Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1934-08-01 · 8 (1.8.1934) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
8 (1.8.1934)
Date
1934-08-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2825247-2825342-2825350--0865-2826508
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 Jüdische Schulzeitung Nummer 8 Geschichte kaum von der in dieser Zeitperiode entstandenen Literatur, der Bibel und besonders der Propheten, trennen, so ist, wie Graetz in seiner Einleitung zum 4. Band seiner „Geschichte der Juden" sagt: „Der lange Zeitraum der Zerstreuung zugleich .-ein Zeitraum beispielloser Leiden, eines ninunterbrochenen Märtyrertums, einer mit jedem Jahrhundert gesteigerten Erniedrigung und Demütigung, wie sie einzig in der Weltgeschichte vorkommt, über niieh der geistigen Regsamkeit, der rastlosen Gedankenarbeit, der unermüdlichen Forschung . . . Die äußere Geschichte, eine Geschichte von Leiden . . . unübersehbarer Ausdehnung, die innere Geschichte eine umfassende Geistesgeschichte . . . Forschen und Wandern, Denken und Dulden, Lernen und Leiden füllen die lange Reihe dieses Zeitraumes aus . . . Durch das Heimischwerden des jüdischen Volkes auf der ganzen bewohnbaren Erde wurde das jüdische Schrifttum eine wahrhafte Weltliteratur. Sie bildet den Kern der jüdischen Geschichte, den die Leidensgeschichte mit einer bitteren Schale umgeben hat." So eng nach dieser Darstellung und tatsächlich also auch die Entstehung der nachbiblischen jüdischen Literatur mit der Ge* schichte der Juden verknüpft ist, so müssen wir doch aus rein praktischen Gründen das jüdische Schrifttum und die damit zusammenhängende Literaturgeschichte von der eigentlichen Geschichte trennen. Da aber andererseits diese letztere eng mit der allgemeinen Geschichte verknüpft ist — das bedarf in diesem Kreise keiner beweisenden Beispiele — so komme ich zu der Forderung, daß die nachbiblisehe Geschichte an sich in der jüdischen Schule mit der allgemeinen Geschichte eng zu verbinden und vom Historiker zu unterrichten ist, der bei allem Respekt vor dem Religionslehrer, doch in die historischen Zusammenhänge noch besser hineinleuchten . kann als jener, für den etwa' der Erfolg eines Sabbatai Zwi aus der verzweifelten Lage Europas um die Zeit des 30jährigen Krieges oder der Fettmilch^Aufstand in Frankfurt aus den wirtschaftlichen und politisch-religiösen Kämpfen um die Wende des 17. Jährhunderts verständlich ist, so daß die einzelnen Phasen jener Vorkommnisse sich durchaus als Folge der schwie rigen ökonomischen und sozialen Verhältnisse in Frankfurt darstellen. Dabei gehe ich allerdings nicht so weit, wie manche . Extremisten in der Ausgestaltung der jüdischen Schule, zu verlangen, daß der gesamte Geschichtsunterricht von dem des Judentums auszugehen habe und sich um ihn gruppieren solle. Wir sind eben doch, wie jener,', dies fordernde Draufgänger selbst kürzlich zugab, nur „Anrainer" der Weltgeschichte. . Aber eingeordnet ins große Weltgeschehen und dadurch in die Weltibetrachtungdes jungen Juden eingebaut soll die Geschichte seiner Gemeinschaft werden. Gerade als ich diese Postkarte Hn das i MnftO 3 Vfg. : ■ Falls keine;! Marke zur Hand,{ ■ unfrankle't in j! den Postküsten j werfen I Port'» j tragt dann Empfange'. Postamt (Zeitungsstelle) Hier meine Forderung in meinem Konzept niederschrieb, erschien in der Jüdischen Rundschau (v. 7. Juli 1933) ein diesbezüglicher Aufsatz von Dr. Alex Bein, dessen These meine Gedanken in folgenden Worten deutlich zum Ausdruck bringt: „Der Unterricht in jüdischer Geschichte ist mit dem in allgemeiner Geschichte zu vereinigen. Die Aufgabe dieses für uns neuen