Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1934-01-01 · 1 (1.1.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
10 (1934)
Issue
1 (1.1.1934)
Date
1934-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2825247-2825342-2825343--0786-2826422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Jüdische Schulzeitung Nummer Verknüpfung mit der Volksschule sehr wohl denken. Es könnte ein Oberbau geschaffen werden, in dem die 14jährigen Schüler noch ein oder zwei Jahre blieben, wobei natürlich Voraussetzung wäre, daß die Kosten von den Gemeinden getragen würben und daß hinreichemd viele Lehrkräfte zur Verfügimg ständen. Der Lehr plan hätte nach zwei Selten hin eine Ausgestaltung zu erfahren. Einmal müßte eine allgemeine Weiterbildung vorgesehen sein, die sich auf die Geisteswissenschaften bezöge, auf daß der lebendige Zusammenhang mit der Kulturnicht verloren gehe. Sodann aber wäre besondrer Nachdruck auf eine vertiefte jüdische Bildung zu legen, die so beschaffen sein müßte, daß sie die werdende Generation innerlich stark mlachen könnte. Wir sind nicht auf dem rechten Wege, wenn wir aus einer scheinbaren Aktualität heraus das Hauptgewicht auf den Unterricht im sogenannten .Neuhebräisch.und auf eine Bevorzugung manueller Tätigkeit verlegen. Selbstverständlich ist es notwendig, jungen Menschen, die nach.Erez Israel auszuwandern gedenken, das sprachliche Rüstzeug zu vermitteln, dessen sie dort bedürfen. Es darf aber jüdischer Unterricht nicht ausschließlich auf diese Zweckbaftigkeit abgestellt sein; er hat eine höhere Aufgabe zu bewältigen, nämlich die Jugend zu befähigen, in die Welt des Judentums einzudringen, auf daß ihr ein Bereich erschlossen werde, aus dem sie seelische Kraft beziehen kann. Es läßt sich einfach nicht vollgültig als Jude leben, wenn man statt urkräftiger Nahrung immer hur saftlose Surrogate in sich aufnimmt, und es ist Zeit, hier endlich von Grund aus Wandel zu schaffen. Das Gerede über die Dinge muß aufhören, und die Dinge selber müssen sprechen. Manuelle Tätigkeit ist gewiß gut und fördernswert; aber man hat doch zuweilen den Eindruck, als ob mit ihrer Forcierung eine Art „Hachschara" beabsichtigt sei, zu deren Gunsten die geistige Arbeit zurückzutreten hätte. Eine derartige Auffassung wäre nicht begrüßenswert; sie bedeutete ein Zugeständnis am Augenbh'cksstirnsmungen und trüge gewissermaßen apologetischen Charakter. Sic käme nicht von innen her, sondern wäre vielmehr der Ausdruck dafür, daß man sich das Gesetz des Handelns von fremden Instanzen vorschreiben ließe. Man verstehe das nicht falsch: alles ist nützlich, was im Hinblick auf Berufsmöglichkeiten getan wird, aber es darf nicht der Königs weg desLernens verlassen werden, auf dem allein die jungen Menschen seelische' Gestalt gewinnen können. Baut man auf solchen Erwägungen auf, so ergibt sich ein Lehrplan, der den Erfordernissen dieser Zeit gerecht werden dürfte. Im Vordergrunde stünden die jüdischen Disziplinen Bibel- und Gebetbuchkunde, nachbiblisches Schrifttum, Geschichte und Philosophie (das letzte für Erwachsene) und Par lästinakunde. Dann folgten die allgemeinen Wissensgebiete und die sprachlichen Uebungen Hebräisch. Französisch, Englisch usf., weiterhin die Kurse, die ins praktische Leben hinzielen: Wirfschaftslehre. Kurzschrift, Maschinenschreiben. Handfertigkeit, Haushaltungs-, Näh- und Kochkurse für Mädchen und * endlich Musik und Zeichnen. Unter den dem Schreiber dieser Zeilen vorliegenden Lehrplänen scheint ihm der des Mannheimer Lehrhauses, dem er hier folgte, mustergültig in sei-, ner Art zu sein, obwohl er den Mangel aufweist, daß die Gebetbuchkunde unberücksichtigt gelassen wurde. In den mittleren und Großgemeinden kann ein derartiger Lehrplan durchgeführt werden, weil die erforderlichen Kräfte zur Verfügung stehen, wobei nicht übersehen werden soll, daß Beherrschung des Stofflichen nicht allein ausschlaggebend ist für den Erfolg der unterrichtlichen Arbeit. Mainche Gemeinden sind nicht vor Mißerfolgen bewahrt geblieben, weil der. Dozentenschaft die Schülerschaft fehlte. Das liegt nun einmal in der Natur