Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1934-01-01 · 1 (1.1.1934) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
1 (1.1.1934)
Date
1934-01-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2825247-2825342-2825343--0787-2826423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nnnnncr 1 Jüdische Schulzeitung Seite 3 III. Im wundersamen Walten der Vorsehung rettete die eigene Tochter des Verderberkönigs das Knäblein, das. einer der größten Geisteshelden der Menschheit überhaupt und insbesondere Israels, sein Befreier und Führer, sein Lehrer und (iesetzgeber werden sollte. Die ungeheure Leistung Moses, daü er seine Stammesgenossen der Vernichtung und dem Sklavenjocli entriß, wird noch übertroffen von derjenigen, daß er in dem versklavten Volke eine alle Zeiten und Stürme überdauernde feste Grundlage schuf und verankerte, um das zu werden, was sich als die göttliche Bestimmiung für Israel erwies und was ewi© seine Bestimmung sein wird: nicht ein Volk wie viele andern Völker auch zu sein, mit Ländergier und Hcrrschgelüst, sondern ein „mamleches kauhanim w'gauj fcodausch" „ein Reich von Priestern und ein heiliges -Volk", ein „aur gatijirn" „ein Lichtbringer und Fackelträger" für alle Nationen auf religiös-sittlichem Gebiet. IV. Jedoch der Weg zu diesem Hochziele war lang und steil und beschwerlich und ist bei weitem noch nicht zurückgelegt. Häufig genug führte er wieder bergab, so daß der Aufstieg immer aufs neue erklommen werden mußte. Die Besitzergreifung Kanaans und die sehr oft wiederkehrende Notwendigkeit, das eroberte Land, das nach uralter Traditio«1 den Ahnen verheißen worden, war, mit Waffengewalt zu verteidigen und zu behaupten, hinterließ tiefe Spuren. Sie wirkten sich vornehmlich nach zwei Richtungen aus. Zunächst nahmen sie aile Wachsamkeit und körperlichen Kräfte in Anspruch; man erkannte, daß die Zersplitterung in viele einzeln für sich dahinlebende Stämme keinen widerstandsfähigen Damm gegen die Nachbarvölker und die im ersten unwiderstehlichen Siegeszu? überwundenen Völkerschaften bot und daß darum ein enger Zusammenschluß unter Führung eines gemeinsamen, von allen anerkannten, kraftvollen Oberhauptes ein zwingendes Muß geworden war. Aus bitteren Erfahrungen entstand das Königstum und Sau! wurde der erste König. — Als zweites brachte die Besitzergreifung.Kanaans eine Veränderung der ganzen Lebensweise der Israeliten mit sich und danuit auch bedenkliche Gefahren für die Moses-Religion. Sie waren Nachkommen von Nomaden, von umherziehenden Herdenbesitzern, hatten selbst 40 Jahre lang in der Wüste Sinai ein Wanderleben voller Entbehrung geführt und wurden nun seßhaft in tinem fruchtbaren Lande. Die Hirten wurden Ackerbauer, die Lehmarbeiter und Ziegelverfertiger Pfleger von Weinbergen und Olivenpflanzungen. Aber dies alles wollte gelernt sein: die richtige und zweckentsprechende Art der Bodenbearbeitung der Aussaat und Ernte und Verwendung des Geernteten, wie auch die Kunst der Herstellung und Handhabung der zugehö- I rigen Geräte..Dazu mußten die Sieger die besiegten Urbewoh- I ner als ihre Lehrmeister annehmen und daher freundschaft- I Sicher mit ihnen umsehen und verkehren, als es sonst der Fall \\ gewesen wäre. Von den Kanaanitern übernahmen sie dann aber auch — ungewollt oder bewußt — mindestens so manche religiösen d. h. heidnischen Ansichten und Formen und Bräuche, Feststätten und Festfeiern. Allerdings versuchten die Israeliten diese Entlehnungen mit ihrer Gottesanschauung zu vereinigen und irgendwie in Einklang zu bringen. So entstand die religiöse Vermischung, die Unsicherheit und Neigung zum Götzendienst, gegen welche später die Propheten so schwer anzukämpfen hatten. Daß auch viele eheliche Verbindungen i. mit den Nichtisraeliten geschlossen wurden, versteht sich aus; der Natur der Menschen. I V. In Bezug auf das Königstum zeigte sich erst