Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 8 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 8 Jüdische Schul zeitung Seite 13 voll zur Höhe getragen, -eine völlig neue Sicht in die philologischen und Sinn-Zusammenhänge der Sprache zeitigte. Es gilt aber auch von der Entwicklung geschichtlicher Situationen, wie sie Ernst Simon und Erich Rosenblüth aufwiesen; Nimmt man hinzu die übrigen Kurse und Vorträge, die aus der lebenzeugenden Glut.-dieser Zeit ihren Schwung erhielten, wvd* vergegenwärtigt märt sich, wie das alles sich in einer wirklich hingegebenen Gemeinschaft vollzog, so weiß man, worin das Neuartige dieser Tagungen beschlossen liegt. Prellich, in einer Woche läßt sich nur beginnen, nur ein erster Ausblick gewinnen. Wie nun der aufgerührte, in die Vereinzelung heimgekehrte ..Schüler" weiterarbeiten wird können, das scheint nicht ohne weiteres klar zu sein. Wer in einer Großgemeinde wirkt, dem wird s:ch Gelegenheit bieten, das begonnene Werk fortzuführen. Ein Zusammenschluß Gleichstehender ist leicht; auch Kräfte zur Führung sind vorhanden. Ungünstiger sind die Verhältnisse in den Mittel- und Kleingemeinden. Und gerade dort bedarf es dauernder Einwirkung auf jüdische Meeschen. JD.ie Arbeitsmethode der Mittelstclle zeigt den Weg auf. Die üblichen Konferenzen der Lehrer aller Gattungen entsprechen nicht mehr den Erfordernissen unseres Zeitalters. Die vereinsmäßige Erledigung von Formalien und Referaten auf den Tagungen ist unzureichend. Neben sie hat zukünftig die Arbeitsgemeinschaft zu treten, die ihr Vorbild jetzt vor sich sieht. Sie muß in kurzen Abständen; zusammentreten und nach einem Plan zu Werke gehen, der aufbaut auf den Ergebnissen de' Arbeit, die von der Mittelstelle geleistet wird. In diesem Zusammenhang darf auf mutige Versuche einiger Bezirke unseres Verbandes hingewiesen werden. Entscheidend für den Frfolg sind natürlich die führenden Köpfe auf derartigen Tagungen. Offen sei es gesagt, daß wir deutschen Juden nicht sonderlich reich s'nd an Persönlichkeiten, die Wissen und Lehrgabe so in sich vereinigen wie die Leiter der Mittelsteile. Die Gesamtheit reißt s'ch — dies Wort sei hier nicht übel genommen — um die paar Männer, die unermüdlich auf und abreisen und dennoch nicht in der Lage sind, alle Wünsche zu erfüllen. D:e Reichsvertretung der deutschen Juden', unter deren Schirmherrschaft ja die Mittelstelle wirkt, mag einmal erwägen, oh nicht in Berlin oder in Frankfurt ein ganzes Wintersemester eingerichtet werden könnte für solche Lehrer, die ihren Bezirk zu betreuen wünschen; ob nicht die vorhandenen theologischen Lehranstalten einbezogen werden gönnten in die Fortbildungsarbeit, die getan werden muß, wenn der Zustrom geistigen Lebe'ns nicht sein Ende finden soll in den wenigen Zentren, die er bisher erreicht. (Wir möchten — das sei hier ausdrücklich gesagt — in keinem Sinne Kritik üben an dem Wirken der bestehenden Lehrerbildungsanstalten. Sie haben die Aufgabe, Lehrer heranzubilden. Darum handelt es sfch hier mcht. sondern darum. Lehrende, die bereits im Amt stehen, immer wieder anzuregen und auf der Höhe zii halten.) Weiterhin wäre es zweckmäßig, den wenigen Kräften, auf die das Werk der Erwachsenenbildung augenblicklich noch gestellt ist. die Möglichkeit zu geben, auch aus der Ferne geistig zu führen. Das hätte durch regelmäßige Korrespondenz zu geschehen, durch eine Art Fernunterricht, dessen' Organ etwa die Rundbriefe se'n könnten, mit deren Versendimg jüngst begonnen worden ist. Wenn sie wissenschaftliche Abhandlungen und. Lehrgänge enthielten, dazu ein regelmäßig erscheinendes Quellenverzeichnis, so wäre hier ein Instrument geschaffen, das wertvollste Dienste leisten könnte. Leitsätze zur Bildungsfrage Von Prolessor Dr. Moritz Werner-Frankfurt a. M. 1. Da die Ueberschätzung des Abiturientenexamens bei uns zwangsweise aufhört, kommt Neugründung jüdischer Vollanstalten bzw. Oberstufen nicht mehr in Frage. 