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Jüdische Schulzeitung · 1934-08-01 · 8 (1.8.1934) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
8 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Jüdische Schulzeitung Nummer 8 Teilnehmer ließen sich willig an neue Sachverhalte aus der jüdischen Geisteswelt heranführen. Lehrende aller Art, die seit Jahren im Amt stehen, fühlten sich von Dingen angerührt, die ihnen längst vertraut waren und die dennoch, da sie von meisterlicher "Deutungsgabe in neuartige Beziehungen hineingorüekt wurden, tmbokmitite Aspekte nuf dns Ganze dos Jüdischen Daseins eröffnete!!! So kehrten sie heim, erfüllt vom Reichtum der Begegnungen und Entdeckungen und entschlossen, daheim das weiterzugeben, was ihnen dargereicht ward. Nur wenige Tage währte die Zwiesprache in der Lerngemeinde. Sie bedeutet so nur ein Beginnen, und es wird Aufgabe sein, in dauerndem Bemühen an Hand geeigneten wissenschaftlichen Materials die Linie weiter zu verfolgen, die auf den Tagungen aufgewiesen wurde. Der Plan, im Lauf der kommenden Monate auch in andern Teilen des Reiches Arbeitstagungen zu veranstalten, wird namentlich von der jüdischen Lehrerschaft freudig begrüßt. Ist gerade sie doch dazu berufen, dort jüdische Menschen zu führen, wo Bildungsmöglichkeiten nur spärlich oder gar nicht vorhanden sind, in den mittleren und kleinen Gemeinden. Wer da weiß, wie die Kräfte der Lehrer dort in vielgestaltiger Kleinarbeit in Anspruch genommen werden, der kann ermessen, mit welch einem Maß von Bereitschaft sie zu den wenigen Meistern kommen, die — aus der Fülle des Wisseiis schöpfend — einer der dringlichsten Aufgaben dienen1, die die Zeit der Judenheit gestellt hat, der Erhaltung und Mehrung der jüdischen Substanz. Herrlingen Diese Tagung der „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung" zeigte eines ganz deutlich: daß es jetzt endlich in Deutschland jüdische Menschen gibt, die sich jenseits der bisher so unüberwindbar scheinenden Gegensätze zu gemeinsamer Arbeit verbinden können. Aufbauwille und Schaffensbereitschaft brachte diese Tagung zu Ergebnissen, die sich wahrscheinlich auf dem gesamten Gebiet der jüdischen Volksbildung fruchtbar auswirken werden. Organisatorische Maßnahmen — die Zusammenarbeit mit den Bünden, dem Erziehungsausschtiß der Reichsvertretung, der neuen Volksschullehrerbildungsanstalt in Berlin, dem Komite für Hilfe und Aufbau — werden die Mittelstelle befähigen, im Ganzen des jüdischen Volkskulturwerks in Deutschland eine besonders dringliche Aufgabe zu erfüllen. Nicht nur sind Bildungsstoff und Bildungsmethode der jüdischen Jugend- und Erwachsenenbildung verwandt, weitgehend sogar identisch; auch die Bildner der Jugend sind vielfach zugleich Erwachsenenbildner, Rabbiner und Lehrer erziehen in Gotteshäusern, Bünden, Logen, Vereinen1 und Lehrhäusern Kinder und Erwachsene. Daher geht die Arbeit der Mittelstelle auch die Leser des vorliegenden Blattes wesentlich an. Die Teilnehmer dieser Tagung waren sich über die totale Funktion der „Bildung" im klaren, die sich nicht mit Hilfeleistung und Stoffübermittlung begnügt, sondern Menschen zu gestalten sucht. Die Krise dieser Zeit, so führte Martin Buber aus, ermöglicht u,ird erfordert Typusänderung, denn in einer Zeit des Wertezerfalls wird der sonst nur begrenzt bildbare Erwachsene innerlich derart aufgelockert, daß die fruchtbaren individuellen Krisen rückwirkend vielleicht die sie produzierende allgemeine Krise zu überwinden vermögen, damit so wieder das „Unerschütterliche" (Rosenzweig) zum Bildungsziel des „überwindenden" Juden werde. Doch darf — und darauf wiesen Grünewald, Heinz Cohn, Gärtner u. a. hin — bei diesem Zielbild nicht übersehen werden, daß es einen verbindlichen Maßstab der Bewertung von Bildungsstoffen im deutschen Judentum gegenwärtig nicht gibt. Und dieser Mangel wurde den meisten Zuhörern interessanterweise gerade bei den Ausführungen von Erich Rosenblüth, dem Leiter der religiös-chaluzischen Jugend, bewußt, der zwar von der Gefahr eines künstlichen Ghettos und der Unmöglichkeit eines unabhängigen, geschlossenen Gamlen jüdischer Kulturarbeit weiß, auf der anderen Seite