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Jüdische Schulzeitung · 1934-06-01 · 6 (1.6.1934) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
6 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 J ü d i s e h e : S c h u 1 z e i t u n g Nummer 6 Die göttliche Stimme bildete sich in der Seele aller je nach den Kräften eines jeden um und in verschiedenen Tönen drang sie in die Seele der Greis©, der Männer, der Jünglinge, der Knaben, der Frauen, und der Ton war nach der Geistesbeschaffenheit eines jedem" So wie sie alle anderes vernahmen, .so antworten sie auch alle anders; aber „auf die Antwort komlmt es an. Die Offenbarung, das religiöse Erlebnis sagt: Tue meinen Willen, wirke mein Werk!" Das Problem der Willensfreiheit. Es kann gar nicht die Rede davon sein, daß der ganze Fragenkomplex der Freiheit oder Unfreiheit des menschlichen Willens hier auseinandergesetzt werden soll; aber zum Verständnis der Ausführungen Rosenzweigs zu diesem Punkt, ist es notwendig, ganz knapp die Problematik anzudeuten. Der Mensch ist beherrscht vom Gesetz der Kausalität, nach dem jedes einzelne Ereignis als notwendige Folge einer unendlichen Reihe von Ursachen und selbst wiederum als notwendige Ursache einer unendlichen Reihe von Folgen erscheint. Wenn wir versuchen, uns Rechenschaft über das Zustandekommen eines beliebigen Willensentschlusses zu geben, so werden wir finden, daß er durch einen oder mehrere Beweggründe veranlaßt war. Nirgends — wenn wir die Dinge so ansehen — stoßen wir in unserem Willensleben auf ein vollkommen ursachloses, also wirklich freies Geschehen. Aber nicht nur die wissenschaftliche, sondern auch die religiöse Weltbetrachtung scheint die Freiheit des menschlichen Willens auszuschließen. Der religiöse Mensch verehrt in Gott den allmächtigen, allwissenden Schöpfer, Erhalter und Lenker der Welt. Auch das menschliche Wollen und Handeln wird nach dieser Anschauung von Gott nicht nur bewirkt, sondern auch vorhergewußt. Wenn aber jedes, auch das kleinste Geschehen in der Welt, Gottes Werk ist, dann bleibt kein Raum für die Freiheit des Menschen. Es handelt sich aber bei dieser Frage nicht um eine theoretische Denkfrage, sondern um eine Frage von höchster praktischer Bedeutung. Ohne Freiheit gibt es keine Verantwortlichkeit. Die Begriffe sittlich — gut und böse verlieren ihren Sinn. Kant versucht den Gegensatz, daß der Mensch einerseits in seinem Handeln unfrei ist und doch frei sein muß, durch folgende Ueberlegung zu überbrücken: Der Mensch ist Bürger zweier Welten, er ist Sinnenwesen und Vernunftwesen. Als Sinnenwesen untersteht er in seinem Wollen und Handeln dem Zwang der Naturnotwendigkeit, als Vernunftwesen ist er frei. Für die wissenschaftliche Erklärung sind seine Handlungen das unausbleibliche Ergebnis vorhergehender, empirisch verursachter Erscheinungen; nichtsdestoweniger macht ihn die moralische Beurteilung für die Handlungen verantwortlich. Bei der wissenschaftlichen Betrachtungsweise werden seine Handlungen aus seinem empirischen, sinnenhaften Charakter hergeleitet, bei der 'moralischen Betrachtungsweise werden seine Handlungen hergeleitet aus seinem intelligiblen, d. h. Vernunftcharakter. Der Mensch (nach Kant) kann nicht anders handeln, wie er handelt, wenn er so ist, wie er ist. Aber er braucht nicht so zu sein, wie er ist. Die sittliche Beschaffenheit seines Vernunftcharakters, die sich im empirischen Charakter widerspiegelt, ist sein eigenes Werk, die radikale Umwandlung des empirischen Charakters seine Aufgabe, deren Erfüllung gefordert wird und die darum möglich sein muß. Buber in „Ich und Du" verlegt die Frage, die bei Kant schon auf das Geleise des Praktischen geschoben wird, noch mehr in die gelebte und zu lebende Wirklichkeit, wenn er sagt: „Kant mag den philosophischen Widerstreit zwischen Notwendigkeit und Freiheit relativieren, indem er die Notwendigkeit der Welt der Erscheinungen, die Freiheit der Welt des Seins zuweist, so daß die beiden Setzungen einander nicht mehr eigentlich entgegenstehen, vielmehr sich miteinander ebenso vertragen, wie die Welten, für die sie gültig sind. Aber wenn ich Freiheit und Notwendigkeit nicht in gedachten Welten meine, sondern in der Wirklichkeit meines Vor-Gott- ■ Stehens, wenn ich weiß: ich bin anheimgegeben und zugleich weiß: , es