Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 8 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 8 Jüdische Schulzeitung Seite 7 heraus sein muß, wird der Lehrer der Erdkunde Palästinakunde nach allen Richtungen betreiben müssen, die für dieses Zufluchtsland par excellence von Bedeutung sind. Vor etwa einem halben .Jahrhundert noch nur der Mittelpunkt .der Bestrebungen einiger Chauw'we Zijaun, einiger Zionsfreunde, und in den ietzten Jahrzehnten der Brennpunkt, der von Theodor Hcrzl angefachten zionistischen Bewegung, ja der Streitpunkt des innerjüdischen Lebens, hat das fast amerikanisch anmutende Tempo seiner Entwicklung ift der allerletzten Zeit die erregende Anteilnahme auch derer gepackt, die den Ideologien des Zionismus fernstanden. Heute ist Palästina in die vorderste Front unseres Interesses gerückt, und der junge jüdische Mensch bedarf seiner eingehendsten und tiefsten Kenntnis, zumal so ziemlich alle andern Staaten unter dem Druck der wirtschaftlichen Weltkrise sich gegen den Zustrom aus Deutschland wehren, vielleicht wehren müssen. Ganz von selbst wird aus dieser tiefen Kenntnis der Lebensmöglichkeiten in der neuen Heimat eine Erziehung zur B e r u f s u' m s c h 'i c h t u n gt erwachsen, eine Erziehung des jüdischen Jugendlichen, die ihn für das schwere Leben, das ihn erwartet und für die überpersönlichen Aufgaben befähigt und stärkt, die ihm die Gegenwartssituation auferlegt. Uebrigens eine Erzieh ungsaufgalbe, die in al 1 e Bezirke unseres Wirkens sich hineinerstreckt und die unsere ganze Aufmerksamkeit beansprucht! — Der Geographielehrer in der jüdischen Schule hat natürlich sein und der Kinder Augenmerk zu richten auf die sozialen, wirtschaftlichen und staatsrechtlichen Verhältnisse der Juden in allen Ländern der Welt, wie sie historisch erwachsen und wie sie gegenwärtig gestaltet sind. Das jüdische Kind muß ein anschauliches Bild haben ebensowohl von dem East-Side New- Yorks wie von dem Whitechaple Londons, von den Negerjuden Abessiniens, wie von den jungen Marannengemeinden Portugals, von den letzten Resten der zerstreuten 10 Stämme in China, wie von den Felsenwohnungen der Juden Nordafrikas, von den jüdischen Bergarbeitern in Polen, wie von der Lastträgergilde Salonikis, denn der jüdische Schüler der Jetztzeit bedarf bei der Diffamierung von der einen der Stützung seines Selbstbewußtseins von der anderen Seite. Dieses letztere Ziel der Charakterbildung unserer Zöglinge wird auch von der Richtung aus verfolgt werden müssen, daß wjr ihnen die kMtu'relilen Leistungen von Juden auf aj 1 e n Gebieten vor Augen führen, auf denen der Kunst, der Musik, der Technik, der Literatur, der Philosophie, der Medizin, der Naturwissenschaft, der Philologie, der Rechtswissenschaft, der Astronomie, der Diplomatie, der Industrio (beispielsweise auch der Nobelpreisträger) — kurz, daß wir ihnen zeigen, was Juden in aller Welt zum Nutzen und Segen der Menschheit beigetragen haben. Es würde zu weit führen, wollte ich auch hier Beispiele anführen. Jeder von uns ist — ohne falschen Stolz großziehen zu wollen — von der Bedeutung dieses Erziehungsmomentes in unserer Zeit überzeugt; man lese dabei nur, was von Nietzsche bis sogar zu Werner Sombart große Geister über den jüdischen Anteil an der Weltkultur gesagt haben. Deshalb darf auch das W i r k e n j ü d i s c h e r Männer und Frauen auf dem Gebiete charitativer und sozialer Fürsorge nicht vergessen werden. Auch hier scheint mir eine detaillierte Darstellung dieses rühmlichen Wirkens unserer Vorfahren und unserer jüdischen Zeitgenossen hier nicht vonnöten. Doch sind die Kenntnisse auf allen diesen zuletzt erwähnten Gebieten weniger von dem sogenannten Religionslehrer und auch nicht wohl systematisch, als von allen jüdischen Lehrern der jüdischen Schule in all ihren Unterrichtsfächern durch Erweiterung des Blickfeldes der Kinder und der gewünschten Richtung zu erzielen. In unserm so dringend notwendigen Kampf für die rechte Bewertung unseres Judeseins kann und darf endlich auch die Bekämpfung der Minderbewertung unserer jüdischen Religion gegenüber den andern Glaubensbekenntnissen nicht fehlen: die Apologetik. Das Thema: „Das