Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 8 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Jüdische Schulzeitung Nummer S bräische Sprache immer noch lexikalisch, syntaktisch und phraseologisch wächst, wurden die Beweisführungen Prof. Weils, die auf allseitiges großes Interesse stießen, erhellt. Den Höhepunkt der Arbeitstagung bildete der Bibelkurs von Martin. Buber. Zugrundegelegt wurde der Text des Richterbuches Kap. 6—9, jene Kapitel, die von Gideons Berufung, Kampf und Ende berichten. Die Interpretation geschah so, daß der Text auf das peinlichste befragt wurde, daß aber Erklärer zur Erläuterung mancher schwierigeren Stellen nicht herangezogen wurden, und zwar mit Absicht, weil das Wort unmittelbar seine Ansprechbarkeit erweisen sollte. Und das geschah in vollem Maße. Eine Fülle wichtiger Fragen, wie Theokrat:e\ der Begriff des Wunders; die Berufung des erwählten Helden, objektive, subjektive Sünde wurden in ihrer Tiefe erkannt und von ihrer Tiefe, aus geklärt. Das Gewicht, das dem bi'blischen Wort anhängt, wurde nicht gehoben, sondern festgestellt. Das Resultat der Interpretation war die Erkenntnis, daß das Wort de/ Bibel nicht nur eine objektive Wahrheit gibt, sondern auch eine auf das Subjekt bezogene, eine Wahrheit, die unmittelbar zum Leser redet. Das Wort will nicht aufgenommen werden als Wort der Lehre allein, sondern es tritt an den Menschen heran mit dem Anspruch der Gestaltwerdung und Formwerdung. Zu diesem unmittelbaren Ansprechen und Angesprochenwerden vermochte Buber hinzuführen. Dabei blieb die Irrationalität des Textes, die vielseitige Ausdeutungsmöglichkeit gewahrt, so daß man nicht den Eindruck der eindeutigen rationalen Festlegung bekam, sondern jeder konnte entsprechend seiner Art das ihn Ansprechende heraushören, ohne in Subjektivität zu verfallen und den allgemeingültigen Anspruch zu leugnen. Ein Abend der Tagung war der allgemeinen Aussprache über die Not der Landgemeinden gewidmet. Prof. K a n t o r ow i c z, Frankfurt a. M., legte die Ziele und die Arbeitsmög- Üchkeiten der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung dar. Die Mittelstelle will eintreten für vertiefte jüdische Bildimg_und namentlich auch der geistigen Not der Landgemeinden steuern. In einer zweiten abendlichen Zusammenkunft referierte Ernst Simon über „die Bedeutung Palästinas für die.Erziehung der jüdischen Jugend in Deutschland." Er forderte die Vermittlung der Kenntnisse über Palästina in atmosphärischer und stofflicher Beziehung. Der Weg, der zum neuen Palästina führe, gehe durch die alte hebräische Literatur, und gründliches Erlernen der Sprache sei die unerläßliche Vorbedingung dazu. Er warnte vor einer völligen Unterschätzung der Diaspora: ,.Palästina soll nicht gebaut werden auf den Trümmern der Diaspora, sondern mit einer starken Judenheit." Er warnte auch vor dem jüdischen Nationalismus im üblichen Sinne, denn der Jude müsse wissen, daß er nur Zugang habe zur Weltgeschichte durch sein „Anderssein". Es verdient noch hervorgehoben zu werden, daß die Tagung in einer echten jüdischen Atmosphäre vor sich ging, die dem Teilnehmer die angenehmsten Eindrücke mitgab. Das ist vor allem zu danken Herrn Rabb. Dr. Jakobs und Frau, der Leitung des jüdischen Kinderheims und de.r dort arbeitenden Hachscharahgruppe junger Mädchea Studienrätin Dr. Esther Frank, Köln. Lehnitz Die Tagung in dem anheimelnden Erholungsheim des Jüdischen Frauenbundes in Lehnitz währte vom 1. bis zum 8. Juli. Sie war nicht nur von jungen, ins Amt eintretenden Kollegen besucht, sondern auch von einer erfreulichen Anzahl älterer Herren und Damen. Im Mittelpunkt der Arbeit Standern die Kurse Martin Bubers, Ernst Simons, Erich Rosenblüths, Woskins und Reznikows. Martin Buber behandelte die Hagar- und Bileamerzählungen der Bibel. Es ging