Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 1 (1.1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 jüdische Schulzeitung Nummer l Rassenfragen in der jüdischen Y Schule von Dr. Kurt Lewin-Bertin Die ministerielle Verfügung vom 14. September dieses Jahres, welche die Rassenkunde als besonderes Unterrichts-' fach für alle Schulgattungen einführt und bereits zu Ostern 1934 für die Abschlußklassen Prüfungen darin verlangt, hat ebenso die Eltern derjenigen jüdischen Schüler, die weiter die öffentlichen Schulen besuchen, erregt, wie die Lehrkräfte an jüdischen Schulen beunruhigt. Die Sorge der Lehrer ist berechtigt, weil die Verfügung für jüdische Schulen keine Ausnahme vorsieht, sie selbst aber infolge meist mangelnder Sach- und Fachkenntnisse sich der neuen Anforderung nicht gewachsen fühlt. Sie dürfen sich damit trösten, daß es den nichtjüdischen Kollegen keineswegs besser geht. Steckte doch damals, als der größte Teil der heilte tätigen Lehrer seine Ausbildung erhielt, die Vererbungslehre, die doch den» wesentlichsten Bestandteil, ja die gesamte Grundlage dessen bildet, was heute Rassenkünde heißt, noch ganz in den Anfängen. Erst in den letztem zwei Jahrzehnten hat sie den Aufschwung genommen, der überhaupt eine ernsthafte, sachliche Behandlung aller Rasse-- und Rassenfragen ermöglicht. Alles was vorher über die Rassen geschrieben und gedruckt worden ist, entbehrt dieses wichtigsten Unterbaus und hat nur Wert als historisches Vergleichsmaterial urtd als Quellensammlung. Den Lehreru wird hier nichts helfen als schleunigste Erwerbung von erdkundlichen Kenntnissen in eigens dazu geschaffenen oder zu schaffenden Kursen. Den Eltern erzeugen schon die Worte „R asse" und „Rassenkunde" Schauer und Angst. Da nun einmal in den letzten 'Jahren diese. Worte in Zeitungen un'd Zeitschriften, in Büchern und Reden immerfort in der Verbindung mit dem Judentum benutzt wurden, besteht bei den Eltern, die — an sich verständliche, in diesem Umfange aber sicher unbegründete — Befürchtung, daß nun in den „Rassenstunden" wochenlang nichts weiter behandelt würde als die Judenfrage. Sie befürchten als Wirkung und Folge solchen Unterrichts einmal ein neues, verstärktes Aufflammen des Judenhasses unter den Mitschülern, andrerseits schwere seelische Schädigung ihrer eignen Kinder. Lehrpläne liegen noch nicht vor. Die neuen Schulbücher sind erst im Erscheinen begriffen. Sehr wahrscheinlich werden sich die Befürchtungen insofern als berechtigt erweisen, als auch die Judenfrago in dem Lehrstoff nicht fehlen wird. Ebenso sicher aber ist, daß die Doppeltheit des Rassebegriffs zu ihrem Rechte kommen wird, die kürzlich eirimal — nicht dekkend, aber doch treffend — so formuliert wurde: „Rasse," die man hat" und ,,Rasse, zu der man gehört". Die „System-Rasse" wird und muß zurücktreten hinter der „biologischen Rasse", die Judenfrage hinter der Erbkunde, der menschlichen E r b g e s u n d h ei t s p f l e w e (Eugenik, Rassenhygiene), der landwirtschaftlichen und gärtnerischen Z ü c h - t u n g s 1 e h r e; alles Dinge, deren Kenntnis für den jüdischen Schüler mindestens so wichtig ist wie für den nichtjüdischen. Für die jüdische Schule ist der Zwang zur Einführung des Rassenunterrichts durch die betr. Verfügung gegeben. Darüber hinaus besteht die innere Notwendigkeit auch aus eigenen, jüdischen Gründen. Mögen wir uns als Teile des deutschen oder als Angehörige eines besonderen jüdischen Volkes fühlen, ganz gleich gelten auch für uns die-Warnungszeichen der Bevölkerungsstatistik. Allzu niedrige Geburtenziffern gerade in den kulturell, begabungsmäßig und sozial höheren Schichten, Vergreisung in abnormem Altersaufbau, Niedergang der Gesamtqualität durch Weiterzüchtimg erblicher Krankheiten und erblicher Minderwertigkeit, alle diese und andere Gespenster des Rassenverfalls machen auch vor dem Judentum n'cht halt, scheinen sogar bei gesonderter Betrachtung der Juden noch höhere Ziffern zu erreichen als für die gesamtdeutsche Bevölkerung. Bei