Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 2 (1.2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nummer 2 Jüdische Schalzeitung Seite T Vereinigung Isr. Lehrer und Lehrerinnen Frankfurts Die jüdisch© Schule als Stätte jüdischer Erziehung Ueber dieses aktuelle Thema sprach Herr Georg Guttmanh als Nichtpädagoge in unserer Novembersitzung.- Das jüdische Schulproblem wird in der Oeffenth'chkeit heftig diskutiert. Diese Auseinandersetzungen sind nicht dazu angetan, eine befriedigende Lösung der wichtigen Frage herbeizuführen. Bevor man zum Ziele kommen kann, .miuß erst die geschichtliche Vorfrage dieses Problems behandelt werden. Das Gesicht der Schule wird von historischem Geschehen bestimmt. Die Schule ist der Ausdruck ihrer Zeit. So waren die Klösterschulen bestimmt von der Scholastik und waren eingebaut in die Weltauffassung ihrer/Zeit, sie zeigten daher eine theologische Haltung. Bei den Stadtschulen des Mittelalters ist das Jdeal nicht mehr Heranbildung des Geistlichen, sondern des Bürgers, des Repräsentanten des aufstrebenden Bürgertums. Der Renaissance gilt cUs. klassische Altertum als Richtschnur und Ideal der Sch/bildung. Das Zeitalter der Reformation hat das Bildung'ideal wiederum umgewandelt und stellte die religiös-the/ogische Auffassung in den Vordergrund. So wurden Bil^ngsziel und Unterrichtsmiethoden ständig geformt und äp-^rten sich häufig in Raum und Zeit bis zum Aufklärungs^talter. Auch die jürfsche Schule zeigt stets die ökonomische, politische und so^e Erscheinungsform ihrer Zeit. So trägt der Cheder die Z«&e der ökonomisch gedrückten Lage des Ostjudentums. pfe Zeit der Aufklärung verlangt bei uns die deutsche Schule'als eine Grundforderuitiig. Die damals geschaffenen jüdischen Schulai übernehmen die geforderte Heranbewegung an das deutscht Bildungsideal ihrer Zeit. Demgemäß ist das Ziel-der Begründer des Philanthropins, die Juden zu Deutschen 'zu erzielen,! unbeschadet der Substanz der jüdischen Religion. Das atWührte Beispiel zeigt deutlich, daß die Entwicklung der Jrclple historisch begründet ist, die jüdische Schule wird ebenjauch bestimmt durch den Geist ihrer Zeit. 'Es ist deshalb k«i Zufall, daß die jüdische Schule Deutschlands sich quanti|iv und qualitativ nach außerjüdischen Gesichtspunkten fort. Ebenso wie die Schule ist auch die Lehrerschaft von ihr| Zeit bestimmt und sie vermittelt der Jugenid das Ideal ttjr Zeit. Der Referent hält diese Entwicklung vom jüdisch* Gesichtspunkt aus gesehen für verfehlt. Unser Bildungsziej?0llte nur das jüdische Bildungsziel sein. Die Assimilation ]■ uns durch das Hinausdrängen . in den nichtjüdischen Rau^je Entjudung gebracht. Nur da, wo altes jüdisches Gut gepf|t wurde, ist die Einbuße geringer gewesen. Die EntwicLg m Deutschland hat gezeigt, daß die Synthese Judentum^eutschtum nicht gelungen ist. Heute v/evüen wir wegen|serer Andersartigkeit wieder in de^ ^eigeneii-;R-^m_zurü^st0ßen, Die Aufgabe der jüdischen •Sch^e unserer Zeit i|s daher, jüdische junge Mensohen fest in denursprunglichet%isch.en Mutterboden zu verwurzeln, dazu ^rni ft an erst<|telle die jüdische Volkskunde. Sie lehrt. <j" die Juden er|ire Geschichte an sich erfahren. Die deutscen Juden begingden F^nler? ihr Qeschick losgelöst VQn cf übrigen JudischeWelt zu betrachten. Wir sind eine \ Schic^sgemeinschaft, |hat die jüdische Volkskunde das , Lebejer Juden in der zu betrachten. Dieses Fach lehrt die l|ae des JudentumsrQm politischen, wirtschaftlichen, geist? und okonomischeAQesiehtspunkte. J.WiederverwurzeL jm Judentum dient die hebräih Sprache. Sie dient L Kult und der Religion, sie bestirnter auch Geist undUfühl. Sie