Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 8 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2825247-2825342-2825350--0863-2826506- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer s sten religiösen Gedankendichtung der Weltliteratur, den Büchern Hiob und Kohelet, und erkennen auf diesem Wege „die formende Kraft der Bibel, die die Ruhe vermittelt in einer neuen -Wirklichkeit, die sich zum Treiben des-.Tages verhält wie die Aligewalt Gottes zum Irren der Menschen.1' Und dies alles nur aus der hebräischen Bibel, wie ich es whtm in dem vwi wir v.er äroigebn .fahren gasöhaffönon Lohr» plan des Philanthropins, vor sieben Jahren (gegen den Widerspruch vieler hiesiger Religionslehrer in der Versammlung der „Vereinigung" („aus der Kenntnis der Quelle Liebe zum Judentum!") und zuletzt vor etwa einem Jahre in meiner Replik auf die Angriffe gegen unsern Religionsunterricht im Gemeindeblatt gefordert habe. Wie sagt Goethe in seinen Noten zum West-östlichen Divan: „Wer das Dichten will verstehen, muß ins Land der Dichtung gehen; wer den Dichter will verstehen, muß in Dichters Lande gehen!" Wer die Bibel und damit „die ideale Landschaft" des Judentums verstehen, schätzen und. lieben soll als das Buch, als das Land des Judentums, als unser heiligstes Eigentum, der kann diese Liebe nur aus dem Urquell schöpfen, der jede Uebersetzung, und sei es die beste, himmelfern hinter sich läßt. Es würde zu weit führen, wollte ich das ausführlich, nachweisen. Nur einige wenige Demonstrationen: Wer hätte noch nicht von dem Engel m i t dem flammenden Schwert gehört, der den Eingang zum Garten Eden bewacht? In Wahrheit lautet der Urtext: Wajaschken mikkedem l'gan eden ess hakk'ruwim w'ess lahat hacherew hammisshapechess, was Luther falsch übersetzt: Er lagerte vor dem Garten Eden die Cherubim m i t dem bloßen hauenden Schwert. Die richtige Uebersetzung muß lauten: Er ließ östlich vom Garten Eden die Cherubim^ sich lagern und die Flammen des kreisenden Schwertes. Eine Szene, die eben durch den Wortlaut in ihrer ganzen grausigen Schönheit — ein um sich kreisendes, flammendes Schwert, den Eingang zum Paradiese verwehrend — an das Brünnhllde umzüngelnde Flammenmeer, die „wabernde Lohe" erinnert, die Wotan mit den Worten entfacht: :,Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie." — Bei der Uebersetzung begehen auch die tüchtigsten Gelehrten Fehler. So übertragen fast alle den sprachlichen Klang der Klageworte Moses beim Abstieg vom Berge Sinai und beim Anblick des goldenen Kalbes: „en kaul anauss g'wuroh w'en i.aul anauss chaluschoh! kaul annauss onauchi schaumea" falsch, indem sie das Dagesch in dem dritten annauss nicht beachten und so den Sinn gar nicht erfassen. (Selbst bei Buber-Rosenzweig entbehre ich hier die rechte Sinngebung*). Richtig wäre m. M. nach zu übersetzen: Keinen Siegessang, keinen Schrei der Ohnmacht, eine Stimme der Qual (der Demütigung) vernehme ich. Daß aber die Bibel spräche auch durch die richtigste Uebersetzung bei bestem Willen nicht ersetzt werden kann, wird jedem Philologen klar sein. Man denke nur an das Worfspiel Jesajas: „Waj'kaw l'mischpot, w'hinneh misspoch, lizdokoh, w'hinneh z'okoh", das weder Luther, oft ein Sprachkünstler, noch Buber nachahmen können. Oder das Wortspiel desselben Propheten: „Im lau ssaaminu, ki lau sseomenu", das Buber wiedergibt: „Doch vertraut ihr nicht, bleibt ihr nicht betreut", während Luther: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht", übersetzt. . Wie endlich könnte man wohl das entzückende und inhaltreiche Koheletwprt „tauw schem misch-schemen tauw" so wohlklingend in irgendeiner andern Kultursprache wiedergeben: oder das Wortspiel-Jeremias vom ,Makkel schoked' und dem darauf angewandten, „ki schauked ani al d'wori"? Das ist eben der Geist der hebräischen, Jahrtausende alten Kultursprache, der Geist der hebräischen Poesie, wie ihn Herder, wie *) „Kein Schall, der sänge Obmacht, kein Schall, der sänge Ohnmacht — Schall von Gesängen höre , ich." ihn jeder bewundert, der ihn erfaßt, und wie er