Judentum unter den Religionen" ist ein wichtiges in dem Aufgabenkreis der Erziehung unserer jungen Menschen zu totalen Juden. Die Judenheit und das Judentum hatten in der Umwelt stets fremde Anschauungen abzuwehren. Hatte es im Altertum heidnische Vorstellungen zu bekämpfen, sodann griechischen Einfluß zu paralysieren, so hatte es sich in den letzten Jahrtau- . senden ununterbrochen mit der christlichen Weltreligion auseinanderzusetzen — die Schlagworte der Theologen von „der Vollendung des Judentums durdh das Christentum" oder von. der „Religion der Liebe" im Gegensatz zum „Gott der Rache" sind die Niederschläge dieses Kampfes, der leider heute nicht aufgehört hat, denn in allem Kampf gegen uns steckte unbewußt oder bewußt der gegen unsern Glauben. So muß besonders der Schüler höherer Klassen die Abweichungen der christlichen Religion vom Judentum in den Grundgedanken, sowie in den Erscheinungsformen kennen lernen. Also sowohl was den Einfluß der Grundanschauungen des Judentums auf die der Umwelt in Religion und Kultur betrifft, als was die andern Religionen und Philosopheme vom Judentum entlehnt haben, ebenso wie beim Bibelunterricht die christologischen Auslegungen so vieler Stellen zu beachten sind. Doch soll meines Erachtens Apologetik kein Sonderfach sein, sondern nur gelegentlich betrieben werden, ebenso wie wir uns bei solchen Explikationen strengstens fernhalten müssen von Ueberhebung als Ausgleich für die uns begegnende Mißachtung, von Herabsetzung anderer, um unsern Eigenwert zu beleuchten. W i r dürfen nicht ungerecht werden, wenn man uns auch Unrecht tut. Wir müssen mit Vorsicht den jugendlichen Menschen vor Haß bewahren, wenn wir ihn auch lehren, dem Haß zu begegnen. Was nach alledem, was ich zur „Judentumskunde" zähle, an eigentlichen Unterrichtsfächern nicht mehr in Betracht kommt, muß endlich durch Lektüre erreicht werden. Es gibt ein unendlich großes Schrifttum, das hier in Betracht kommt, und das imstande ist, zu seinem Teil zur Heranbildung jüdischer Menschen beizutragen, das Judentum begreiflich und liebenswert zu machen, jüdische Taten, jüdische Persönlichkeiten, jüdisches Wissen, jüdisches Wesen, jüdische Werte, jüdisches Leben, jüdisches Leid, jüdisches Heldentum zur Anschauung zu bringen. Aber es gibt hier, wie überall, Gutes und Schlechtes, ja überwiegend letzteres. So ist Leseberat u n g eine heilige Pflicht für den jüdischen Lehrer dem jüdischen Kinde gegenüber. Unsere Schul- und Gemeindebüchereien in dieser Richtung sachgemäß zu ergänzen und zu sichten, ist uns Erziehungspersönlichkeiten unabweisbare Aufgabe. Dabei ist die neue jüdische Literatur, sei es in hebräischer, sei es in deutscher, oder in fremder Sprache — ich denke hier z. B. an Edmond Fleg und Aime Paillere — und auch die Zeitungslek- .türe in Haus und Schule nicht zu vergessen. Insbesondere möchte ich noch auf die Literatur über und von Ostjuden. Sektenbildung, Chassidismus und Mystik des Judentums hinweisen. Zur Belebung und Veranschaulichung des Unterrichts gehören für den modernen Pädagogen auch Wanderungen und Führungen durch alte jüdische AnSiedlungen, wie, außer unserer engeren Heimat, Worms, Friedberg, Trier. Rothenburg, durch Friedhöfe, Museen und andere sichtbare Denkmäler jüdischer Kultur und jüdischer Geschichte. — Soll indessen unser so neu gestalteter ehemaliger „Religionsunterricht" wirklich in eine neue Epoche eintreten und eine neue Zeit tragen, soll er ein echtes Bollwerk des Wiederaufbaus und damit der Unvergänglichkeit jüdischen Geistes werden, so dürfen wir schließlich auch in der Schule nicht im Theoretisieren stecken bleiben, nein, wir müssen auch in der Schule praktisches Judentum leben. Wir müssen, soweit es möglich, versuchen, religiöses Leben in die Schule verpflanzen. Es genügt dabei nicht, daß jeder Schultag selbstverständlich mit einem Gebet eröffnet wird — das Wie ist hier nicht zu erörtern. — Des weiteren komme ich in diesem Zusammenhang auf eine alte Forderung meinerseits zurück; so sehr Wert darauf gelegt werden muß, daß Schüler im Alter von etwa 13 Jahren an am Gottesdienst der Gemeinde teilnehmen, insbesondere, wenn sie durch die entsprechende Unterwei-