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Jüdische Schulzeitung · 1934-04-01 · 4 (1.4.1934) · page 4

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
4 (1.4.1934)
Date
1934-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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.Tatsachen der Emanzipation Rechnung zu tragen. Er giaübt c den - Anbruch der -neuen Zeit begrüßen:^zu :dürfeh, sieht er \ doch m ihr eine ^Morgenröte - wiedererwaehenden Menschentums. Wenn Hirsch über, der Meinung^war, daß mit der Emanzipation sieh .nur das äußere Schicksal der Juden än- ■dern-jarürde, .so -befand -er. sich in. einem großen Irrtum. Durch die Einbeziehung der Juden in die allgemeine Gesellschaft mußten sich die inner jüdischen Bindungen lockern. Das Jüdische konnte nicht mehr den ganzen Lebensbezirk ausfüllen, es mußte auf einen kleinen Interessenkreis sich beschränken. Wie ganz anders und viel verwurzelter im Judentum steht dem Verfasser der jüdische Gelehrte Luzzatto da, der nichts weniger als orthodox ist, der sich aber gegen jeden Versuch wendet die überkommene jüdische Lebensanschauung zu erweichen, und weit davon entfernt ist, von einem stetigen Fortschritt des Menschengeschlechts zu schwärmen. Wie gegenwartsnahe mutet es uns an, wenn er in einem Briefe schreibt: ,.Der Mensch wird nicht besser, er vervollkommnet nicht sich, sondern nur sein technisches Werkzeug und seine , materiellen Einrichtungen. Er verfeinert bloß seinen Geist als Instrument des Denkens, nicht aber veredelt er sein Herz, die Kraft seiner Gefühle." Wenn Luzzatto für alle jüdische Erziehung das Hebräische als Vermittlungssprache verlangt, wenn er alle rationalistische Aufklärung ablehnt und das Mittelalter als eine edle Geschichtsperiode preist, wo man keine Reihen - haftigkeit kannte, wo nicht dem Nutzen geopfert und die Emanzipation nicht zum Gott erhoben wurde, so ergibt sich daraus, wie er überall die Eigenständigkeit des jüdischen Geistes zu retten suchte. Das Grundprinzip, von dem der Verfasser ausgeht, ist der Anspruch der Totalität, den das Judentum erhebt, und von diesem Gesichtspunkt aus beurteilt er alle die Männer, die im Zeitalter der Emanzipation sich um die Judenheit und jüdi* sehe Religion bemüht haben, ob sie nun als Wissenschaftler, Philosophen oder schließlich als Politiker hervorgetreten sind. Die ganze Reihe markanter Persönlichkeiten aus dieser Zeit zieht an uns vorüber, und eine jede wird auf Herz und Nieren geprüft, worin die besondere Note bestand, die sie zu dem behandelten Problem beigetragen haben. Tief eindringende Kenntnis auf jüdischem Gebiete und psychologische Vertiefung in die einzelnen Persönlichkeiten, verbunden mit großem allgemeinem theologischen und philosophischen Wissen und sicherer Urteilskraft zeichnen diese Schrift aus. Und wenn wir uns nach ihrem praktischen Ergebnis fragen, so kann sie natürlich kein Allheilmittel uns geben. Unser Schicksal ist es. daß wir immer unterwegs sind, daß immer neue Probleme an uns herantreten, daß wir niemals fertig sind. Doch eines dürfte wohl als Ergebnis dieser Schrift sich herausstellen, daß wir mehr als bisher bei allen das Judentum betreffenden Fragen seinen Totalitätsanspruch in den Vordergrund stellen müssen. Ich stehe nicht an, dieses Buch von Wiener als wegweisend für die Zukunft zu betrachten. Rabbiner Dr. Caro-Köln. Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst Gedanken zu S. Müllers Buch Die Juden unserer Zeit und in unserer Umgebung bilden in bezug auf die religiöse Haltung eine sehr ungleichartig geschichtete Menschengruppe. Ein erheblicher Teil ist durch die Schule der modernen Wissenschaft hindurchgegangen, geistig durchaus von der ratio her geformt und hat damit alle Beziehungen zu einer konfessionell gebundenen Religiosität verloren. Die Gültigkeit der grundlegenden Glaubenssätze wird nicht anerkannt und damit auch das gesamte Gefüge des Gesetzes als nicht verbindlich abgelehnt; Wenn in diesen Tagen die Meinung Ausdruck fand, es werde das gewaltige Erlebnis der Schicksalswende eine „Teschuba", eine Umkehr zur Frömmigkeit der