kommt auf mich an, dann darf ich dem Paradox das ich zu leben habe, nicht durch Zuweisung der unverträglichen Sätze an zwei gesonderte Geltungsbereiche zu entkomr men suchen, dann darf ich mir auch von keinem theologischen Kunstgriff zu einer begrifflichen Versöhnung helfen lassen, ich muß beide in einem zu leben auf mich nehmen, und gelebt sind sie eins-" - Das Judentum lehrt auch die Vereinbarkeit der Gegensätze. In den „Sprüchen der Väter" heißt es: Alles ist vorausgeschaut, und die Freiheit ist gegeben. Im Talmud heißt es: Bei der Geburt bestimmt Gott, ob der Mensch schwach oder stark, weise oder dumm, reich oder arm sein wird, nicht aber, ob er gut oder böse sein wird. An einer andern Stelle: Alles ist in der Hand Gottes*, nur nicht die Gottesfurcht. Rosenzweigs Beitrag zur Problematik der freien Willensentscheidung gibt der ganzen Frage eine geniale Wendung!" Er sieht die Schwierigkeit in einer anderen Ebene. Bisher ist immer gefragt worden: Hat der Mensch die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden? Rosenzweig fragt: Hat der Mensch die Möglichkeit, seine Entscheidung in die Tat umzusetzen? Anlaß zur Auf roll ung des Problems geben zwei Gedichte Jehuda Halevis. Der Dichter will seine Tage im heiligen Lande beschließen. Obwohl das seines Lebens Ziel ist, „trotz aller Pilgersehnsucht ist die Angst um das, was er aufgeben muß, . . . das Grauen vor der Heimlosigkeit noch stärker. Da geschieht etwas, was ihm das gibt, was ihm noch fehlte: den Zwang. Nun geht er gern. Was das ist, was geschah, das verrät er nicht. Wir wissen es nicht, welches Ereignis ihm das Verlassen der Heimat lieb oder gar zur Notwendigkeit gemacht hat. Es ist schon beinahe wunderbar, daß er auch nur soviel verrät. Denn dies ist etwas, worüber die Menschen meist schweigen, obwohl vielleicht jeder es einmal erfährt. Denn es verletzt im Tiefsten ihren Stolz. Der Mensch sucht seine Ehre in der Tat. Aber es gibt in jeder solchen Tat einen Augenblick, wo dem Menschen der Mut ausgeht, gerade weil er ihn ganz darangesetzt hat. Wenn an diesem Punkt nicht ein Zwang käme, welcher der Tat dennoch zur Geburt hülfe, so erblickte sie niemals das Licht der Welt." In der zweiten Anmerkung wird das, was Rosenzweig ausdrücken will, noch deutlicher und begrifflich reiner gesagt. Rosenzweig unterscheidet bei dieser Frage zweierlei: einmal die Freiheit zur Entscheidung, zweitens die Verwirklichung der Entscheidung. Die Freiheit, sich zu entscheiden, ist dem Menschen gegeben; die Verwirklichung der Entscheidung liegt in der Hand Gottes. Dieses ist Sache des Menschen, jenes die Gottes. Zur Verwirklichung der getroffenen Entscheidung sind Kräfte nötig, die der Mensch verausgabt hat, weil er sie bei der Entscheidung brauchte. Jetzt ist das ganze Problem verlagert: nicht, ob der Mensch sich frei entscheiden kann, ist die Frage, sondern, ob er fähig , ist, die Entscheidung in die Wirklichkeit umzusetzen, Tat werden zu lassen. Es ist spezifisch jüdische Denkart, die sich hier kundgibt; denn eine.. Frage wird aus der abstrakten Denksphäre in die Ebene der konkreten Realität übersetzt. Dadurch, daß Gott den Menschen die Gabe der Freiheit zur Entscheidung gegeben hat, ihn. zum autonomen Wesen geadelt hat, hat er sich selbst nicht ausgeschaltet. Der Mensch entschließt sich in einem gegebenen bestimmten Augenblick bei Vorhandensein dieser und dieser Motive. Die Situation von heute braucht nicht die Situation von morgen zu sein. Aendert sich die Situation, so ändern sich die Motive, so ist die Möglichkeit der Verwirklichung der Entscheidung von gestern heute hinfällig oder zweifelhaft. Darum weiß der Mensch nie, ob er seine Entscheidung verwirklichen kann, weil er das Kommende nicht weiß. Somit, weil das - Kommende in der Hand Gottes ist, bleibt die Verwirklichung der Entscheidung nicht in des Menschen Hand. Gott schafft mir, damit ich überhaupt die Kraft und die Intensität aufbringe, die Entscheidung Tat werden zu lassen, eine Situation, in der ich gezwungen und zwar nicht von mir her, sondern von den äußeren Umständen her tue, was ich gewollt habe. Selbst wenn ich durch die von Gott gesandte Situation gezwungen worden bin, die Tat zu beginnen, erfahre ich am Beginn des Tuns die Unruhe, ob meine >Le-

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