Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (26.6.1934)
- Date
- 1934-06-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Jüdische Schulzeitung Nummer 7 Religions-Unterricht — Judentumskunde ,;.Ein Vortrag von J. B. Levy in Frankfurt a. M. Dieser Vortrag wurde zuerst In einer wissenschaftlichen .; Konferenz; des „PhHanthropins" und sodana In der „Ver- •. einigung isr. Lehrer und Lehrerinnen" gehalten. Es sind nur einige kleine Aenderungen und Ausfassungen von Stellen, die auf die besonderen Verhaltnisse Bezug nahmen, vorgenöfomen worden. Religionsunterricht — Judentumskunde — das sind die termini, mit denen man heute am schlagendsten den Sinn und die Aufgabe der Erziehung des jungen Juden in der vergangenen und in der kommenden Zeit bezeichnet. Was wollte der Religionsunterricht der alten Zeit bis in unsre Gegenwart hinein? Ich zitiere aus dem Frankfurter Lehrplan- „die Erziehung der. jüd. Jugend zu religiös-sittlichen Persönlichkeiten' und zur Teilnahme am Leben der jüdischen Gemeinde". Gewiß ein hohes Ziel, und wohl uns, wenn wir es erreicht'hätten. Aber ist der Religionsunterricht vergangener Jahrzehnte diesem Ziele auch nur annähernd gerecht geworden? Hand aufs Herz! Ist das Bewußtsein des Zusammenhangs mit jüdischer Vergangenheit und jüdischer Zukunftsaufgabe lebendiger Bestandteil des Denkens unseres jetzt lebenden Geschlechts geworden? Steht nicht die große Masse der deutschen — und gewiß auch vieler anderer — Juden den mannigfachen Problemen des Judentums gegenüber heute mit leeren Händen da? Hat jetzt, da es nicht mehr in ihrem Belieben steht, persönlich die Frage zu beantworten: Jude oder Nicht¬ Jude? da sie von außen zu Juden .gestempelt werden und ihnen ihr Deutschtum abgesprochen wird, ihr Judentum Sinn und Inhalt? Halben sie — die große Mehrheit — trotz empfangenen Religionsunterrichts nicht in überwiegendem Maße ihr Judesein als aufgezwungen empfunden? Wir wollen nicht ungerecht sein und die Unterweisung vergangener Lehrergenerationen und unseren eigenen Unter- , rieht nicht schlechthin als minderwertig und ungenügend hinstellen. Wir dürfen für sie und uns in Anspruch, nehmen, nicht zuletzt durch den Religionsunterricht vergangener Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts „religiös-sittliche Persönlichkeiten" erzogen zu haben. — Der deutsche Jude, das Produkt dieses Unterrichts seit der Emanzipation, war und ist nicht sittlich schlechter als der nichtjüdische Deutsche, die Lehren des Judentums haben auch in der bisher allgemein üblichen Form des Religionsunterrichts ihr Gutes getan und gewirkt. Was er aber nicht' erreicht hat, das ist das überzeugte innerliche und das laute, vernehmliche Ja unseres Geschlechts zu der natürlichen und geschichtlichen Gegebenheit des Judeseins, aus der heraus er sein gesamtes Leben gestaltete trotz — oder neben — der deutschen Bildung und Kultur., in der es aufgewachsen war und die es als unentwindbaren Besitz sein eigen nannte. Dieses Geschlecht, ausgestoßen von der Umwelt, steht heute gebrochen da, es hat keine Innenwerte, auf die es stolz ist. Fern von der jüdischen Gemeinschaft, vom jüdischen Kulturkreis, vom jüdischen Gemeindeleben, so "ist es aufgewachsen, hat sein Judesein verheimlicht, ja gar äußerlich abgestreift, hat es für einen Geburtsfehler gehalten, statt es als eine Aufgabe, einen Auftrag zu nehmen--da steht es nun in seiner ganzen Armut vor der nackten, ihm oft gar Grauen bedeutenden Tatsache dessen, was es doch ist: Jude! Wir müssen erkennen, wir müssen bekennen, daß diese Trauer und Schmerz erregenden Gestalten die Objekte des nach der Emanzipation entstandenen und 'betriebenen mangelhaften Unterrichts und der verkehrten Erziehung vergangener Geschlechter, auch Lehrergeschlechter, sind, die sich damit begnügt haben, im Religionsunterricht Surrogate