Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 8 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 8 Jüdische Schulzeitung Seite 9 Jüdische Erwachsenenbildung Was Martin Buber meint Die .Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung* hat vor wenigen Weenen ihren §ftK>fl RundMe? versandt. Uf gibt In gedrängter Kürze den Inhalt der Vorträge w eder, die auf der Hetlinger Tagung gehalten wurden, und über die wir an anderer Stelle dieses Blattes berichten. Er brinvt darüber hinaus wichtige Mitteilungen der Leitung und eine grundsätzliche Betrachtung zu den Sachverhalten, die in Frage stehen aus der Feder Martin Bubers. Wir h^sen hier diese Betrachtung im Wortlaut folgen. Die Schriftleitung. Den Begriff einer „jüdischen Erwachsenenbildung" vermochte man noch vor kurzem so verstehen, daß es da „Bildungselemente", „Bildungsgut" den Erwachsendem und Erwachsenen zu übermitteln gelte, etwa den der HochschuI-„BiIdiuiK" nicht teilhaftig Gewordenen einen Abglanz davo'n zu spenden oder auch die in Gegenständen des Judentums nicht eben Bewanderten in eine Allgemeinkenntnis dieser Gemeinschaft einzuführen. Es ist offenkundig, daß wir etwas anderes meinten, als wir unserer Neugründung diesen Namen gaben. Hier geht es nicht mehr um eine Ausstattung. mit Wissen, sondern um eine Rüstung zum Sein. Menschen, jüdische Menschen sind zu bilden, Menschen, die nicht bloß „aushalten4* sondern eine Substanz am Leben erhalten, die nicht bloß Haltung, sondern Halt haben und also auch andern Halt verleihen. ' Menschen, die so existieren, daß der Funke nicht erlischt. Weil unsere Sorge dem Funken gilt, arbeiten wir für „Bildung". Was durch die Bildung der Personen erstrebt wird, ist die Bildung der standhaltenden, der überwindenden, der den Funken hütenden Gemeinschaft. Von dieser Zielsetzung aus bestimmt sich das Was und das Wie dieser Erwachsenden- und Erwachsenen-Bildung, ihr Stoff und ihre Methode. Sie darf nicht intellektual sein, denn es obliegt ihr, die Totalität des Menschen zu erfassen- Aber sie kann sich nicht auf Instinkte, auf „Vitalität" gründen, deinta es ist der Geist, dem sie dient. Als dem lebendigen, lebenumfassenden Geist "will sie ihm dienen, will einen ganzen leibhaften Menschen zu seinem Dienst erziehen. Diese Bildung darf auch nicht individualistisch sein, denn sie hat den Einzelnen in den unmittelbaren Zusammenhang mit seinen Genossen zu stellen und auch im kleinsten Kreis Gemeinschaft aufkeimen zu lassen!. Aber'sie kann nicht eine Kollektivität meinen, die ihren Bestand nur in Vlem Verschweißtsein ihrer Glieder, nicht in deren echter Beziehung zu einander hat. Um wirkliche Personen ist es ihr zu tun, denen eben "als solchen zu erfahren gegeben ist, was es heißt, für einander und dadurch für die Gemeinschaft da zu sein. Und schließlich darf diese Bildung nicht jene universalisieremde sein, die die Sonderkräfte von Art und Ueberlieferung mißachtet und die geschichtlichen Prägungen zu verwischen sich unterfängt. Aber sie kann nicht in der ethnischen Vielfältigkeit ein Letztes und Selbstherrliches sehen, denn sie kennt die Einheit der naturhaft schaffenden und g<* schichtlich prägenden Macht und die Einheit des Werks, zu dem die eine Macht die Mannigfaltigkeit der Aufgabe befiehlt. Jüdische Erwachsenenbildung ist Eingestaltung der wesenhaften Elemente von Umwelt und Innenwelt in die Eigentümlichkeit der jüdischen Aufgabe an der Welt. Ideal und Wirklichkeit Das Werk, das hier mit Hilfe der Reichsvertretung und unter Leitung bewährter jüdischer Persönlichkeiten begonnen ward, verdient auch dann nachdrücklichste Förderung, wenn es sich herausstellen sollte, daß die Zielsetzung keine Entsprechung in der Welt des Alltages hat. Demni auch die schlichte Uebermittelung von Wissen an lernwillige Menschen hat ihren Wert; sie hat ihn selbst dann, wenn nicht der Umbruch erfolgt, auf den hin die Absicht