ihm darum, nachzuweisen, daß die Bibelsprache eine Sprache der Botschaft sei, in sich streng gefügt, knapp, treffsicher und deshalb jeder Abänderung entzogen. Selbst die erzählenden Teile wiesen den Charakter der Botschaftübermittelung auf. Eines der Stilmittel sei die Lautwiederholung. Sie sei für die Svnnermittchmg ebenso relevant wie der Parallclismus membrorum. Erich R o s e n b 1 ü t h und Ernst Simon stellten zwei historisch bedeutungsvolle Persönlichkeiten vor die Hörer hin: Jochanan b e n S a k k a i und J o s c 1 - mann von Roshcim. Beide Männer wirkten in Zeiten, da allgemeine und jüdische Geschichte sich aufs engste verflochten. Beide auch erfüllten ihr Dasein mit Kämpfen, wie sie gerade heute der bedrängten Judenheit zu führen auferlegt sind. Eben dieses Inbeziehungsetzcn längst vergangener Zeiten zur lebendigen Gegenwart gab den Darlegungen beider Dozenten ihren hohen Wert. R e z n i k o w und W o s k i n befaßten sich mit der innern Beschaffenheit der hebräischen Sprache und gaben damit den Hörern ganz neue Ausblicke .in ihr Wesenhaftes. An jedem-Tage wurde dann über ein für den jüdischen Unterricht wichtiges Thema referiert. Rektor Dr. Stern- Berlin gab den Auftakt durch einen Vortrag über die Probleme der jüd. Schule unserer Zeit. Er erörterte die Frage des Hebräisch- und des Deutschunterrichts und die der weltanschaulichen Erziehung unserer Jugend. Dr. Erna Barschak-Berlin legte einen Lchrplan für den Geschichtsunterricht vor, der eine Verknüpfung der allgemeinen und jüd. Geschichte auf weite Strecken hin vorsieht. Martin Buber selber sprach über den Religionsunterricht. (Wir hoffen, seinen Vortrag im Wortlaut bringen zu können.) Ueber das heute wesentlich gewordene Gebiet der jüdischen Gegenwartskunde referierten die Herren Dr. L u b i n s k i, Gärtner und Dr. Franz 0 11 e n d o r f. Dr. Lese Ii nitzer behandelte die Frage" des Deutschunterrichts in der jüdischen Schule. Er wies auf den Mangel geeigneter Lesehefte hin und legte zwei Hefte vor, die er im Auftrage der Reichsvertretung zusammnegestellt hat. Zu einem unvergeßlichen Erlebnis wurde eine Sabbatfeier, der Martin Buber das Gepräge gab. Mitten hinein in die Arbeit kam die Trauerkunde vom Heimgang B i a I i k s. Ernst Simon gedachte dieses großen jüdischen Menschen in einer Ansprache. Die Teilnehmer schieden aus Lehnitz mit dem Bewußtsein, zu einer wirklichen Gemeinschaft geworden zu sein- Ausblick Die „Mittelstellc für jüdische Erwachseneubildung" hat sich in Herrlingen nicht nur im Aeußern konstituiert, sie hat in Stunden ernster Erprobung auch eine* Sicht zu gewinnen versucht in die Weise der geistigen Arbeit, die geleistet werden muß. In Kreuznach und Lehnitz ward es offenbar, daß der rechte Weg gefunden sei. Rückschauend auf den Verlauf dieser Tagungen darf heute festgestellt werden, daß namentlich die Lehrerschaft, die offiziell zu den vorbereitenden Herrlinger Verhandlungen leider nicht gebeten war, einer Dauerverstimmung keinen Raum gegeben und sich zum Lehren und zum Lernen eingestellt hat. Diese Haltung ist deshalb besonders begrüßenswert, weil unsre Zeit wie selten eine strenge Anforderungen an die Betreuer der jüdischen Jugend stellt und verlangt, daß sie wissenschaftlich und pädagogisch nicht in der Niederung der Gewohnheit verharren, sondern bereit seien, immer wieder Neuland zu betreten. Lauscht man den Schilderungen, die Teilnehmer von der Arbeit in Kreuznach und Lehnitz gaben, liest man die Berichte über den Verlauf der Tagungen, so gewinnt man den Eindruck, daß man sich hier in einer Weise um Wissen vom Judentum bemüht habe, die durchaus anders ist als die, in der früher die Lehrerbildungsanstalten zu Werke gegangen sind. Das gilt namentlich von der Behandlung der Quellen- Schriften, die, vom genialen Bibeldeuter Martin Buber wunder-