2. Die einimal vorhandenen Oberstufen sind jedoch für den nötigen akademischen Nachwuchs •-- der sein Universitätsstudium meist im Ausland absolvieren wird — im allgemeinen zu erhalten und müssen sogar um seinetwillen namentlich in der humanistischen Richtung (ev. durch Gabelung) noch ausgebaut werden. 3. Neugründungen — abgesehen von der allenthalben' nötigen Vertiefung — werden im wesentlichen, wie die wenigen alte.it jüdischen Schulen Deutschlands, Reai- oder Bürgerschulen, nach heutiger Terminologie: Mittelschulen mit mindestens einer pfHehtmülilgen Fremdsprache (außer ' Hebräisch natürlich) so n müssen. 4. Wichtigstes Fach des Unterrichts ist für alle Stufen auf Grundlage der deutschen Muttersprache und Literatur und neben deren dauernder Pflege die Originalsprache unsere.- B bei und unserer Gebete, von deren Kenntnis kein Schüler befre't werden kann, damit allen der Zugang zu den Quellen des Judentums fürs Leben geöffnet wird. 5. Darüber hinaus muß, da alle Kenntnisse auch Mittel zum Zweck der Charakterbildung sind, jegliches Unterrichtsfach von Geist und Wesen des Judentums durchtränkt sein; auf keiner Stufe und »n keinem — auch dem „technischsten" — Fach ist ein Lehrer denkbar, der nicht über das erforderliche jüdische Wissen verfügt. 6. -Deshalb ist die Frage der jüdisch-deutschen Schule und ' damit vielleicht der Existenz des Judentums* in Deutschland — in erster Lin e efcwe Frage des jüdischen Lehrers und seiner Vorbildung. 7. Außer den in allen namhaften Gemeinden nötigen sog.- ..Lehrhäusern" zur Weiterbildung der Schulentlassenen und älterer Erwachsener — keineswegs n u r in jüdischen Disz;plinen, aber immer auf stark betonter jüdischer Grundlage — brauchen wir an drei oder vier großen jüdischen Zentren die in streng pädagogischer Stufu:r:g aufgebaute ..jüdische Hochschule" zur Ausbildung der Studierenden aller Fakulläten. vor allem aber der Rabbiner, Lehrer, Kantoren, ohne Unterschied zwischen Akademikern und Nichtakademikcrn. 8. Für dieses „jüdische Hochschulwcrk" — im Gegensatz zu dem bisherigen „jüd'schen Schulwerk" —• werden sich in Zukunft Gemeinden, Landesverbände und andere Gruppen mit allen M'tieln einsetzen müssen, ebenso wie für ein umfassendes Stipendienunternehmen, zu Studienaufenthalten im In- und Ausland. 9. Zu warnen ist vor allem Schlagworthaften, Konjunkturmäß'gen im Unterricht, sei es die Uebertreibung des Sports oder der leicht zur Sp'elerei ausartende Betrieb von Handwerk und Landwirtschaft in der Schule. 10. Für die ungemein wichtige Umschichtung hat auf den Gebieten der Landwirtschaft c;ne konzentrierte Betreuung der bereits vorhandenen Lehrgüter und Gartenbauanstalten einzutreten. Zur handwerklichen Ausbildung müßte für ga:riz Deutschland eine mustergültige jüdische Fachschule geschaffen werden. 11. Lehrplanmäßig — wofür hier eigentlich der Ort nicht ist — muß das Hebräische, wenn man den ganzen Stufenaufbau übersieht, vom flotten Lesen, auch des sog. rabbinischen oder Raschi-Druckes und unter Einschluß der hebräischen Kursivschrift, über Göhet- und Bibelübersetzen mit Grammatik und leichten Sprechübungen bis zu den Propheten und Psalmen — namentlich mit der Erklärung Raschis — und zum Talmud führen. Zu frühes Ueben des sog. Neuhebräisch gehört zu den zu vermeidenden „Konjunkturaufgaben". 12. Nur beispielsweise werden für die Durchdringung der übrigen Fächer mit dem Jüdischen genannt: das Ausgehen von der Geschichte der Juden für d'e Weltgeschichte, der Palästina-Aufbau für Handels- und Wirtschaftsgeographie, die jüdisch-deutsche Literatur für die grammatische Vertiefung, cter deutschen Muttersprache, das jüdische Element in der deutschen Literatur von He-