das Haus zu beeinflussen. Immer stärker, ja fast beängstigend an Ausmaß und Intensität sehen wir die Bünde das Primat der Erziehung anstreben- Für die Masse der Schüler stellen sie heute einen wichtigen, für sehr viele von ihnen den bestimmenden Erziehungsfaktor dar. Nun darf es keinen Lehrer geben, der sich nicht über das Wesen der bündischen Erziehung, über ihr Werden und über ihren Weg klar ist. Niemand hat das Recht, die Bünde der Jugend als quantite negligeable zu betrachten. Der einsichtige Erzieher hüte sich vor Urteilen, die er vielleicht aus dem Gefühl der Abneigung oder Zuneigung zu einzelnen örtlich begrenzten Gruppenbildungen fällt. Nur eiu Urteil, das sich auf umfassende Kenntnis der Verhältnisse stützt, ist unser würdig und wird zugleich der Bedeutung gerecht, die den Bünden heute zukommt. Im folgenden soll einiges über Aufbau und ideelle Ausrichtung der jüdischen Jugendbewegung ausgesagt werden. Dabei will ich da und dort versuchen, eine Deutung der psychologischen Situation der bündischen Jugend zu unternehmen. * Die jüdische Jugendbewegung in Deutschland ist, geschichtlich betrachtet, eine — wenn auch zeitlich um ein Jahrzehnt später auftretende Parallelerscheinung zur deutschen Jugendbewegung. Der deutsche Wandervogel mit seiner unbändigen Sehnsucht nach der Natur und natürlicher Lebensgestaltung, mit seinem neuen Gemeinschaftssehnen, mit aller Abenteuerlust und Romantik, die ihm in seiner Frühzeit anhaftete -- er stand Pate auch bei der jüdischen Jugendbewegung in Deutschland. Bünde wie der „Blau-Weiß" auf der zionistischen Seite oder die deutschjüdische „Kameraden"-Bewegung waren in ihrer äußeren und jnneren Haltung stark vom deutschen Wandervogel beeinflußt! Der große Krieg und seine besonders für Deutschland schmerzlichen Folgen veränderten die Struktur der deutschen Jugendbewegung. Das Negative (Stadtflucht, Ablehnung konventioneller Formen u. a. m.) genügte nicht mehr; die nationale Frage, das soziale Problem standen im Mittelpunkt der Aussprache. Völkische und religiöse Besinnung und eine politische Idee oder auch nur Utop:e erfüllten die Jugend. Es genügte ihr nicht mehr, sich selbst zu leben. Sie erhob den Anspruch, mitzuschaffen am Neuaufbau von Volk, Staat, Gesellschaft. Sie hatte positive Ziele und wußte sie beharrlich zu verfolgen. Die Wende, die das Jahr 1933 brachte, war in der Jugend und durch sie vorbereitet. Und die nationalsozialistische Welt weiß um die Bedeutung der bündischen Jugenderziehung, schenkt ihr die größte Aufmerksamkeit, baut sie organisch ein in das Staatsgefüge und gibt dieser Staatsjugend auch in der pädagogischer Provinz einen breiten Raum. Deutschland steht am Anfang einer neuen Erziehungsepoche: Schule, Elternhaus, Hitlerjugend heißen die drei Faktoren, diesich künftig in die Erziehungsgewalt teilen werden. Schule, Elternhaus, . . . (Bund) heißt die Formel für unsere jüdischen Verhältnisse. Bis zum Jahre 1933 ging die Entwicklung der jüdischen Bünde einen ähnlichen Weg, wie ich ihn oben für die deutsche Jugend angedeutet habe: die nationale Einstellung, das Bekenntnis zu sozialistischen Lösungen war vielfach ausschlaggebend. Allmählich entwickelten sich nach den verschiedenen politischen und religiösen jüdischen Parteien ausgerichtete Bünde, Häuflein, Gruppen, Scharen, sekten- und ordensähnliche Gebilde, Arbeitskreise — und Gemeinschaften in einer Vielzahl, die in keinem Verhältnis zu

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