Liebe und Begeisterung in jedem erweckt, der in diesen Reichtum hineinleuchtet. Also wahre Bibelkenntnis und damit Bibelverehrung und daraus von selbst erwachsende Liebe zum Judentum nur durch Bibel- * tu dt um im Urt«*t! Nut* da* iiehriUschö Urwort kuim den Juden der Gegenwart mit dem Juden der Vergangenheit, mit dem Geist des urkräftigen Judentums verbinden. „Wer je diese Flamme umschritt, bleibt der Flamme Trabant." Das ist auch der Weg zur B i b e 1 k ti n d e und zur Bibelwissenschaft, die ich von jeher in meinem Unterricht in den Oberklassen stark betreibe, um doch, da ja in der Schule nicht al Ies zu lesen ist, sondern nur Proben gegeben werden können, um zum bleibenden, tieferen Studium anzuregen. Es ist dringend notwendig, daß der junge Jude wenigstens den Inhalt jedes Buches der Bibel kennt und so das Buch seines Volkes und seines Glaubens wenigstens nach der Umfassung seines Gehaltes, seiner Bedeutung und' Entstehungszeit, richtig beurteilt. Er soll auch wissen, welche u. wieviele Übersetzungen der Bibel es gibt (fast 600!) und wie sie Eigentum der ganzen Kulturwelt geworden ist, vom aramäischen Targum des Onkelos und der Septuaginta an über die Vulgata und die Luthersche bis zur Uebersetzung in das Idiom der uns fernsten Volksstämme des Weltalls. Auch die Bedeutung der Masora und ein kurzer Einblick in ihre Wichtigkeit für Punktation und Akzentuation dürfen nicht vergessen werden. — Ebensowenig die Apokryphen und Pseudepigraphen; sind sie uns auch nicht „heilig**, so müssen wir doch dem jüdischen Kinde zeigen, daß sie im ganzen jüdischem Geist entstammen und unser Eigentum sind. — Ebenso muß ein Blick ins Neue Testament getan und gezeigt werden, daß der Geist der Evangelien, daß sie — um mit Strack und Billerbeck zu sprechen — nur aus Talmud und Midrasch verständlich sind. Doch sind diese letztgenannten Ausflüge in außerjüdische. Bezirke eben nur Nebenwege und dürfen nicht zu viel Zeit in Anspruch nehmen und zur Hauptsache werden, so verführerisch für manchen Theologen solche Streiftouren sind. Hier rufen uns unsere Weisen zu: „Chachomim, hisoharu b'diwrechem!" Zur „Judentumskunde" gehört in zweiter Linie die genaue- Kenntnis der T hör a, der Mizwaus, Chukk im und M i s c h p o t i m, der ethischen Lehren, der historisch und logisch begründeten Gebote, des „Gesetzes** — wie Paulus herabsetzend sagt —, der Gesetze als „Schranken der Willkür und Genußsucht" — wie Hirsch sie nennt — und der Rechtsvorschriften des Judentums. Es ist wahr, die e t h i - sehen Lehren sind in den Religionsstunden und Religionsbüchern vergangener Zeit gut weggekommen. In dem dreibändigen Werk „Die israelitische Religionslehre", von Philippsohn nimmt die Lehre von Gott einen ganzen, 270 Seiten starken Band ein, der mit „Lebenswandel" überschriebene 3. Band umfaßt 385 Seiten in den Unterabteilungen: Selbsterhaltung, Selbstveredlung, Heiligung in der Allgemeinheit der Menschen und im Verhältnis des Einzelmenschen zu seinem Nebenmenschen; aber die Verinnerlichung und Weihe des jüdischen Lebens, das, was die Heiligung des jüdischen Menschen im praktischen Judentum ausmacht, habe ich nicht darin gefunden. Und doch: wer kann das Judentum in all seinen Phasen und Ausstrahlungen ins tätige tägliche Leben und aus diesem Leben heraus lieben, achten und ehren, der nicht weiß, welcher tiefe Sinn in der Pfostenschrift, in den Gebetriemen, in dem Sabbat, in den Feiertagsvorschriften, in dem „Brote des Elends", wie in der „Hütte des Friedens" — kurz in dem sog. Zeremonialgesetz liegt, das doch nichts anderes ist als die Durchheiligung des jüdischen Menschen. Der wird diesen, dein sogenannten Sittengesetz gleichwertigen Teil der jüdisch-religiösen Lebensführung nicht mißachten, nicht geringschätzen, auch wenn er nicht die sittliche Kraft oder, wie er meint, die wirtschaftliche Möglichkeit hat oder die noch bindende Gesetzlichkeit anerkennt, um sein religiöses Tun und Lassen danach einzurichten. — Natürlich muß alles dies, kurz die Halacha genannt, aus den Quellen, d. h. der Thora, der Mischna,