Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 8 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 8 Jüdische Schulzeitung Seite 3 j I Chajim Nachman Bialik s. A. | l Nach einer Operation ist in Wien am 4. Juli C h a j i.m Nach in a n B i a I i k gestorben. Sein Leichnam wurde in das Land seiner Väter, nach Tel Aviv überführt. Dort wird Bialik, wenn diese Zeilen erscheinen, seine letzte Ruhestätte neben seinem Freunde Achad Haam gefunden haben. In umfangreichen Nachrufen hat die gesamte jüdische \ Presse die Persönlichkeit Bialiks zu würdigem! versucht. Sie \ liat auf seine Bedeutung als Dichter, Gelehrter, Politiker, Erzieher und Mensch hingewiesen. Sie hat seine Werke aufgezählt, Gedichte von ihm gebracht und wohl auch Proben seiner. Prosa. Uns will scheinen, als sei eine derartige Rückschau nicht ausreichend, einem großen Manne genug zu tun, dazu einem Menschen, dessen Werk keineswegs in dem Ausmaß zum lebendigen Eigentum der deutschen Judenheit geworden , ist, wie es den' Anschein haben könnte. Bialiks Schriften sind im wesentlichen in hebräischer Sprache geschrieben, in einer Sprache also, die nur wenigen so vertraut ist, daß ein inniges Verhältnis zu ihr möglich wäre. Die Gedankenwelt, in der der Dichter heimisch gewesen, und die er mit seinem Lebenswerk in sein Volk zu tragen suchte, liegt den gebildeten „Westjuden" erst seit kurzer Frist nahe". So ergab es sich, daß ein genialer Mann in unserer Mitte lebte, dessen Name jedem Juden geläufig war, von dessen geistigem Schaffen jedoch nur wenige Besitz ergriffen hatten. Bialiks Tod fällt in eine Zeit der Umkehr. Das Jüdische schlechthin trifft jetzt auf willige Menschen. Es entstehen die Voraussetzungen zur Erfassung denkerischer, dichterischer und erzieherischer Leistungen, wie sie in Bialiks Werk beschlossen liegen. Nehmen wir uns ernsthaft vor, eine große Schuld an den Heimgegangenen zu bezahlen!- Seien wir bemüht, das für uns und für die Jugend fruchtbar werden, zu lassen, was Bialik an Weisheit, Kunst und Lehre uns hinterlassen hat. Dann ehren wir ihn mehr, als '' -wenn wir ihn nur beweinen und über sein Fortgehen klagen. r'11-"1-111-'—"....."^rr^s^-rrri macht hat, die anschaulichen, Charakter und Gemüt bildenden Geschichten aus der menschlichen Sphäre der biblischen Darstellungen, die edlen Gestalten der Väter, Josephs, die erzene * Figur unseres Lehrers Mose, die Wüstenwanderung mit ihrem j Auf und Nieder im Tun und Handeln unserer Vorfahren, die j Helden der prophetischen Richter- und Königsbücher, alles! dies Stoffe mit hohem erzieherischen Wert, sowie Anschau- \ ungsbilder aus dem religiösen Leben der Familie und des Got- I teshauses in kindlicher, ansprechender Form sollen«— das alles darf in den eigentlichen Kinderjahren nicht fehlen. Es ist zweifellos bessere Nahrung als eine Ueberladung der Kleinen mit Märchen und Fabeln aus anderen Kulturkreisen. Nirgends ist so wertvolles Anschauungsmaterial für die Kinderseele zu finden, wie in den vielseitigen, vollen, plastischen Lebensgeschichten der Bibel; ihre aus edelsten und niedrigsten Zügen bunt gemischten Heldengestalten — dibb'roh tauroh Kilschaun b'ne odom — stehen dem Kindesalter so nahe, daß wir sie ihnen nicht entziehen dürfen. Und was die Einführung ins religiöse Leben betrifft — auch ohne die hier noch unmögliche Quellenkunde — so sagt Richert in seinem Handbuch für Religionsunterricht: „Die nachahmende Kultübung ist in hohem Maße geeignet, die entsprechende Gefühlsstimmung und Willensrichtung zu erzeugen. Auf diesem Wege entstehen die ersten Regungen innerer religiöser Erfahrung." Schon während der ersten Schuljahre beginnt jedoch unsere strenge Forderung nach Quellenunterricht in dem ersten hebräischen Sprachunterricht sich auszuwirken, denn dieser Grundsatz setzt, da die meisten für die Kennt- * nis des Judentums in Betracht kommenden' Quellen in der hej Wischen Sprache geschriebensind, ihre gründliche Kenntnis voraus. Ich bin in der angenehmen Lage, diese Forderung seit I Jahrzehnten aufgestellt und durch meine Lehrmittel nach meij ner Einsicht und meinen Kräften gefördert zu haben. In meinem diese Frage streifenden Aufsatz in den „Bausteinen praktischer