Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 8 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nummer 8 Jüdische - Schulzeit'ung Seite II erdrückenden Kindruck eines Situationsberichtes von Dr. Landau aus dem. Ostoderland. — In einem Arbeitskreis ijber Lehnnittel wurde die Errichtung eines Zentralinstituts zur Vermittlung und ständigen Ausstellung von Lehrmitteln und die StiJmffüim einer bibliosmphisehen Zentralstelle angeregt. Methodische Arbeiten für den hebräischen Unterricht, Präperationen zu hebräischen Texten, geeignete Lesehefte sollen in Zusammenarbeit mit dem Erziehungsausschuß der Reichsvertretung herausgegeben werden. Außerdem bildete sich ein überbündischer Arbeitskreis, der aus den Leitungen der wichtigsten Jugend- und Chaluzbünde besteht und vor allem gemeinsame Führerschulungskurse organisieren wird. Viertelstunden des Wartens vor oder zwischen den Sitzungen, die meist.im Garten des Landschulheims stattfanden, wurden durch gemeinsames Singen unter Karl Adlers frischer Leitung zu Entspannungen. Beim Aufbau eines jüdischen Volksmusikwerks wird man diesen Mann hoffentlich an führender Stelle sehen. Dieses Laiensingen und anschließende Ausführungen K. Adlers regten zu einer Aussprache über Aufgaben einer „musischen" Erwachsenenbildung an, die hauptsächlich in kleinem Kreise zu Ergebnissen führten. Die eigentliche Volksbildung wird von Berufsorchestern in verkleinertem Maßstab, wie sie heute hauptsächlich die Arbeit der Kulturbünde schaffen, nicht geleistet werden. Wie das „somatische Gespräch" (Kantorowicz) die Form der Erwachsenenbildung sein muß, so kann auch nur die Aktivierung weiterer Kreise von künstlerischen Laien eine wirkliche Volksmusikbewegung schaffen. Die hierzu notwendige Fähigkeit der Auflockerung kann nicht von; jedem Fachmusiker oder Schulmusiklehrer erwartet werden, denn es fehlt eine methodische Schulung der Volksmusikleiter. Als Vorbereitung zu einer Belebung des Volkssingens wurde eine Schulungswoche in Berlin unter Adlers Leitung in Aussicht gestellt. Vor allem sollen geeignete Bundesführer gewonnen werden, um die bündische Singtradition, die die Ereignisse des letzten Jahres unterbrochen hatte, wieder aufzunehmen. — Auch die pädagogische Bedeutung des Laienspiels soll, besonders in den Schulen, wieder zur Pflege dieser Kunstgattung anregen. Hans Epstein berichtete von ermunternden Versuchen und Erfolgen mit seinen Quartanern am Philanthropin, die aus biblischen Stoffen ihre eigenen Stücke in kollektiver Arbeit selbst schreiben und aufführen. ~ In der Körperbildumig muß der Ausgleich zwischen nachgeahmtem Berufssportlertum und dem Typ des Tribünenzuschauers erst noch geschaffen werden. — Sammelte man am Ende der Tagung die starken Eindrücke der Teilnehmer, so schienen drei vorzuherrschen: die Persönlichkeit Bubers, durch die ein „echtes Gespräch" möglich wurde; die wirkliche allgemeine Bereitschaft zu einer Aufbauarbeit, für die kein noch so „unbekannter Jude" gleichgültig ist; und das Landschulheim Herrlingen, dessen Leben ein/en heiteren und sinnvollen Hintergrund für die Diskussion über Erwachsenenbildung abgab. Kurt Bergel. Kreuznach Kurze Zeit nach der Herrlinger Konferenz, in der Absichten und Ziele programmatisch festgelegt worden waren, veranstaltete d;e „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung" eine Arbeitstagung in Bad Kreuznach, die im dortigen jüdischen Kinderheim ihren Tagungsort fand. Die Absicht der Veranstalter war, in einer „Lernzeit" jüdischen Menschen, die — als Lehrer oder Jugendführer — in jüdischer Erziehung und. jüdischem Unterricht ihre Leistung zu geben haben, zu zeigen, welche überreichen Möglichkeiten pädagogischer und Bildungswirklichkeit im jüdischen Stoff — sei es Sprache, Geschichte oder Sprach- und Literaturdenkmal, — verborgen s'nd, die ans Licht zu heben und Wirklichkeit werden zu las-. sen, Aufgabe und Verpflichtung ist. In vier Arbeitsgemeinschaften, die1 Arbeitsgemeinschaften im wörtlichen Sinne wurden: Gemeinschaft zwischen Nehmendem und Gebendem und so echtes Gespräch wurden, wurde die Aktivierungs- und Aktualisierungsmöglichkeit der jüdischen Disziplinen dargetan. 