Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 12 (1.12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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•<»Seite 6 J ü d i s c-h-e S c h u l z e i t u n g- Nummer 12' Kindes-zwar sehr erfreulich, aber ein solches Kind wird, wenn es .später im Leben den Verhältnissen ohne Maske gegenübersteht, ratlos sein und niemals die Energie aufbringen, diesen Verhältnissen mutig gegenüberzutreten. Unsere Schule soll uns das Leben in seiner Wirklichkeit -zeigen, nicht verhüllt. Sie soll uns an das Leben (man kann dafür auch „antisemitische Argumente in der Praxis" setzen) gewöhnen, uns zeigen, wie man Anwürfen und Verfolgungen gegenübertritt, aber nicht uns in dem Wahn wiegen, daß das Leberr so wie eine jüdische. Schule sei. Und was den Minderwerti21keits-Komplex angeht, den die jüdischen Kinder erhalten sollen, so möchte ich darauf antworten, daß z. B. in den unteren Klassen des Gymnasiums immer schon eine sehr starke antisemitische Stimmung lerrschte, die nach meinen Beobachtungen sehr bald abflaute, wenn ein jüdischer Schüler längere Zeit einer solchen Klasse angehörte und sich in sie einfügte. Und selbst wenn aus Lehrbüchern imd Lehrerreden die Schüler mit der , Schädlichkeit und Minderwertigkeit der Juden" und wie die anderen Vorwürfe gegen uns heißen, bekanntgemacht werden, so werden sie doch an ihren jüdischen Kameraden am besten erkennen, wie es mit diesen Vorwürfen bestellt ist. Der Antisemitismus ist gerade an den höheren Schulen schon immer sehr stark gewesen, doch ein gesundes Kind braucht sich deswegen nicht minderwertig zu fühlen, sondern nur zu merken, was es heißt Jude zu sein. Andererseits werden die christlichen Schüler auch in ihrer judenfeindlichen Haltung nur bestärkt werden, wenn sie -keinen jüdischen Schüler kennen und sich den Juden also a's e:n unbekanntes gefährliches Geschöpf vorsteilen müssen. Das Hauptbedenken aber, das ich gegen jüdische Schulen hege ist eben dieses: Der jüdische Schüler lernt in der jüdischen Schule nicht den. schweren Alltag kennen, gewöhnt sich nicht an seine Diskriminierung des Juden, sondern stellt sich das Leben als eine Art höherer jüdischer Schule vor. in der er ungestört leben und arbeiten kann. Jüdische Schulen mögen äußerst "notwendig sein für diejenigen Schüler, die wegen"Ueberschreitung des Prozentsatzes aus den staatlichen Schulen ausscheiden mußten, für den jüdischen Schüler aber, der auch in einer staatlichen Schule unterkommen könnte, sollte man sie meiner Ansicht nach nicht wählen." Sinne der Toratreue besondres: Gewicht legem Daneben finden wir Anstalten, die einst von großen jüdischen Organisationen (Alliance Israelite Universelle, Hilfsverein der deutschen Juden, Anglo Je.wish Association) und von andern Gruppen wie beispielsweise der Agudath Israel errichtet würden. Denken wir uns als Schema des Schnlwerks eine Pyramide, so ergibt sich folgendes Bild: die Spitze bildet die im Jahre 1925 vollendete Universität auf dem Scopusberg in Jerusalem;-_esfolgen das Technikum zu Haifa, verschiedene' Gymnasien, Fachschulen, Lehrerseminare, Mittelschulen. Volksschulen und endlich Kindergärten für vorsclmlpflichtige Knaben und Mädchen. / Die Universität, deren Umfang noch bescheiden ist, stellt sich im wesentlichen afe Forschungsstätte dar. In den Instituten wird Arbeit geleistet, die dem Aufbau des Landes zustatten kommt. Daneben werden die Geisteswissenschaften, darunter besonders intensiv Judais^k und Orientalistik gepflegt. Die Jüdische National- und Universitätsbibliothek umfaßt beinahe 300 000 Bände, darunter wertvolle Handschriften und hebräische Wiegendrucke. Mehr als 1200 Zeitschriften aus allen Teilen der Welt liegen auf (darunter auch unsere Jüdische Schülzeitung, die Schriftl:). Die Studierenden müssen die Reifeprüfung abgelegt haben. Das Technikum zu Haifa wurde