Pädagogik", 1929 zum 125jährigen Bestehen des Philanthropins erschienen, schrieb ich: „Ein tieferes Verständnis der Bibel, der jüdischen Lehre, die Befähigung des jungen Juden zur aktiven Teilnahme am Gottesdienste, d. h.. zum Erfassen der Vorlesungen und vor allem zum Beten ist doch faktisch nur efenkbar in der hebräischen Sprache, als der Sprache deF 'Bibel, unseres höchsten geistigen Gutes, und als unserer Gebetsprache. — So wie man eben in den Geist der Antike nicht ohne fundamentale Kenntnis des klassischen Griechisch und Latein, in das Neue Testament etwa nicht ohne Uebung im Neugriechischen, in die unvergängliche Bedeutung eines Shakespeare nicht ohne englische, in die Tragödien eines Racine nicht ohne französische Sprachkenntnisse einzudringen vermag und auch^die besten Uebertragungen nur ein schwaches Abbild des Originals, keineswegs dessen wahre Schönheit und tieferen Geist widerspiegeln, so steht es auch mit unserer Bibel. So ganz gewiß auch mit dem Gebetbuch! Noch ist es nicht gelungen, seine eigenartige Sprache, seine« Rhythmik, seinen Schwung auch nur annähernd in der so ganz anders gearteten deutschen Sprache so wiederzugeben, daß ein religiöses Gemüt an und in solchem Gebet sich wahrhaft erbauen und wiederholt und dauernd darin seine Andacht wekken und befriedigen könnte. „Gewiß — so ruft Steinthal in einem dringlichen Mahnwort „an die Eltern" — gewiß wird er in jeder beliebigen Sprache in das Kinderherz dringen,' dei Ruf Gottes: wo bist du? Aber wie klingt das? oder wie klingt es in irgendeiner lebendigen oder toten Sprache: Ajekka?! — „Wo bist du?" so ruft ein Junge dem andern im Hause oder sonstwo zu — ajekka bedeutet freilich nur dasselbe; aber so ruft die Religion. Darum dringt dieses Wort mit ganz anders erschütternder Kraft in den Knaben ein un<;l bleibt darin als Warnungsruf für das ganze Leben . . Wie nennt Herder unsere Bibel? Die Mutter unserer edelsten Kenntnisse! Und diese mütterliche Nahrung, die Sprache dieses natürlichen Urquells, wollen wir den Kindern des Volkes der Bibel vorenthalten? . . . Sind wir aber gezwungen, die hebräische Sprache zum Unterrichtszweig in einem Kindesalter zu machen, in dem, streng pädagogisch und psychologisch gedacht, die Belehrung in einer andern als der Muttersprache eigentlich grundsätzlich abgelehnt werden müßte, so läßt es unser modern pädagogisches Empfinden nicht zu, anders als streng methodisch und zwar möglichst nach den Erfahrungen und Erfolgen moderner Sprachmethoden auch diese Fremdsprache, die sie. nun einmal ist, dem Schüler nahe zu bringen. So sind wir dazu gelangt, die alte Methode des Vor- und Nachübersetzens strengstens zu bannen und vom Nahen zum Fernen, vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Leichten zum Schweren fortschreitend, unser Ziel zu verfolgen: Den Schüler zu befähigen, selbständig die Bibel zu lesen und verständnisvoll sich an ihr zu erbauen, im stillen Kämmerlein oder im Gottesdienst." Es ist selbstverständlich, daß die hebräische Sprache nur wie jede andere auf streng methodischem Wege gelehrt werden muß. Dabei lasse ich es dahingestellt, ob in der heutigen Zeit, da für eine große Menge jüdischer junger Leute Palästina das Land der Zukunft wird, auch das sogenannte Neuhebräisch, das Hebräisch des Umgangs und dieses in se-* phardischer Aussprache betrieben werden soll und muß. Nach Erlangung dieser Möglichkeit, die Bibel zu lesen, schöpfen' wir — das ist die erste und wichtigste Forderung — aus dem „Quell lebendigen Wassers", aus der Urkraft unseres, jüdischen Daseins die gesamte Kenntnis der Geschichte des jüdischen Volkes bis zur ersten Vertreibung aus seiner Heimat und noch darüber hinaus die Geschichte des babylonischen Exils bis zur Heimkehr Esras, schöpfen wir das gesamte Sitten- und Religionsgesetz des Judentums aus dem Fünfbuch Moses, schöpfen wir die staunende Bewunderung des jüdischen Prophetismus und damit die tiefe Verwurzelung in den.messianischen Gedanken der Ewigkeit des Judentums aus den Propheten selbst, schöpfen wir die unerreichte, herrliche Poesie Israels aus den ewig unvergänglichen Psalmen, schöpfen wir das religiöse Denken des Judentums aus der großartig-