Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 1 (1.1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 J ü d i s che Sc h u 1 zeit ung nicht ein einziger Weg sein kann, der für alle gleich gaingbar wäre, ist allen Beteiligten klar. Ein Teil der jungen Menschen wird sich produktiven Berufen in Deutschland zuwenden, ein anderer,Teil wird versuchen, landwirtschaftliche, gärtnerische oder handwerkliche Lehrstellen Im Auslande 21t finden. Einer dritten Gruppe kann die. Möglichkeit gegeben werden, durch frühzeitige Eingliederung in das palästinensische Leben sich neue Zukunftsaussichterr zu erarbeiten. Die Aufgabe, jüdische junge Menschen im Alter von 14 bis 17 jähren nach Palästina zu überführen und sie dort einer handwerklichen oder landwirtschaftlichen Lehre zuzuführen, ist von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-AIijah in Berlin-Charlottenburg 2, Kantstraße 158 übernommen worden. Noch in diesem Jahre so.Men die ersten 500 Jugendlichen nach Palästina kommen. Heime, landwirtschaftliche Schulen und die landwirtschaftlichen Siedlungen haben sich bereit erklärt, gegen relativ niedrige Pflegesätze deutsche Jugendliche bei sich aufzunehmen, auszubilden und so lange zu behalten, bis sie sich ihren Lebensunterhalt selbständig verdienen können. Während der Lehrjahre soll ausreichende Zeit bleiben, um die hebräische Sprache zu erlernen und in jüdischen Kulturgütern, Palästinakunde und jüdischer Geschichte unterrichtet zu werden. Die Arbeit in Palästina wird überwacht von den zentralen jüdischen Stellen, der Jewish Agency for Palestine, die ein besonderes Ressort für die Kinderaufsicht eingeführt hat. Dieses Ressort der Jewish Agency trägt auch die Verantwortung dafür, daß die jungen Menschen im Lande zweckentsprechend untergebracht, ernährt und ausgebildet werden. In Deutschland beschäftigen sich drei Organisationen mit der Auswahl geeigneter Kinder: . d i e J ü d i s c h e J u g e n d h i 1 f e e. V., Berlin, die fortlaufend Kindergruppen — im ersten Jahre 270 Jugendliche — in Arbeitersiedlungen unterbringt, die Jüdische Waisenhilfe e. V., Berlin, die Trägerin des Jugenddorfes Ben-Schemen in Palästina, das Kinderheim Ahawah, Berlin, das eine Stadtrandsiedlung in der Haifa-Bai durchführt. Die Juden aller Länder haben sich diesem Hilfswerk in großzügiger Weise zur Verfügung gestellt. Auch das deutsche Judentum ist aufgerufen, möglichst vielen Kindern den Weg nach Palästina zu ebnen. Der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah ist ein Fördererkreis angegliedert, der die gute Sache in Deutschland vertritt. Die Auswanderung junger Menschen ohne ihre Eltern nach Palästina ist bisher in größerem Umfange noch nicht versucht worden. Es ergeben sich eine Reihe pädagogischer Probleme, die sorgfältigst beachtet werden müssen, soll das Werk gelingen. Für die Auswanderung kommein nur körperlich kräftige und geistig in jeder Richtung gesunde, junge Menschen, in Frage. Ein schwieriges Menschenkind, das mit seiner Umwelt hier in Deutschland schon nicht fertig wird, vermag die Belastungsprobe, die die Eingliederung in ein neues Land darstellt, wohl kaum zu bestehen. Es muß ferner eine innere Vorbereitung auf Palästina und das meue Leben, das das Leben eines einfachen Arbeiters oder Handwerkers sein wird, geschaffen werden. Nur das Kind wird sich in den Arbeitersiedlungen wohlfühlen, das diese innere Bereitschaft zur Umstellung auf ein einfaches Leben mitbringt. Dem Kinde oder jungen Menschen ferner, der durch Schule und bündische Gemeinschaftserziehung eine gewisse Selbständigkeit erlangt hat, wird die' Trennung vom Elternhaus leichter fallen als einem solchen, das noch niemals in einer Kinder- oder Ju,- gendgemeinschäft wirklich gelebt hat. Die Kenntnis der hebräischen Sprache, mindestens in ihren Anfangsgründen, erleichtert dem neu angekommenen Jungen oder Mädchen die Eingliederung ins palästinensische Leben. Das Gefühl der Hilflosigkeit und der Verlassenheit kann sehr schnell bei einem jungen Menschen