Geschichtsunterrichts muß sein, die allgemeine Geschichte zu zeigen auch in ihrer Auswirkung auf uns, und unsere Verflechtung mit der allgemeinen. Wie wir in der Welt standen und lebten, und wie die Welt auf uns wirkte, in uns lebte. In einer Schule deutscher Juden wird natürlich die Geschichte Deutschlands eine besondere Rolle spielen, die in hohem Maße auch die unsere ist. Aber eben hier wird es einen großen Takt und tiefes Verstehen erfordernde, eine schwere, doch reizvolle Aufgabe für den Lehrer sein, diese Geschichte so darzustellen, wie es sich für uns geziemt: mit Distanz, soweit sie uns nicht direkt betrifft; mit klarer Stellungnahme, soweit sie in unsere eigene Geschichte eingreift. Nur so wird es möglich sein, wieder ein neues Geschichtsbewußtsein, ein „Wir"-Gefühl zu schaffen, das zugleich Weltbewußtsein ist, ein Bewußtsein von der Eigenartigkeit und dem Sinn unseres Seins und Werdens. Daß bei der Betrachtung der neuesten Geschichte und Gegenwart Palästina den ihm zukommenden Platz einnehmen muß, ist selbstverständlich. Für die Schüler, die noch die allgemeinen Schulen besuchen, sind Kurse zu veranstalten, die, den Geschichtsstoff der allgemeinen Schule begleitend, ihn in dem Sinn in Verbindung mit der jüdischen Geschichte bringen und ergänzen bzw. umwerten, wie es oben für den Unterricht in der jüdischen Schule angedeutet wurde." Die rechte Bedeutung solchen Geschichtsunterrichts erkennt Vogelstein in dem schon einmal erwähnten Aufsatz folgendermaßen: „Geschichtliches Sehen schützt vor Illusion wie vor Verzagtheit, vor haltlosem Hin- und Herschwanken wie vor bedenkenlosem Einschwenken in die jeweils geltende Geistesrichtung, gibt vielmehr Stetigkeit der eigenen Anschauung inmitten wechselnder Ereignisse, lehrt Treue in der Wandelbarkeit und Wandelbarkeit in Treue . . . Das Judentum muß in seiner Totalität im Längsschnitt der geschichtlichen Entwick- * lung und im Querschnitt der Gegenwartserscheinungen der Jugend dargestellt werden." So haben andere Fachgenossen meine Forderung bestens unterstützt. Die eigentliche Literaturgeschichte und die Lebensdarstellung der Helden der jüdischen Wissenschaft, also beispielsweise der talmudischen Tanaim und Amoraim, der jüdischen Philosophen Saadja, Gabiroi, Jehuda Halevi, Bachja, Maimonides, Steinheim, Lazarus, Cohen der Kommentatoren und Dezisoren Raschi und Joseph Karo, des Bibelübersetzers Moses Mendelssohn, des Gründers der Wissenschaft des Judentums Leopold Zunz, des Schöpfers der Reform Abraham Geiger, seines Antipoden S. R. Hirsch — sie alle und ihre Schriften gehören in das Fach „Jüdisches Schrift-- t u m" und schließen sich im Studium ihrer Werke an das der Bibel und den rabbinischen Schriften an. Als Quellenarsenal können uns die Höxterschen Quellenbücher gute Dienste leisten, soweit nicht auch hier die Ursprache das Hebräische und die Quelle damit folgerichtig auch in dieser Sprache zu lesen und zu demonstrieren ist, während ich die eingehende Behandlung der jüdischen Religionsphilosophie in Arbeitsgemeinschaften verweisen würde. Aehnlich wie mit der Geschichte steht es mit der Geographie Palästinas und mit der Wirtschaftskunde dieses heute für uns alle wichtigen Landes; man mag dem nationalen Zionismus gegenüberstehen, wie man will. Meiner Meinung nach gehört dieses Fach nicht in den Religionsunterricht, zum mindesten nicht in den der jüdischen Schule. Hier, wo selbstverständlich nur durchaus jüdische Lehrerpersönlichketten die Garantie für die rechte Erziehung des jüdischen Kindes der Jetztzeit geben, die eine Erziehung aus den Urkräften des jfkftschen Wesens

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.