wirkt gestaltend auf die Ren Menschen. S%t der Ausdruck der Gemein-;schfe hebräische SpracV muß deshalb ein lebendiger Bespil der Rückerziehungzum Judentum werden. - kenaue Kenntnis der Mschen Religion und die BeziefU ihr sind ebe.nfalls eine Isftwe'ndigkeit die eine Verwurzelung im Judentum zur Voraussetzung hat. Die jüdische Religion erst macht den entscheidenden Bestandteil der jüdischen Schule aus. Auch der sonstige Unterricht in der jüdischen Schule soll vom jüdischen Blickpunkte aus betrachtet werden, das ist besonders in Erdkunde und Geschichte möglich. In der Geschichte soll die jüdische Geschichte stets mit der allgemeinen Geschichte verglichen und verknüpft werden. In der Erdkunde sollen auch die Juden in den betreffenden Ländern behandelt werden. Der Referent streifte die Frage, ob und wie es gesetzlich und faktisch möglich sei, einen solchen jüdischen Lehrplan in unseren Schulen einzuführen. Der derzeitige Lehrplan ist festgelegt, aber wir befinden uns in einer Zeit des Uebergangs. Die Zukunft wird uns die Verwirklichung des geforderten Zieles ermöglichen, wir sollen bereits beginnen, diese Ziele durch fakultative Lehrpläne zu ermöglichen. Zum Schluß unterstrich Herr Guttmann noch den Einfluß der jüdischen Schule und ihre Bedeutung für die jüdische Erziehung unserer Jugend. Neben der Schule stehen noch als Erziehungsfaktoren die Familie und die Bünde. Die Familie kann und soll natürlich jüdische Erziehung treiben. Die Bünde können nur Ersatzformen der jüdischen Erziehung sein, es fehlt hier durch die jetzige ökonomische Lüge in Deutschland leider an Führern. Der gute Wilte ist vorhanden, aber bei dem heutigen Andrang zu den'Bünden ist die notwendig wichtige Beeinflussung kaum zu leisten. Qualitativ und quantitativ steht die jüdische Schule für die Erziehung unserer Jugend an erster Stelle. Ihr erwächst die Verpflichtung zur Wiederherstellung der jüdischen Substanz. Das jüdische Bildungsideal hat ihre Ziele zu bestimmen. Die Umschichtung unserer Jugend im Berufsleben gehört notwendigerweise auch zum Bestandteil der jüdischen Erziehung. In der Diskussion wurde die jüdische Volkskunde als Sonderfach abgelehnt. Sie soll den 'gesamten Unterricht durchziehen: auch auf die Schwierigkeiten emer umwälzenden Aenderung des Lehrplanes wurde hingewiesen. Fm. Aus dem Lehrerverband Die Jüdische Buch-Vereinigung ist gegründet Unter Förderung und Mitwirkung zahlreicher jüdischer Organisationen ist soeben - die Jüdische Buch - Verein i g u n g (JBV) gegründet worden, an deren Zustandekommen auch unsere Organisation beteiligt ist. Die Jüdische Buch-Vereinigung sieht ihre Aufgabe darin, Werke jüdischer Verfasser, insbesondere solche, die für das Judentum von Interesse sind, zu veröffentlichen und unter ihren Mitgliedern zu verbreiten. So werden jüdische Dichter und Denker zu der Wirkung kommen, auf die sie und wir angewiesen sind. Im Jahre 1934 erscheinen folgende vier Bücher: Ein neuer Roman von Georg Hermann : „Eine Zeit stirbt". Besondere Beachtung verdient die Herausgabe einer neuen Uebersetzung der gesamten jüdischen Bibel in drei Bänden, deren erster Band schon in der ersten Jahresreihe erscheint. Ferner ist ein Palästina-Bilderbuch und die „Geschichte der Juden in Deutschland" von Professor Dr. J. E1 b o g e n in Vorbereitung. Ein Nachrichtenblatt wird die dauernde Verbindung mit den Mitgliedern der Buch-Vereinigung herstellen. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 1 RM im Monat, außerdem wird eine einmalige Einschreibegebühr von , 0.25 RM erhoben. Anmeldungen sind zu richten an die Jüdische Buch-Vereinigung. Berlin W 15, Pariser Straße 7.