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Jüdische Schulzeitung · 1934-06-01 · 6 (1.6.1934) · page 5

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
6 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nummer 6 Jüdische Schulzeitung Seite 5 benskräfte ausreichen werden, auch weiterhin die Tat. tun zu können. Aus dieser Unruhe und Erregtheit der Seele, die Gott -schickt, wächst die Tat. Durch die vollbrachte Tat habe ich dem vergänglichen Augenblick Dauer verliehen. Die in der Vergänglichkeit entstandene Tat hat so Anteil an der Ewigkeit. Die Tat hebt den Täter aus seiner menschliehen Vergänglichkeit ins Unvergängliche, Die Frage der Umkehr, Heimkehr Was in der christlichen Theologie Reue heißt, heißt im Jüdischen Umkehr, oder, wie Rosenzweig bezeichnend sagt: Heimkehr. Scheler, einer der führenden Religionsphilosophen unserer Zeit, sagt in seinem Werk „Vom Ewigen im Menschen" von -der Reue: „Die Reue, rein moralisch gesehen, ist eine Form der Selbstheilung der Seele, der einzige Weg zur Wiedergewinnung ihrer verlorenen Kräfte. Und religiös ist sie noch weit mehr: der natürliche Akt, den Gott der Seele verlieh, um zu Ihm zurückzukehren, wenn sich die Seele von Ihm •entfernte." Rosenzweig stellt die Frage der Umkehr oder der Heimkehr so, daß er fragt: Tut Gott oder tut der Mensch den ersten Schritt?Wenn \v\r an da^ anknüpfen, was bei der Frage der Willensentscheidung festgestellt wurde, so könnte man sagen, ich habe mich entschieden, umzukehren, heimzukehren, aber, ob ich die Kraft haben werde, die Umkehr zu tun, weiß ich nicht. Darum bitte ich Gott um die Kraft zur Verwirklichung meiner Entscheidung, wenn ich bete: Führe uns zurück, Ewiger, zu Dir, und wir wollen zurückkehren." (Klagelieder 5, 21). Insofern würde der Mensch den ersten Schritt tun und Gott ihm beim zweiten helfen, aber „die wirkliche Frage entsteht" — jetzt wird die Frage eine Sqhicht tiefer gegraben — „weil der Mensch, wenn er vor Gott steht, immer seine eigene Ohnmacht spürt und also notwendig den ersten Schritt von Gott erwarten und erbitten muß und doch gleichzeitig unüberhörbar vernimmt, daß Gott ihn von ihm, dem Menschen, verlangt: Maleachi 3, 7: Kehre zu mir zurück, und ich will zu Euch zurückkehren, spricht der Ewige der Heerscharen." Wie ist Umkehr zu bewerkstelligen? Dazu möchte ich hinweisen auf folgende Bemerkung von Scheler: „Da der religiöse Akt eine wesensnotwendige Mitgift der menschlichgeistigen Seele ist, kann gar nicht die Frage ergehen,, ob er von einem Menschen vollzogen wird oder nicht. Es kann nur die Frage ergehen, ob er das ihm adäquate Objekt findet, zu dem er wesensmäßig gehört, oder ob er auf ein Objekt zielt und es als heilig und göttlich bejaht, das seinem Wesen widerstreitet, da es der Sphäre endlicher Güter angehört. Es besteht das Wesensgesetz: Jeder endliche Geist glaubt entweder an Gott oder an einen Götzen. Indem wir also einen Menschen zur Enttäuschung über seinen Götzen führen, führen wir ihn von selbst zur Idee und Realität Gottes. So ist der einzige und erste Weg, das Werden der religiösen. Persönlichkeit zu schaffen, der Weg der „Zerschmetterung der Götzen". Wird dem Menschen der seiner Seele die Gottesidee gleichsam verbergende Schleier hinweggenommen, wird ihm der Götze zerschmettert, den er zwischen Gott und sich gleichsam gestellt hat, wird die Ordnung der Werte vor dem Herzen wiederhergestellt, so kehrt der abgelenkte religiöse Akt „von selbst" zu dem ihm gemäßen Gegenstand der Gottesidee zurück." Buber verweist in seinem Buch „Ich und Du" unter direkter Bezugnahme auf Scheler auf einen Irrtum in den sonst so treffenden Bemerkungen Schelers: „Diese Auffassung setzt voraus, daß das Verhältnis des Menschen zu den von ihm „vergötzten" endlichen. Gütern dem zu Gott im Wesen gleich sei. Wer von dem Götzen . . . beherrsch! ist, hat keinen Weg zu Gott, als die Umkehr, die eine Aenderung nicht des Ziels allein, sondern der Bewegungsart ist. Es ist. Lästerung, wenn einer, nachdem der Götze hinterm Altar hinstürzte, das auf dem entweihten aufgeschichtete unheilige Opfer Gott darbringen will; man kann nicht einem nach dem andern dienen, man muß