der zionistischen Organisation von dem deutschamerikanischen Philantropen Jakob Schiff geschenkt. In ihm werden Architekten und Ingenieure ausgebildet. In Nebenkursen werden Arbeiter und Handwerker fachlich gefördert. Die Gymnasien Realschulen, Seminare und andre Fachanstalten haben z. T. Internate, so daß sich das gesamte Leben der Studierenden, in einer gemeinschaftlichen' Welt abspielt. Da auch in den niedern Schulen häufig die Kinder zusammenwohnen, so erhält das gesamte Erziehungswerk des jüdischen Palästina einen stark fühlbaren Zug zum Kollektiv hin. Es gibt beispielsweise Gemeinschaften von Jugendlichen, die geradezu Kinderdörfer genannt werden, unter ihnen die bekannteste das Kfar hänoar in Ben Schemen, das von Siegfried Lehmann eingerichtet wurde. Da das Land eine, hinreichend große Anzahl von Lehrern heranbilden kann, da ferner die Unterrichts--und Umgangssprache selbstverständlich hebräisch sein muß, so sind die Aussichten für Lehrer aus dem Aus'and sehr gering. Dagegen ist durchaus die Möglichkeit gegeben, daß ausländische Studierende in Palästina ihre Studien betreiben. Vom Schulwerk in Palästina c Angesichts der Bedeutung, die Palästina in diesen schickhalsvol'len Zeiten für die deutsche Judenheit gewonnen hat, ist <es eine Selbstverständlichkeit, daß die Lehrerschaft sich einen Einblick in das Gefüge des jüdischen Schulwerkes in Erez -srael verschaffe. Nur wenig Menschen haben eine Vorstellung Von der Mannigfaltigkeit und dem Umfang dieses Werkes dem Qeit jeher die besondere Liebe des Jischuv zugewandt war. fyian denke daran, daß Palästina in der Nordsüdlinie etwa ty00 km, in der breitesten Ostwrestlinie etwa 200 km mißt, daß %s mit seinen 26 000 qkin nicht größer ist als das Rheinland. In diesem Ländchen wohnten vor zwei Jahrein eine Million Men- ■ Sehen: darunter 760 000 Mos'ems, 175 000 Juden und 90000 Christen. Neben den vielen Regierungsschulen, deren Un'ter-; tichtssprache zumeist die arabische ist, die auch wohl von \ tischen Kindern besucht werden, finden wir fast 400 Schufen, deren Träger jüdische Organisationen sind. Das ausge- ■ lUehntesfe Schulwerk besitzt die Jewish Agency als die Voll- ^Qtreckerin der zionistischen Politik. Ihr unterstehen mehr als E350 Schulen mit einer Schülerzahl von 25 000. Ihrer innern ' Struktur nach gibt es weltliche Schulen ohne ausgesprochenen j Politischen: und religiösen Charakter. Arbeiterschulen mit sozialistischer Tendenz und starker Berücksichtigung der Ber j aufsvorbildung und Misrachischulen, die auf die Erziehung im -Vorbilder In den letzten Wochen wurden vier jüdische Menschen zur ewigen Ruhe bestattet, die sich im Dienste ihrer Gemeinschaft verzehrt haben. Sie traten von verschiedenen Seiten her an das Faktum Judentum heran und so ergab es sich, daß in ihrer Arbeit das Gesamt dessen Gestalt gewann, was in der Judenheit lebendig ist. Rabbi Israel Meyer hak oben, der „C h o f e z C h a j i m" aus Litauen, war der Begründer der Radiner Jeschiwa und der große Lehrmeister in Mussar. Sein langes Leben war, somelden es seine Schutzbefohlenen, eine einzige Kette von tätigem Bemühen um sittliche Vollendung. So war es ihm gegeben, weithin stärksten Einfluß auf jüdische Menschen auszuüben. Rabbi M e i r S c h a p i r a , Rabbiner im polnischen Lublin und Oberhaupt der Lubl'iner Jeschiwa-suchte das traditionelle, Lernen mit mystischer Kraft zu erfüllen;-das . Daf jomi". jener Brauch, in der glänzen Welt täglich die gleiche Stelle im Talmud zu lernen, beabsichtigte einen Rhythmus in das jüdische Leben zu bringen, von dem aus eine starke, wenn auch unmeßbare Wirkung ausgehen sollte. Leo Motzk i n. der Präsident des Zionistischen Aktionskomitees repräsentierte den Typus des Juden, der sein (jenüge nicht im wohlumhegten Bereich des ReTgiösen findet; der aus sich heraus eine auf Dieseitiges hin gerichtete politische Aktivität ent-