statt der wah-. ren Nährstoffe, schwache Uebersetzungen statt der Urquellen, Beschreibungen statt Erlebnisse, Charakterbilder statt Persönlichkeiten vorzuführen, die biblischen Geschichtsunterricht statt Bibelkenntnis boten, die glaubten, manchmal notgedrungen, in zwei oder- - drei Wbchenstunden. länge Jahrzehnte nicht einmal organisch in die Schule und den Gesamtunterricht eingefügt, sondern an den sonst freien Nachmittagen erteilt und so schon den Stempel der Minderbewertung und des 'unbequemen Zwanges tragend, die ihnen anvertrauten Kinder zu ganzen Juden'zu machen. Doch wozu diese Dinge noch ausführlicher darstellen — sie sind uns allen in ihrer Mangelhaftigkeit und Dürftigkeit bekannt und klar, wir hatten nicht die Kraft, sie zu ändern. Aber was nützt es, heute zu klagen und zu jammern? Nein, wir müssen handeln; wir müssen bessern. Wir müssen aus der Erkenntnis des falschen Weges — falsch, weil er nicht ans Ziel führte — den wahren, rechten Weg zu finden suchen. Wir müssen an dem künftigen Geschlecht bessern, was unsere Vorgänger, ja wir selbst an dem vergangenen und vergehenden Geschlecht gesündigt haben. Wir können es heute leichter als früher, denn es scheint, als hätten uns die beklagenswerten äußeren Verhältnisse die Möglichkeiten einer gewissen Autonomie auf dem Gebiete der Schule und Erziehung beschert. Suchen wir aus der Schwere der Situation doch den Nutzen zu ziehen, der uns möglich ist — so kann das schwere Los, das uns getroffen hat, sich in Segen verwandeln. Ueber das Schicksal unserer Jugend ist entschieden worden — ihre Formung liegt in unserer Hand. — Der „R e 1 i g i o n s u n t e r r ic h t" muß schwinden — „Judentumskunde"*) muß an seine Stelle treten. Wir müssen mit ihr ein Geschlecht zu erziehen suchen, das der Not gewachsen ist. Es soll in seiner Gemeinschaft fest stehen, mit beiden Füßen, fest im Bewußtsein seines eigenen Wertes, erfüllt mit jüdischer Bildung neben der allgemeinen und zwar nicht nur mit der Geistes-, sondern auch mit der wahren Herzensbildung des Judentums. Diese „Judentumskunde" muß ganz u n d ga r Quellenunterricht werden. Sie muß — kurz gefaßt — an Stelle der früheren, vereinzelt dastehenden Wissenskomponenten des Judentums und alles dessen, was dieser Begriff in sich schließt zum Bilde eines jüdischen Kosmos werden. „Daß der jetzt heranwachsende Jude sich auf den Urbestand seines geschichtlichen Wesens besinne und sich aus ihm neu aufbaue zu dem Menschen, der die Problematik der'Gegenwart am exponiertesten Punkt bewältige, das ist das Ziel unseres Bildens, ihr jüdischen Erzieher auf deutscher Erde! . . . Die Urverbundenheit mit den Urkräften des Judentums muß dem jungen Geschlechte fundamental werden und seinem Leben einen unerschütterlichen Halt schenken, eine Gewißheit, die nicht zerstört werden kann" . . . (Buber). Lassen Sie mich nun, um aus der grauen Theorie in die lebensvolle Praxis einzutreten, in pädagogische Kleinmünze umprägen, was Größere als ich, .besonders gerade Buber, in dem umfassenden Begriff „Judentumskunde" als Großmünze in die pädagogische Welt geworfen haben, und was ich unter diesem zusammenfassenden Begriff verstehe. Fortsetzung folgt! Die Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung bei der Reichsvertretung der deutschen Juden (Sitz: Frankfurt a. M., Fahrgasse 146) bereitet nach der Tagung in Herrlingen und der Lernzeit in Bad Kreuznach ihren ersten Rundbrief vor. Sie bittet um Mitteilung von Interessenten (genaue Adresse). Zum Zwecke einer umfassenden Aufnahme des Standes der jüdischen Erwachsenenbildung in Deutschland werden die Leiter der Lehrhäuser, Volkshochschulen, Lehrkurse, Kurse der Religionsgemeinden, Schulen der Jugend, Jugendbilnde, *) Wir binden uns nicht an diesen Ausdruck. Vielleicht trifft auch „J u de n t ü m s le h r eu seinen Inhalt