der Sache u. darf nicht abschrecken.. Viel ungünstiger stehen unsere Kleingemeinden da. Aber auch für sie muß gesorgt werden, soll nicht völlige Isolierung das Los der Juden auf dem Lande sein. In vielen Fällen wird es sich leicht ermöglichen lassen, den Anschluß ain größere jüdische-Gemein« den zu finden,.namentlich dort, wo das Verkehrsnetz dicht ist. Wo sich indes die Verbindung nicht leicht herstellen läßr. da müssen, wenn jüdische Kräfte am Platze fehlen, geeignete Dozenten aus der Umgebung gewonnen werden. Hier erwachst der Lehrerschaft eine dankenswerte, wenn auch schwierige Aufgabe. Zwar ist sie durch Amtspflichten schon * jetzt außerordentlich in Anspruch genommen. Sie wird sich ■ dennoch nicht versagen, wenn es gilt, darüber hinaus eine Arbeit zu leisten, die aus Gründen der Starkerhaltung ihrer Ge- meinden getan werden muß. Es wird nicht gefordert, daß etwa der Lehrer die Einzelarbeit allein übernehme; vielmehr hat er als der anregende, ordnende und führende Mann dem Werk Ziel und Richtung zu geben. Wie das im besonderen Falle zts geschehen habe, das kann allgemein nicht gesagt werden, und es wäre dankenswert, wenn in diesen Blättern aus der Erfahrung heraus über die Tätigkeit der Kollegen laufend berichtet werden könnte. Wendepunkte in der jüdischen Geschichte von M. Abraham-Berlin . Wohl in der Geschichte eines jeden Volkes gibt es Höhen und Tiefen, Zeiten des Aufschwungs und des Niedergangs. Diese brauchen keineswegs immer in das innere Wesen des Volkes umgestaltend einzugreifen. Sind sie vorüber und haben sich die Wogen geglättet, so setzt sich vielleicht die Existenz des Volkes in der alten Lebensauffassung und Lebensweise unverändert fort. Wenn aber etwas völlig Neues in sein Dasein tritt und dieses nun beherrscht und formt, dann kann man von Wendepunkten sprechen. An solchen einschneidenden Ereignissen und Geschehnissen ist die jüdische Geschichte reich, und sie haben das Leben der jüdischen Gemeinschaft recht wechselvoll gestaltet. In unserer Betrachtung können wir bei jeder nur kurz verweilen. I. Schon der Beginn Israels bedeutet eine Wende und nicht nur für Israel. Als unser erster Stammvater Abraham sich entschloß, einem inneren göttlichen Drange folgend, seine Heimat Mesopotamien zu verlassen und als er nach Kanaan auswanderte, kam damit etwas unerhört Neues und Erhabenes in die Welt. Abraham trug den bis dahin völlig unbekannten Glauben an den unsichtbaren und undarstellbaren Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, unter die Menschen. Er gewann für sich und seine Nachkommen die Erkenntnis, daß die wahrhafte Gottesverchrung nicht in der Darbringung von Menschenopfern und überhaupt nicht von Opfern besteht, sondern in der Erfüllung der urendlich schweren Forderung: „Hishallech l'fonaj weh'je ssomim" „Wandle vor mir und strebe nach Vollkommenheit" und in der ihm und jedem Vater gesetzten sittlichen Aufgabe, den Kindern zu befehlen „w'scho-m'ru derech adaunoj la-assaus mischpot u-z'doko" „daß sie den Weg des Ewigen beobachten, um Recht und Gerechtigkeit zu üben." II. Das zweite bedeutungsvolle Ereignis war die Niederlassung des dritten Stammvaters Jakob mit seinen Söhnen in Aegypten. Hier war die Möglichkeit gegeben und wurde auch zur Wirklichkeit, in geschlossener Gemeinschaft in einem abseits gelegenen Landstrich unter Wahrung der überlieferten religiösen Anschauungen in raschem Wachstum sich zu entfalten. Freilich, dieser glückliche Zustand war nicht von Dauer. Ein neuer König erstand, der nicht wußte oder nicht wissen wollte, zu welch ungeheurem Danke das ganze Land Aegypten dem Hebräer Joseph verpflichtet war. der Land und Menschen vom Hungertode gerettet hatte. Als dieser nun die Nachkommen derer, die einst auf Einladung des Königs selbst als freie Männer ins Land gekommen waren, zu Staatssklaven erniedrigte und die junge männliche Nachkommenschaft dem Tode des Ertrinkens aussetzte, da schien der Untergang der Hebräer besiegelt. Aber in dieser höchsten Not kam Hilfe und Erlösung und der Beginn eines neuen Seins.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.