Väter herbeiführen, so war das mehr "ein Wunschträum deki Wirläiehk«its^eimtniSi'\bisiieri: wenigstens ist eme^derartig ^efgehende Wandlung nicht, feststellbar. Ueberzeugungen im Geistigen fassen sieh, sofern sie in ernstem Bemühen gewonnen wurdenr nicht leichthin wegtilgen, auch nicht durch starke seelische Erschütterungen; das haben die Ereignisse - unsrer - Tage~evident~er-wieseiL- .Und_so-. wird ein Versuch zum Aufruf für neues religiöses Leben nach dieser Seite hin kaum Gehör finden. Es gibt eine weitere Schicht Menschen, in der die religiöse Ueberlieferung lebendig geblieben ist trotz aller Versuchungen, die der Geist der Zeit an sie herangetragen hat, mag immer auch die Fülle dessen, worin Religiosität Ausdruck sucht, im einzelnen ungleich sein. Zwischen einem jüdischen Hause, in dem der gestrenge Schulchan aruch Richtschnur des Lebens ist und dem Heim, darin religiöses Brauchtum ausgewählt wird, ist eine weite Spanne; und dennoch verspürt der dort Weilende unmittelbar und eindrucksvoll in beiden jene anheimelnde Atmosphäre, die vor 150 Jahren noch in klassischer Wohltemperiertheit in allen jüdischen Häusern beheimatet war und deren Zauber ein Heinrich Heine meint, wenn er im „Rabbi von Bacherach" sinniert: „Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hausvater vo.rgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so-mütterlich einlullend, und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben ihrer Väter albgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten, wohlbekannten Paschaklänge zufällig, ins Ohr dringen." Ist auch der Anruf in diese Schicht hinein nicht vonnöten, so doch oft die Belehrung. Fortgesetzt gleichförmige Uebung läßt häufig den religiösen Brauch zu einem öden Mechanismus werden, aus dem kein Sinngehalt hervorleuchtet, und der deshalb wertlos ist, es sei denn, daß man der Uebung schlechthin eine in ihr beschlossene Bedeutung zumesse. Zwar ist es ein Eigenes um die Aufspürung des Sinngehaltes. Es gibt hier ein weites Gebiet, über das der Schleier .des göttlichen Geheimnisses gebreitet ist und auf dem sich gerade deshalb mit besondrem Eifer die Erklärer getummelt haben. Hier ist nicht der Ort, diese Versuche, den Grund und den Zweck eines Brauches anzugeben, kritisch zu betrachten. Menschen, die ein Gefühl für Maß und Schlichtheit haben, werden Natürliches von Schwulstigem zu scheiden wissen. Sie werden dem führenden Freunde gern Gefolgschaft leisten, wenn er in einfacher Art auf die mögliche Bedeutung eines Gebets, einer Rite, einer Zeremonie hinweist und auf Wirkungen, die ihr Vollzug zeitigen kann. Wird in dieser Art der geprägten Form immer wieder frisches Lehen eingehaucht, so ist das Bemühen um Förderung am rechten Platz. Eine dritte Gruppe endlich gibt es, eben in unsrer Zeit, innerhalb derer ein Abgedrängtes heraufbegehrt, ein durch Trägheit des Herzens und durch Abfall in die Niederungen des Daseins vergessenes Gut von neuem vor die Seele hintritt und Einbeziehung in das Totale des Lebens fordert. Sie sind uns im letzten Jahre oft begegnet, die Männer und Frauen/ die plötzlich Heimweh empfanden nach einer Welt, darin die Eltern noch atmeten , und vielleicht auch sie selber als Kinder noch wohlumhegt gewesen. Der Gang durch die entseelte Zivilisation hat sie innerlich ausgehöhlt, vom Geheimnis der Dinge losgelöst, vom „Heiligen" auf der Erde weggerissen. Nun stehen sie vor dem Nichts und halten Ausschau nach Gütern, die ihnen das Judesein sinnerfüllt machen könnten. Sie sind aus dem Zustand der Judentumsferne herausgetreten, ihr Wille zur jüdischen Gemeinschaft ist stark erregt, das Maß an Aufgeschlossenheit erzeugt, das unerläßliche''Vorbedingung zur Wiedergewinnung eines vollgültigen jüdischen Lebens ist. Allein es fehlt vielfach an bereitliegendem Eigenbesitz. Der Schatz jüdisch kultureller Substanz, der früher in immer hellem Glänze überliefert wurde, ist verblaßt, auseinandergefallen; die kümmerlichen Ueberreste sind weithin an den Rand des Bewußtseins gerückt; es fehlt ihnen jede Kraft, den Tag

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