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Jüdische Schulzeitung · 1934-06-01 · 6 (1.6.1934) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
6 (1.6.1934)
Date
1934-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 6 Jüdische Schulzeitnng Seite 3 hat, nachsinnend über die Verknüpfung von Leib und Seele, schaut er Gott, „als hätte sein Herz gedurft sich mit am Sinai erzeigen." Das Erlebnis von heute bestätigt und wiederholt die geschichtliche Offenbarung." „Das Ersehnte ist geschehen": Voraussetzung des Geschehens ist die innere Bereitschaft zum Empfangen der Schau. Wer eine solche Schau empfängt, verhält sich zwar passiv, das heißt, er kann das Geschenk, das sich ihm schenkt, in kreatürlicher Demut hinnehmen, aber er selbst muß von innen her die Bereitschaft dazu spüren, er ist nicht nur passiv Empfangender — und hier unterscheidet sich die jüdische Auffassung von der christlichen — er ist auch aktiv, aktiv nicht im tätigen Sinn genomjmen, sondern als Aktivität des inneren Seins. Trotz der völlig bei Gott verbleibenden Aktivität ist das offenbarende Erlebnis eine Wechselbeziehung zwischen zwei Partnern. Das ist rein jüdische Auffassung und steht im Gegensatz zur dialektischen Theologie eines Barth, nach der der Mensch vor Gott ein Nichts ist. Dadurch, daß der einzelne Mensch fähig ist, Offenbarung zu erleben, dadurch wird ihm das Wesen aller Offenbarung, also auch der geschichtlichen Offenbarung begreiflich. Die geschichtliche Offenbarung bezieht ihre Legitimität immer wieder und wieder durch den am Individuum sich vollziehenden Einbruch des Göttlichen. Rosenzweig fragt: „Was ist Offenbarung? Es ist ja unmittelbar vorher ein Problem genannt, über das er nachsann. Bringt die Offenbarung die Lösung dieses Problems? Macht sie das nie zu schweigende Wunder zum handlichen praktikabeln Dogma, wie sichs etwa der Katholizismus vorstellt? Davon steht kein Wort da, obwohl alle Veranlassung dazu gegeben wäre." Dazu wäre zu sagen: Der Mensch erlebt die Offenbarung als Kundgabe des Geheimnisses als Geheminis. Durch die Offenbarung wird nicht offenbart, was das Geheimnis wäre, wenn es nicht mehr Geheimnis wäre, sondern es wird offenbart, daß das Geheimnis in den Dingen ist- Gerade das Geheimnis tut sich mit der ganzen Wucht seiner völligen „Andersheit" gegenüber allem Erklärlichen kund, in seiner völligen Unnahbarkeit für die Erkenntnis und für den Erkennenden. Wer Offenbarung erlebt, geht daraus hervor, nicht als der über eine Entdeckung Zufriedene, zufrieden mit seiner erklärenden Klugheit, sondern als ein vom Geheimnis Durchdrungener, auf die Grenzen seiner Kompetenz Zurückgeworfener, an seine Gebanntheit im Dasein Erinnerter, in Ehrfurcht Erschütterter. Gewiß „weiß" der, dem Offenbarung zuteil geworden ist, durch sie etwas vom Geheimnis; aber nicht etwas, wodurch es weniger Geheimnis wäre; sondern er hat erfahren, daß hier an diesem bestimmten Ort der Wirklichkeit, in dieser bestimmten Weise das Geheimnis wirkt. Er hat den geheimen Grund der Existenz in einem ganz konkreten Fall als Grund schauen können. Es gibt klare und trübe Offenbarungserlebnisse; schließlich verstehen wir von allem, was uns gezeigt wird, soviel, als wir verstehen können. Rosenzweig drückt das so aus: „Das Wunder ist in ihm nicht entwundert, sondern die Schau hat ihm den Mut gegeben, sich vor dem Quell des Wunders zu neigen. Das Problem ist dem Seher des Gesichts nicht gelöst, sondern — vergangen." In dieser Anmerkung sagt Rosenzweig Prinzipielles über das Phänomen des religiösen Erlebnisses selbst. In der nächsten Anmerkung spricht er über die Auswirkung dieses Erlebnisses am Menschen. Sein letzter Satz der ersten Anmerkung deutet das schon an, wenn er sagt: „Aus einem Problem des Denkens ist eine Kraft des Herzens geworden." Wir sind versucht zu ändern: Aus einem Problem des Denkens soll eine Kraft des Herzens werden. Das heißt, aus dem echten religiösen Erlebnis folgen von selbst die Konsequenzen für den Ablauf des täglichen Lebens; denn das religiiöse Erlebnis*ist selten und von den Gipfelpunkten des Erlebens müssen Straßen gebaut werden ins Tal des Alltags hinein, die ihr Licht empfangen vom Gipfel her. Wer sich mit dem Gipfelerlebnis zufrieden gibt, ohne von daher seinen Alltag bestimmen zu