entstehen, der sich nicht verstanden weiß, und der die Umwelt nur unzureichend versteht. Die klimatischen und sonstigen körperlichen Schwierig keiten sollen hier nur erwähnt werden. Es ist beinerkenswcr; daß diese Schwierigkeiten bei Kindern und Jugendlichen kleiner zu sein pflegen als bei Erwachsenen. Oie Kinder- und Jugend-Alijuh ist ein Weg tue Ilohubiin. der Berufs- und Lebensnot unserer jungen Menschen. Er wird erfolgreich zu gestalten sein, wenn nur die Geeignetsten die-; sen schweren aber schönen Weg gehen, und wenn die Juden-; heit der ganzen Weit, insbesondere aber die deutsche Juden-; heit daran mithilft, daß dieser Weg für möglichst viele jun?e jüdische Menschen aus Deutschland gangbar wird. f --: l \ Um Aufbau und Ziel der jüdischen Schule? In einer Berliner Versammlung sprachen die Herren Stu-I dienassessor Heinz Cohn und Mittelschulrektor Dr. Stern über t das Thema: Um Aufbau und Ziel der jüdischen Schule. Wirj entnehmen dem Bericht der Jüdischen Rundschau vom 12. d.J M. folgende Ausführungen: ( Studienassessor Heinz Cohn gab in seinem Referat einen! Ueberblick über das vorhandene jüdische Schulwerk int Deutschland. Die bisher bestehenden jüdischen Schulen, Volks-1 schulen sowohl wie höhere Schulen, reichen nicht aus. um die' vielen jüdischen Kinder aufzunehmen, die gewillt sind, jii-; dische Schulen zu besuchen. Aufgabe der Reichsvertretung der « deutschen Juden und insbesondere ihres Erziehungsaussehus- \ ses sei es, für die Beschulung dieser Kinder Sorge zu tragen. \ Die Größe dieser Aufgabe wurde durch einige ZaUlen illut striert. Von 60 000 jüdischen Schulkindern in Deutschland besuchen etwa 12 000 bis 15 000 jüdische Schulen, zu Ostern 1934; ist mit ca. 4500 jüdischen Schulanfängern zu rechnen, die wohl f fast alle in jüdische Schulen eingeschult werden sollen. Die jüdische Schule der Zukunft wird die Volksschule sein, und \ zwar nicht gesondert für die verschiedenen innerjüdischen { Richtungen, sondern die jüdische Einheitsschule. Abgeschlossen wird aber die Bildlingsarbeit am jungen Menschen nicht; mit der Volksschule sein: jüdische Berufsschulen und andere \ kulturelle jüdische Einrichtungen müssen an der allgemeinen > und jüdischen Erziehung des jüdischen Jugendlichen Anteil nehmen. Für das Gelingen der jüdischen Bildungsarbeit ist \ Voraussetzung eine geeignete jüdische Lehrer- * schaft: intensive Beschäftigung mit jüdischen Dingen ist für l die Ausbildung des jüdischen Lehrers notwendig. Es wird bald l erforderlich sein, besondere Ausbildungsstätten für den jüdisehen Lehrernachwuchs zu errichten. Für viele Eltern sind; die Forderungen der Ausgestaltung der jüdischen Schule un-; gewohnt, neue Notwendigkeiten erfordern aber neue Maßnali- { men. Hier befinden wir uns m einer parallelen Entwicklung ■ zum allgemeinen deutschen Schulwesen, in dem auch \vesent-| liehe Neuformungen stattfinden. [ Während Studienassessor Cohn mehr den äußeren Rah-; trlen jüdischer Schularbeit in Deutschland abgesteckt hatte,; ging Mittelschulrektor Dr. Heinrich Stern auf die innere Ausgestaltung der jüdischen Erziehung ein. Das unmittelbarste Problem der Jugend sei jetzt das der Ar- | heit und des Berufs. Die theoretisch seit langem als notwendig;■■ erkannte Berutsumschichtung ist jetzt durch die Umstände mit \ einem Schlage erzwungen worden. Die Abwanderung von der \ höheren Schule ist der erste Schritt auf diesem Wege; in der \ Erziehung muß für praktisches Wissen und Können das Fun- 1 dament gelegt werden. Die jüdische Schule wird ihren Schü- , lern das gleiche Maß allgemeiner Bildung wie die Staatsschule; vermitteln, hinzutreten wird noch eine zusätzliche jüdische BÜ* | dung. Einig sind alle in der Notwendigkeit einer Vertie-f fung des jüdischen Unterrichts, Hebräisch muß: Hauptgegenstand in der jüdischen Schule sein. Die jüdische j Einheitsschule ist noch ein Problem, da die innerjüdischen I Spannungen vorhanden sind und sich hier auswirken werden. | In einigen Großstädten mit genügender Kinderzahl sind evtl. |