unter Sa- I lomo in vollem Umfange, was im Samuelbuch als schlimme | folgen angedroht ist (Kap. 8, 11—18): Das ist das Recht und { &e Weise des Königs, der über euch herrschen wird: eure v Söhne wird er nehmen, daß sie vor seinem Wagen herlaufen. \ Andere müssen sein Ackerland pflügen und seine/Ernte ein- J uolen, wieder andere seinen Kriegsbedarf und seine Wagen- | Geräte anfertigen. Eure Töchter wird er zu Salbenmischerini r*n, Köchinnen und Bäckerinnen nehmen. Von euren Feldern :{ Weinbergen und Olivenbäumen wird er diebesten fort- :% Climen und sie seinen Dienern geben. Von euren Saatfeldern ■■■■■■■■■■■■■■■■■ Zur Beachtung! Ich bitte die Mitarbeiter: Manuskripte lesbar zu schreiben; die Blattrückseite unbeschrieben zu lassen; keine Besprechung von Büchern herzusenden, die nicht von der Schriftleitung angefordert sind; stets Rückporto beizulegen. Braun. und euren Weinbergen wird er den Zehnten nehmen. Eure Knechte und Mägde, die besten von euren Rindern und euren Eseln wird er nehmen und für seine Wirtschaft verwenden. Von eurem Klehwieh wird er den Zehnten nehmen, ihr aber werdet Knechte sein. Dann werdet ihr eines Tages zu dem Ewigen wegen eures Königs, den ihr euch erwählt habt, schreien, aber der Ewige wird euch an jenem Tage nicht hören." — Gewiß, Salomo war für seine Zeit ein höchst moderner und fortschrittlich gesinnter König, der auf seine Art das Beste seines Volkes wollte: Anschluß an den Ueberland- und Seehandel und damit Förderung von Wohlstand und Kultur, Ausschmückung der Hauptstadt mit Prunktmd Luxusbauten, um so eine starke Anziehungskraft auf Fremde auszuüben. Wetteiferung mit den pompösesten ausländischen Hofhaltungen, um ihnen in keiner Beziehung nachzustehen und ihnen gleichwertig und bündnisfähig zu erscheinen. Die Kehrseite des Glanzes machte sich noch bei Lebzeiten Salomos unliebsam bemerkbar — es kam zu einem Aufstandsversuch der Arbeiterpartei, auf welcher vornehmlich der Steuerdruck und der Frondienst lastete, und rief auch die Partei der Frommen auf den Plan, die an Salomos weitgehend der religiösen Toleranz Anstoß nahm. Die vermessene Art und Rede Rehabeams, des Sohnes Salomos, der statt Erleichterung noch Erschwerung des Joches in Aussicht stellte, trieb die Dinge auf die Spitze. Der größte Teil des Volkes sagtesich vom Hause Davids los und das Reich spaltete sich. Woran Jahrhunderte gearbeitet hatten, was insbesondere das Lebenswerk Davids, des größten, israelitischen Königs, ausgemacht hatte, die Einheit des Volkes, ging nun in Trümmer. Damit fand der Götzendienst viel geringeren Widerstand, ja z. T. offene Türen und Herzen. Und damit minderten sich auch die sittlichen Hemmungen, welche die isr. Ge- und Verbote aufrichten, und Vergehungen und Verbrechen häuften sich und erregten den heiligen Zorn der Gottesmämier,. welche wir Propheten nennen. VI. Als Niederschlag ihrer Ansichten und Bestrebungen darf wohl das „Buch der Lehre" betrachtet werden, das 39 Jahre vor dem Zusammenbruch des zweiten übrig gebliebenen Reiches, des Staates Juda, im Tempel zu Jerusalem aufgefunden wurde. Durch die feierliche Verlesung und Anerkennung desselben durch den König Josia wurde der ganze Kultus zentralisiert, nur der Tempel zu Jerusalem und sein Opferdienst als allein gesetzlich und gültig sanktioniert. Opferung und Schlachtung wurden geschieden, dem Aberglauben in jeder Form der Krieg erklärt und zu Leibe gegangen. Da nun die Teilnahme am Opfergottesdienst nur bei Anwesenheit in Jerusalem möglich war, religiöse Betätigung und Aussprache mit Gott aber der Menschenseele Bedürfnis ist, so wurden — ohne daß das „Büch der Lehre" oder der König Josia dies beabsichtigt hatten — der. Grund zum reinen Gebetgottesdienst gelegt und die seelischen Bedingungen geschaffen, um die nahe Katastrophe zu überstehen. (Schluß folgt!)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.