Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 4 (1.4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kummer 4 J ü d i s che Schu 1 z ei t itug Seite 5 iius der EBerie des :Kreat&»taobei^e>au^z-uheben.4iv solcher $>i-~: luation eiröacht gaifövonselbst der Wunsc%rreligiöse Bräuche Wieder zu üben. Tefilla, Machsor und--"-f zuweilen noch — die Bibel werden hervorgesucht; die Zeichen-wirken fremdartig und dennoch vertraut. Nichts ist übrig^blieben als eine vage Erinnerung; die-nichthinreichtrdie Bücher zu gebrauchen^ Man geht am. Sabbat in die Synagoge, macht Kiddusch mit und Habdalah; man erlebt einen Sedera'bend und empfindet, wie reich das Leben hätte sein können, wenn, man nicht achtlos an all diesem religiösen Gut vorbeigegangen wäre. Da die Bereitschaft zur Wiederaufnahme da .ist, gibt man sich — auch der Kinder wegen — gern und willig der-Führung anheim. Ist sie gediegen^so kann unendlich viel Gutes geschaffen werden. . Bemühungen um Erwachsene sind nicht selten vergeblich. Das Leben hat seine Form gefunden, es gleitet in der Bahn der Gewohnheit dahin, ohne sonderlich auf neue Reize zu reagieren. Das eigentliche Feld erzieherischer Beeinflussung bleiben die Kinder, ihre Seele ist noch aufgeschlossen und allen Einwirkungen zugänglich, namentlich aber solchen, die von sinnfälligen Zeichen herrühren und das Nachdenken anregen. Wer Gelegenheit hatte, mit Kindern das Kidduschmachen in der Sukkah zu erleben, wer allsabbatlich zugegen ist, wenn die Kleinen Habdalahkerze und Bessamimbüchse halten, der weiß, wie aufnahmebereit die Junigens und Mädchen sind, wenn religiöses Brauchtum an sie herantritt. — Viele Jahre hindurch stand die Schuljugend dem sogenannten Religionsunterricht gleichgültig, ja feindselig gegenüber. Die Gründe dieser Haltung sind zu bekannt, als daß es erforderlich wäre, sie. hier noch einmal darzulegen. Heute hat sich die Situation grundlegend geändert. Wohl lehnt auch jetzt ein erheblicher Teil der Jugend es ab, in die Welt des Religiösen einzutreten. Ein Teil jedoch ist bereit, sich mit ihr ernsthaft auseinanderzusetzen. Sie wählt dabei den Weg des Quellenstudiums in der Originalsprache, und das bezeugt die gesunde Wendung, die sich hier vollzogen hat. Immerhin gehört nur ein Bruchteil der Jugendlichen in diesen Kreis: die Mehrzahl ist, sofern sie überhaupt Belehrung sucht, auf Handreichungen angewiesen, die immer nur Notbehelf sein können, auch wenn es sich um wertvolle Arbeiten handelt. — Das Buch von S. M ü 11 e r - Heidelberg „Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst" erschien in diesen Wochen in zweiter neubearbeiteter und vermehrter Auflage bei J. Kauffmann in Frankfurt am Main.*) Der Verfasser hat sich angelegen sein lassen, seinem Werk einen Charakter zu geben, wie er dem Zeitgeschehen angemessen ist. Es ist nicht der Sinn dieses Aufsatzes, den Inhalt des Buches auf seine sachliche Richtigkeit hin zu prüfen; das mag demnächst von einem Fachmann getan werden. Hier sei nur der Gesamteindruck wiedergegeben, den die Lektüre des Müllerschen Buches hinterläßt, wenn sie aus der Gedankenrichtung heraus erfolgt, die eben entwickelt wurde. Müller ist bemüht, die Fülle jüdischer Bräuche und den Aufbau und Inhalt des Gottesdienstes übersichtlich darzustellen, so klar, daß auch der Unkundige in der Materie heimisch werden kann. Zu voller Wirkung allerdings werden die Belehrungen erst dann kommen, wenn hinreichend hebräische Kenntnisse vorhanden sind. Die Darlegungen sind durchweg gediegen und in sprachlich einwandfreie Form gekleidet. Der Autor hat sich von apologetischem Kitsch freizuhalten gewußt; vielleicht hätten sich hier und dort einige Wendungen vermeiden lassen, die der Strenge nicht gemäß sind, die dem jüdischen Religionsgesetz eignet. Im übrigen aber ist Müllers Buch ein ausgezeichnetes Hilfsmittel sowohl in der Hand des Lehrers als auch in der des Schülers; es wird aber auch unter den suchenden Erwachsenen viel Freunde finden, weil es sich fern hält von fruchtlosen Spekulationen und in einer mustergültigen Weise in die religiöse Praxis einführt. Siegfried Braun. ") Broschiert 2,85 RM, gebunden 4 RM. Wesen und Bedeutung* der* Riten (Aus dem Buch .Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst' von S, Müller, Heidelberg): Die Lehre Moses, die ein Erbe der Gemeinschaft Israels ist, hat der Menschheit den reinen Monotheismus gegeben. Sie ist als erste mit der erhabenen religiösen Idee von dem ei n - zi gen,-heiligen Gotte in die.Weltgeschichte eingetreten und hat zuerst die Versittlichung des ganzen Lebens feierlich verkündet. Sie zeigt den Menschen als solchen im Ebenbild Gottes geschaffen. (1. Mos. I, 26.) In jedem Menschen harrt der göttliche Funke auf Erlösung. Die Lehre Moses soll — um dies mit einem modernen Ausdruck zu bezeichnen — der alles bewegende Motor des Lebens sein. Die Bibel („das Buch der Bücher"), in der sie niedergelegt ist. ist in ihren Grundgedanken Gemeingut der Kulturwelt geworden. Die Moseslehre stellt an ihre Träger hohe sittlich-religiöse Anforderungen. Sie verlangt die Erfüllung ihrer erhabenen Ideen. Wenn manaber den Ideen nachleben will, muß man sie kennen. Und wenn man sie kennt, wie oft werden sie im Drange des Lebens gerade da außer acht gelassen, wo ihre Betätigung Pflicht des Augenblickes wäre. Darum hat das Judentum in Riten und Liturgie sinnige Erinnerungszeichen geschaffen, die im Ringen nach den höchsten Zielen sittlicher Vollkommenheit uns mahnende Wegweiser und Mittler sein können. Diese herrlichen Ausstrahlungen jüdischer Religiosität und jüdischen Geistes machen die Idee sinnfälliger, lebendiger, persönlicher. Die Erkenntnis ihrer Bedeutung vergeistigt die Zeremonie, vertieft den Gottesgedanken und bewahrt vor Mechanisierung und Erstarrung. Die in ihrer Bedeutung erkannte Zeremonie erfüllt die Form mit Inhalt, mit eigenem Erlebnisgehalt, mit selbstgestaltendem Leben. Sie schafft das Bewußtsein fester Verbundenheit mit Gott und wird so zu jener religiösen Grundgesinnung hinführen, aus der heraus die guten Werke fließen. Mancher jüdischer Brauch, wie die Bemühungen um den Sterbenden, Waschung, Ankleidung und Bestattung des Toten, bedeutet unmittelbar Dienst am Mitmenschen. Wer die schweren Stunden, wo der Tod eines unsrer Lieben forderte, schon erlebt hat, weiß den opferbereiten Gemeinsinn und die liebevolle Pietät, die in diesen Bräuchen der Juden liegen, zu würdigen. Riten und Liturgie sind überwiegend nachmosaischen, ralbbinischen Ursprungs. „Das Gesetz Israels" hat sie auf der Moseslehre aufgebaut. Verschiedene Epochen haben ihm sein Gepräge gegeben. Das Gesetz, von tiefem Verantwortungsbewußtsein vor Gott und der Gemeinschaft getragen, umgibt das Leben des Juden wie ein schützender Zaun. Es will nach einem Ausspruch des Talmuds „die Menschen läutern" („Iezaref et habriot"). Es will, ohne ein dogmatisches Bekenntnis zu verlangen, das Sein jedes einzelnen im Glauben erfassen und soll im ethischen Bereich sein ganzes Innenleben beherrschen, es „heiligen". Es verlangt opferbereite Hingabe an die in ihm verkörperten Ideen, die in jedem Augenblick des Lebens uns etwas Göttliches zu sagen haben. Dazu bedarf es nicht nur des Wissens, sondern unablässiger harter Arbeit jedes einzelnen an sich selbst durch Entsagung und U e b u n g. Besonders unsre Zeit heischt ein volles Maß Entsagung bei der Gestaltung des Lebens. Diese Entsagung schwächt keineswegs die Kraft zum Lebenskampf. Sie hebt vielmehr den, der sie übt, zu innerst und erschließt ihm ein neues Reich von Werten. Die geisterfüllte Gebundenheit an religiöse Glaubens- und Denkformen von uralter Tradition, an das Unsichtbare und Symbolische, erzeugt und stärkt ein Lebensgefüht itn.d einen Lebenswillen, die sich in ethischen Taten auswirken und jedes Ungemach überwinden. Diese Gebundenheit soll nicht im Widerstreit stehen mit der inneren Freiheit des einzelnen und mit freiem Menschentum. Sie soll der immer sich erneuernde Ausfluß persönlicher Verantwortung vor Gott und der jüdischen Gesamtheit sein. Das Bewußtsein, daß Israels Lebensgesetz ein Gemeinschafts-