der Zusammenballung der Juden in 1 den Großstädten kein Wunder. Dazu kommen bei uns noch 1 Substanzverluste durch Austritt und Mischehen. Es ist wirkffl lieh höchste Zeit, daß diese Dinge auch in der jüdischen SjIiuIc | eingehend behandelt werden, damit auch unsere Jugend den M vollen Ernst der Lage.erkennen lerne. Es geht in erster Linie | um das Weiterbestehen des Judentums. Denn Judentum ist , $ nicht denkbar ohne Juden, ohne das Vorhandensein jüdischer 1 fj Menschen. Auch wir Juden müssen anfangen, nicht nur in | | Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch in künftigen Ue- \ ji schlechtem und für künftige Geschlechter zu denken. £ J Ist die Behandlung von Gene^'k und Eugenik in der jüdi- I , ji sehen Schule eine brennende Notwendigkeit, so ist auch die I * | Kenntnis der Rassenkunde im engeren Sinne kein Unglück. Nur j . j haben wir jüdischen Lehrer es hier leichter. Für uns ist die I : j „Rasse" keine Weltanschauung; wir brauchen sie nicht. Denn, f .'>! unsere Religion, die Thora und die Lehre der Propheten sind § es, die uns an das Judentum, Gefühl und Wille, die uns an das f n Deutschtum binden, stärker und fester als andere Seinsverj, halte. Wir können daher auch, ohne mit uns selber in Konflikt \ v zu .geraten, unseren Schülern sagen, was an der Rassenkunde?; echt und wahr, was hypothetisch oder auch falsch, was Wis- |; senschatt und was Glaube ist. Wirkliche, sichere Kenntnis der |?■: Zusammenhänge wird auch dazu führen, daß unsere Kinder \ sich nicht zu ducken brauchen, wenn von den Rassen die Rede \ \ ist. Sie werden dann wissen, daß sie keinen Grund haben, sich als Juden ihrer „Rasse" zu schämen. [ \ Nun zur Praxis. Die Zeit drängt. Nur ein Vierteljahr steht \ \ zur Verfügung. Was muß geschehen? \ i I. S o f o r t:.Ostern 1934 müssen die ersten rasseukundlichen V Prüfungen vorgenommen werden. In dieser Uebergangszeit muß der Lehrstoff auf die wichtigsten, rein biologi- \- sehen Tatsachen beschränkt bleiben und werden allzu ¥• hohe Anforderungen nicht gestellt werden können. Es wird [. daher genügen, wenn die naturwissenschaftlichen Lehr-? kräfte, die den Rassenunterricht in den Abschlußklassen ' erteilen sollen, zu einer Kommission zusammentreten unü ' die jetzt neu erscheinenden Schulbücher darauf prüfen, was aus ihrem Inhalt auch für unsere Schulen; als Lehrstoff brauchbar ist. Es wird ein behelfsmäßiger Unterrichtsplan für die Zeit bis Ostern aufgestellt. II. B i s O s t e r n 1934: In diesen Monaten muß dem Rassen-; Unterricht an j ü d i s c h e n Schulen eine breite und solide 'v Grundlage geschaffen werden, die zugleich auch ihren ■'. Sonderverhältnissen entspricht. Das kann erreicht werden? durch: N i A. Einrichtung und Durchführung von Kursen für die Lehrer aller Fächer. Gelehrt werden: Vererbungs- \- lehre in ihren tatsächlichen Grundlagen und Methoden! (Mendelismus, Komplikationen desselben, nicht mendemde Vererbung); rechnerische und kritische Methoden 1 der Massenstatistik; Grundlagen und Forderungen der Eu- \ genik (Rassenhygiene); Methoden und Ergebnisse der Rassenforschung im engeren Sinne. B. "(Gleichzeitig) Erweiterung der Kommissionen zu I durch Lehrer anderer Fächer, besonders durch Kollegen mit archäologischen Kenntnissen. Diese Arbeitsge- > meinschaften haben 3 Aufgaben: 1. Aufstellung eines endgültigen Lehrplans, der besonders, zu berücksichtigen hat. inwieweit auch die kuf- S turkundlichen Fächer der Rassenkunde dienen können. Im? Geschichtsunterricht z. B. muß die Vorgeschichte und Ar- , chäologie Vorderasiens und die frühe Geschichte der Zerstreuung der Juden über Europa stärker betont werden sowie aus Mittelalter und Neuzeit der Anteil der Juden an; den Kulturleistungen der jeweiligen Heimatländer. Reli- % 'gionsunterricht s. o. f 2. Beschaffung und Sichtung bevölkerungs- und erbstati- ' stischer Angaben und Unterlagen über die Juden in | Deutschland aus der Fachliteratur, den statistischen Büros . f der Gemeinden, dem Material der jüdischen Krankenhau-' \