lassen, von deim möchte man ' behaupten, er habe überhaupt kein echtes Erlebnis gehabt; denn das echte Erlebnis trägt in sich unüberhörbar die Forderung der Verwirklichung und Verwurzelung der Erkenntnisse im Alltag. Kierkegaards Wort: Seid Täter des Worts und nicht Hörer allein! meint dasselbe. Bulber in seinem philosophischen Werk „Ich und Du" äußert sich zu diesem Phänomen so: „Der Moment der Begegnung ist nicht ein „Erlebnis", das sich in der empfänglichen Seele erregt und selig rundet; es geschieht da etwas am Menschen. Die Wirklichkeit ist, daß wir empfangen, was wir zuvor nicht hatten, und es so empfangen, daß wir wissen: es ist uns gegeben worden. In der Sprache der Bibel: Die auf Gott harren, werden Kraft eintauschen. Der Mensch empfängt nicht einen „Inhalt", sondern eine Gegenwart, eine Gegenwart als Kraft. Diese Verbundenheit macht das Leben schwerer, aber sie macht es sinnschwer. Der Sinn kann nur getan werden. Der Mensch kann der Beziehung zu Gott, deren er teilhaftig geworden ist, nur gerecht werden, wenn er nach seiner Kraft, nach dem Maß jedes Tages neu Gott in der Welt verwirklicht." Rosenzweig faßt das packend und fordernd so: „Offenbarung ist Erlebnis und Ereignis"; das heißt, ich habe etwas erlebt, es hat sich an irwir etwas ereignet, es ist etwas in der Wirklichkeit, in meiner Wirklichkeit geschehen, vor dem ich nicht mehr ausweichen kann, das sich mir ereignet hat und mir seinen Stempel aufdrückt. Rosenzweig ergänzt: „Echtes Erlebnis nur, weil und wenn die Offenbarung auch Ereignis war, echtes Ereignis nur, weil und wenn sie immer wieder Erlebnis werden kann." Das ist so zu verstehen: echtes Erlebnis nur, weil es auch Ereignis war, weil etwas an mir und mit mir geschehen ist, was mich trifft, packt und nicht losläßt. Echtes Erlebnis ist es aber nur dann, wenn es Ereignis war, das heißt, wenn ich anders werde. Umgekehrt in der Vertauschung der Begriffe Ereignis und Erlebnis heißt es so: Wenn ich für den Tag, den täglich abrollenden Tag, Folgerungen aus dem Ereignis gezogen habe, dann muß ich auch immer wieder die Möglichkeit des Durchbruchs zum Erlebnis hin haben, das Ereignis darf nicht erstarren, sondern muß immer beseelt und durchblutet werden vom Erlebnis her und sich wieder formen zur Gestalt. Das gestaltete Ereignis darf aber nicht Selbstzweck sein, sondern muß Mittel zum Zweck sein, Führer für den Weg; aber man könnte sagen, ohne die Gestaltformung für den Alltag wäre nicht so leicht die Möglichkeit des Durchbruchs zum Erlebnis hin gegeben. Man wirft dem Tatgläubigen so oft vor, sein Tun sei erstarrte Form ohne lebendige Beziehung zum Erlebnis. Darauf ist zu antworten, daß das Tun latent zu!m mindesten jedes Mal die Möglichkeit setzt, zum Erlebnis vor- und durchzubrechen, ganz abgesehen davon, daß ein ins Metaphysische gebetteter Rhythmus des Tages-, Wochen- und Jahresablaufs auch Selbstwert besitzt. Rosenzweig fährt fort: „Die Gegenwart scheut vor diesem Zusammenhang", das heißt, daß das Erlebnis zum Tun drängt, und das Tun hinwiederum Erlebnis werden will. „Die Gegenwart möchte in den verschiedensten Formen und auf den verschiedensten Wegen Gott auf das Nachts des Erlebnisses beschränken und ihm den Weg in den Tag des Ereignisses verlegen." Nicht, daß man das Erlebnis hatte, sondern wie man darauf antwortet, darauf kommt es an. Die Art, wie die Menschen antworten, verrät die Art eines Menschen. Rosenzweig illustriert diesen Gedanken durch Andeutung eines Midrasch, den ich wegen seiner symbolischen Schönheit anführe: „Die göttliche Stimme verbreitete sich über die ganze Schöpfung. Den Ohren Israels erklang sie von Mitternacht, Israel stürzte sich nach Mitternacht, und die Stimme erklang von Abend, sie wendeten sich gegen Abend, und sie erklang von Morgen, sie erklang vom Himmel, erklang von den Tiefen der Erde, und das verwirrte Israel rief: Von welcher Seite wird denn nun diegöttliche Botschaft ertönen? Die göttliche Stimme widerhallte in tausend und abertausend Sprachen, und alle Nationen verstanden ihre Worte, und ihre Seele ward davon erschüttert: bloß Israel hörte und war nicht verwirrt. Die göttliche Stimme war Blitz den Nationen, die sie nicht aufnahmen; sie war Leben für Israel, das sie hörte.

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