erst anders dienen lernen." :' \ Umkehr bedeutet nun nicht nur Umkehr in der Gesinnung allei,n, sondern auch Umkehr im Tun, Die Umkehr in der Gesinnung ist leichter zu erreichen als die Umkehr im Tun. Allerdings müßte man eigentlich sagen können: die echte Umkehr hat im Gefolge die echte Tat. Aber bis sich die Gesinnung in die Tat umsetzt, dauert je nach der Wesensart eines Menschen kurz oder lang. Mancher setzt mit einem Sprung über die Hindernisse hinweg, mancher geht bedächtig; aber wie dem auch sei, das Wesentliche ist, daß er geht und nicht stehen bleibt. Scheler äußert zu dieser Frage: „Da Religion ebensosehr Uebung ist als Erkenntnis, und da beide, Uebung und Erkenntnis gar nicht trennbar sind, so wäre es ganz sinnlos, einem Menschen, der sich einer bestimmten Religion genähert hat, zu sagen: Ehe du nicht alle Sätze anerkennst, die diese Religion lehrt über göttliche Dinge, darfst du um deines Gewissens willen auch keinen von dieser Religion vorgeschriebenen kultischen Akt vollziehen. Pascal hat vielmehr ganz recht, wenn er sagt: Beuge nur das Knie, dann wirst du fromm!" Rosenzweig formuliert so: „Gott gefunden haben, ist kein Abschluß, sondern selber ein Anfang." Feindesliebe Der Begriff der Feindesliebe wird allgemein angesehen als ein Begriff des Christentums. Rosenzweig zeigt den jüdischen Begriff der Feindesliebe. Der Standpunkt des Christentums ist folgender: das Gebot: Liebet eure Feinde! wird gewöhnlich angesehen als eine ethische Forderung. Sieht man es als ethische Forderung, so bleibt es immer außerhalb der Sphäre der Realität. Fs soll aber angesehen werden als eine Wirklichkeit. So sieht es auch der Christ, der missioniert. Denn zum Begriff Mission gehört als dazugesetzt der Begriff Feindesliebe. Für den Missionierenden ist der Feind derjenige, der später zur eigenen Gemeinschaft gehören wird. „Der Feind wird geliebt als der künftige Bruder." Wenn man es extrem ausdrücken, wollte, könnte man sagen, die christliche Feindesliebe ist nicht in sich eine Tugend, sondern sie ist Mittel zur Erringung eines Zwecks. So ist der Standpunkt des Judentums: Vom Jüdischen aus gesehen, muß Feindesliebe etwas ganz anderes sein, da ja der Missionsbegriff im Jüdischen vollkommen fehlt. Hier handelt es sich nicht darum, den Feind zu lieben als den künftigen Bruder, dessen Bekehrung und Uebertritt man erreichen will, sondern „der Jude liebt im Feind den Vollstrecker des göttlichen Gerichtes." Der Jude nimmt dieses Gericht auf sich, erklärt sich für schuldig, geht in sich und kehrt wieder zu Gott zurück. Der Feind ist so derjenige, der zu Gott zurückführt. Er handelt im Auftrag Gottes. Der Jude erkennt im Handeln des Feindes den Fingerzeig Gottes. Was jüdische Feindesliebe ist, gibt sich zu erkennen in einem Ausspruch des jüngst verstorbenen großen Menschen, des Chofez Chajim, der äußerte, es tue ihm leid, um diejenigen Menschen, die Gott gewählt habe zu seinen Werkzeugen zur Ausführung seiner Pläne, es tue ihm leid um die, die soviel Böses zu tun verurteilt worden sind. Die Einzigartigkeit des jüdischen Volkes Von der Einzigartigkeit des jüdischen Volkes ist viel die Rede, aber meistens im mißverstandenen Sinne. Das jüdische Volk ist nun einmal ein Volk sui generis, eigener Art und eigener Gesetzlichkeit unterworfen. Man hat im Zeitalter der Emanzipation die Einzigartigkeit von jüdischer und nichtjüdi- :;cher Seite her leugnen wollen. Aber wenn sie auch aus rationalen Ueberlegungen heraus geleugnet wurde, so hat doch Freund und Feind irrational empfunden, daß das jüdische Volk etwas Besonderes ist und sich unter die Völker dieser Erde nicht einreihen läßt. Daher — so argumentiert Rosenzweig — hat der Antisemitismus nie tollere Formen angenommen als in den 120 Jahren, wo man den Juden für ganz normal zu erklären versuchte. Rosenzweig .führt das Anwachsen des Antisemitismus auf die Tatsache zurück, daß die Juden selbst sich nicht mehr als etwas Einzigartiges ansahen und bemüht waren, ihr Eigenes aufzugeben. Sie wollten in die allgemeine Kulturgemeinschaft eingehen, ohne ihr Eignes, ihre Besonderheit mitzubringen.

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