2wel ArbeitMisemeinselmften 'bemühten »ich um die Aufhellung jüdischer Geschichtsgetfebenheiten, eine Arbeitsgemeinschaft behandelte die Probleme, die beim hebräischen Sprachstudium sich aufdrängen, und eine Arbeitsgemeinschaft beleuchtete an einem instruktiven Beispiel der Bibel das hebräische Sprachdenkmal und wies seine '„Mündlichkeit" (ein Wort von Franz Rosenzweig) auf, seine Ansprechbarkeit. Die Arbeitsgemeinschaft, die sich mit einem Beispiel aus der neueren Geschichte auseinandersetzte, wurde von Dr. Ernst Simon geleitet. Sie behandelte die Zeit Josel von Rosheims und stellte seine Gestalt in den Mittelpunkt, weil sich an ihm und in ihm als an einem charakteristischen Judentyp des Mittelalters die entscheidende Art des Reagierens und Agierens des mittelalterlichen Juden und des Juden überhaupt aufzeigen ließ. Um Joseis Art, sich in seiner Zeit und seinem Raum zu bewegen, aufzeigen zu können, erarbeitete^ Ernst Simon zunächst Zeit und Raum, in denen sich das Leben Joseis abspielt. Vom jüdischen Geschichtsbewußtsein aus gesehen ist Joseis Zeit — und damit sind seine Erlebnis- und Formungsgegebenheiten erwiesen — dadurch gekennzeichnet, daß in ihr die spanische Katastrophe geschient, daß dadurch die Kabbala, die bisher in Konventikeln gepflegt wurde, Volksbewegung wurde, und so die pseudomessianische Bewegung auslöste, mit deren damaligen Ideenträgern David Reubeni und Salomo Molcho Josel in Beziehung tritt. Vom allgemeinen Geschichtsbewußtsein aus gesehen ist es die Zeit Karls V. und ge'stesgeschichtlich durchaus bestimmt durch Luther. Die Zeit Josel von Rosheims trägt also alle prägnanten Züge jüdischer Geschichte: sie ist reich an Ereignissen, die den Juden zur Selbstbesinnung führen, die ihn durch Abgrenzung von neu entstandenen Lehren die eigene Lehre bewußter erkennen lassen und die ihn zum Helfer und Bruder seines Nächsten werden lassen. Dem entsprechend, so .„wurde aufgezeigt, ist die Tätigkeit Josel von Rosheims eine dreifache: er ist Vertreter und Sachwalter der Juden vor den weltlichen Instanzen, er ist Apologet seines Glaubens, und er . versucht, zur Selbstbesinnung und Umkehr aufzurütteln. Durch sehr reichliches Heranführen an das Quellenmaterial wurde dem Hörer zweierlei vermittelt; einmal wurde ihm selbst das beispielhafte Bild belebt, und zweitens zeigte Ernst Simon, w;e man fernes zeitliches Geschehen in erwärmende Nähe rücken kann, ohne in billige Aktualitätshascherei zu verfallen- Die zweite Arbeitsgemeinschaft beschäftigte sich mit e;ner ganzen Geschichtsperiode, nämlich mit. der Zeit Esras und Nehem'as. Sie wurde von Dr. Erich Rosenblüth geleitet. Er versuchte, das Bild jener Zeit gegenwartsnah zu gestalten. Unter Zugrundlegung des Textes der Bücher Esra und Nehemia und unter sorgfältiger und genauer Ausdeutung dieser Geschichtsquelle wurde eine Anschauung jener grundlegenden Epoche vermittelt und durch Einbeziehung in den vorderasiatischen Kulturkreis ausgeweitet. Die form- und gestaltgebenden Kräfte des Judentums wurden sichtbar und erwiesen ihre Gültigkeit für jeden Raum und jede Zeit. Die dritte Arbeitsgemeinschaft, geleitet von Prof. Weil. Frankfurt a. M., beleuchtete Fragen der Methodik der hebräischen Sprache. Eindeutig und überzeugend wurde nachgewiesen, daß ohne ein grammatisches Gerüst die hebräische Sprache wohl erlernbar sei, der Lernende aber zum Verstehen der Literaturwerke nicht vordringen könne; denn die Eigenart der hebräischen Sprache besteht darin, daß sie, die ntf kurze Zeit Normalsprache war, die in den Mündern der Menschen gehört werden konnte, aus dem „Buch" Sprache schafft; infolgedessen ist jedes Erlernen, das nicht über das „Buch", d. h. also die alte Literatur führt, nicht verankert und wird nicht zu einer wirklichen Beherrschung der Sprache führen können. An. Hand einer geschichtlichen Entwicklung der hebräischen Sprache, in der nachgewiesen wurde, daß die he-