der jungen Institution zielt. . Martin Buber, der dem Ganzen sein geistiges Gesicht verleiht, hat das Ziel und den Weg zu ihm mit der ihm eigenen Gabe zur Tiefensehau aufgewiesen. Es gilt, jüdische Menschen auf deutscher Erde innerlich so stark zu machen, duB sie an Leib und Seele gesund durch diese schwere Zeit hindurchkommen und eine Dauerhaltung gewannen, die eine lebenswerte Zukunft sicherstellt. Was im Bereich wirtschaftlicher Dinge seit Monaten versucht wird, die Wiederfindung einer bescheidenen materiellen Lebensgrundlage, das soll seine notwendige Ergänzung im Geistigen haben. Buber hat seine Jüngerschaft nicht im Zweifel darüber gelassen; daß erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden sem werden und daß es höchsten Einsatzes bedürfe, um Ersprießliches zu erreichen. Diese Schwierigkeiten liegen sowohl im Objekt als auch im Subjekt der Bemühungen begründet, in der Natur der zu Bildenden und in der der Bildner. Erwachsene sind im allgemeinen fertig geformt. Einflüsse von draußen her vermögen zumeist die Form nicht mehr zu ändern. Soll sie aber aus Gründen individueller oder kollektivischer Natur zerbrochen und neu gebildet werden, so bedarf es des Dazwischentretens einer tiefen Erschütterung, der Heraufkunft einer Krise im Ganzen des Daseins. Die jüdische Gemeinschaft steht heute mitten in einer derartigen Krise von ungeahntem Ausmaß; die Vorbedingungen zur Erneuerung sind also gegeben und damit auch die Möglichkeit einer fruchtbaren Bildungsarbeit. Gelingt es den BMdnern, die hörenden Menschen aus dem Zustand der „Hörigkeit" herauszuführen in eine Atmosphäre gegenseitigen Gebens und Nehmens, so ist Aussicht auf Erfolg der Bemühungen vorhanden. Der Gedankengang, den Martin Buber dermaßen entwikkelt hat, ist bestechend in seiner Folgerichtigkeit. Aber das Leben folgt der Logik nur selten und geht höchst eigene Wege, überraschend oft in ihrer Eigenwilligkeit und Seltsamkeit, überraschend auch in ihrer Starrheit. Wer mit wachem Auge das Verhalten der Menschen in dieser Zeit beobachtet, der wird nur in Ausnahmefällen jene seelische Auflockerung gewahren, die Vorbedingung einer innern Verwandlung ist. Zumeist erhebt sich die Masse nur für kurze Frist aus der Niederung, in der das Leben träge seine gewohnte Bahn dahingeht. Spürt sie ein vermeintliches Nachlassen des Druckes vom außen, hat sie sich an eine zunächst als außerordentlich empfundene Situation gewöhnt, so gewinnt die Neigung zum Trott rasch wieder die Oberhand, und vorbei ist es mit dem Vorsatz, neue Lebensformen anzunehmen. Er schwindet deshalb so leicht dahin, weil er :nur unter Hergabe von Opfern verwirklicht werden kann, und weil die meisten Menschen auch heute ißoch nicht opferwillig sind. Die Bildner werden gut daran tun, an den üblichen Lauf der Dinge zu denken, damit ihnen Enttäuschungen erspart bleiben. S:e dürfen zufrieden sein, wenn es ihnen gelingt, eine Reihe Erwachsener um sich zu scharen und ihnen ein gediegenes Wissen um jüdische Sachverhalte zu übermitteln. Ist ihneiri die Kraft zu eigen, den Funken zur Dauerflamme zu entfachen, so wird sie wirksam werden, ganz von selbst und ohne sonderliches Mühen. Fehlt sie indes — und es gibt nur wenige Lehrmeister, in deren Hand der Mensch ist „wie Ton in des Töpfers Hand" — dann nützen hohe Zielsetzungen nichts, und es bleibt lediglich die Möglichkeit eines ganz bescheidenen Wachstums im Zwiegespräch. So ist es denn im letzten dem seltenen Akt der Begnadung vorbehalten, dem schöpferischen Mittler aufnahmebereite Menschen zuzugesellen, damit jener Umbruch geschehen könne, den Martin Buber meint. Es war der Sinn der Arbeitstagungen, die Fragen der Erwachsenenbildung zu klären, aber auch das geistige Rüstzeug der Bildungsmittler zu erproben, zu erneuern und emsatzfähig zu machen. Die Kurse fanden überreichen Zuspruch, die seelische Bereitschaft war vorhanden und die