aber ein verhältnismäßig ungebrochenes Gefühl für die Rangordnung der jüdischen Bildungsstoffe hat. Für andere Bildner aber bleibt die Notwendigkeit einer individuellen Wertung, für die derjenige die Verantwortung tragen kann, der auf einer echten Jüdischen Grundlage steht. Wichtige Ein'zelausführungen wurden zur Frage des jüdischen Stoffes gemacht. In den Mittelpunkt stellt Rosenblüth jüdische Geschichte, die von der Verfolgung historisch sich abwandelnder Problemkreise (etwa Golah und Erez, jüdische Bei ufsgeschichte usw.) her aufgebaut werden soll, und Bibel, die man auch im Unterricht nicht aus ihrer geschichtlichen Verflechtung mit den großen Kommentaren lösen darf. Buber hält es für nötig, die noch zu schaffende jüdische Volkskunde und die Soziologie des Judentums in den Kreis der Stoffe einzube-. ziehen, wenn man die Judentumskunde in umfassender Sicht vermitteln will. — Ueber die Menschen, die vor allem von einer jüdischen Volksbildungsarbeit erfaßt werden sollen, sprachen Adler- Rudel, Reißner und Lubinski. Zumal den Umschichtlern muß geholfen werden, die — zu einem Drittel in Deutschland bleibend — hauptsächlich in jüdischen handwerklichen Klein- und Mittelbetrieben Arbeit finden werden. Spezifisch begabte Pädagogen müssen hier im Anschluß an die berufliche Tätigkeit vor allem eine innere Einstellung zur körperlich-werklichen Arbeit im Umschichtler schaffen. Andererseits könnten manche umschichtenden Akademiker vielleicht sejbst ein gewisses Maß geistiger Bildungsarbeit leisten, wenn sich ihre innere Umschichtung soweit gefestigt hat, daß ein Rückfall ins Theo- . retische nicht mehr zu befürchten ist. — Lubinski analysierte die Bildungsbedürftigkeit des Volksschulentlassenen, der sich noch keinen Stoff selbst erarbeiten kann und ohne bildnerische Hilfe kulturunfähig bleiben muß. In diesem Zusammenhang wurde die bekannte Diskussion über die ..Vorlehre" aufgegriffen. Soll die Berufsbildung dieser Menschen die abgebrochene Schulbildung wahrhaft fortsetzen, so muß die Arbeit selbst zum Bildungselement werden: Willenserziehung, Entwicklung des Beobachtungsvermögens, Einordnung in eine Arbeitsgruppe wirken dann bildend. Damit wird zugleich auch der Gefahr einer zu großen Beschränkung aufs rein Berufliche begegnet. Man ist sich darüber einig, daß bei diesen Schichten nur Gruppen bildung möglich ist. Allein über die praktisch wichtige Frage, ob die Betriebsgemeinschaft selbst bereits Zelle der Bildungsarbeit sein kann, herrschen entgegengesetzte Meinungen. Reißner erwartet sich von einer Erneuerung des Verhältnisses von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, das besonders durch die Existenznot der kleineren Betriebe hergestellt werden wird (Cora Berliner), eine Grundlage für die Bildungsarbeit von Betriebsgenossen, die im Idealfalle vom Chef selbst übernommen werden kann. Doch scheint es, als ließen sich seine Beispiele von den durch jüdische Bildungsarbeit schwer erfaßbaren Kreisen kaufmännischer Angestellter nicht auf die handwerklichen Anstellten und Arbeiter übertragen. Zur Lösung der Bildungsaufgaben jugendlicher Beruftätiger bildete sich ein Arbeitskreis, der über die Tagung hinaus die Probleme verfolgen wird. Sclron während der Besprechungen entstand ein verwirklichungsreifer Plan zur Errichtung zweier ständiger Schulungslagcr (in Berlin und Bad Nauheim), wo die 6 000 Umschichtler am Ende ihrer Ausbildung gruppenweise je zwei Monate jüdische Geschichte und Hebräisch lernen sollen. — Zur Aktivierung des Bildungslebens, vor allem auch in den Kleingemeinden wurde ferner gedacht an: Versandbiiehereien, Nutzbarmachung vorhandener Bibliotheken, Mieten leerer Zimmer, um Indifferente auf dem Wege über zwanglose Geselligkeit zu gewinnen, Wochenendkurse von Dozenten in den Universitätsferien, Urlaubsheime für Angestellte. Schaffung billiger Literatur. Organisiert wird diese Arbeit durch Mitglieder des Arbeitskreises für Kleingemeinden, die sich als Vertrauensmänner in den verschiedenen Teilen Deutschlands zur Verfügung stellen. Das Problem der Kleingemeinden gewann an Dringlichkeit und Ernst durch den nie-

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