Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 12 (1.12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile .2 J ü d i s ch-e- Sch ulz e i tu ng Nummer;!? Die Volksschule ist P flieh tschu'.e; das unterscheidet~ sie von fast allen andern Unterrichts- und Erziehungseinrichtungen. Jedes schulpflichtige Kind muß sie besuchen, auch das jüdische.'Wie bisher wird es auch in Zukunft den jüdischen Schulpflichtigen nicht verwehrt sein, die allgemeine Grundschule zu besuchen. Es darf-auch damit gerechnet werden, daß die Lehrenden., mögen sie,katholisch oder evangelisch sein, auch weiterhin den jüdischen Schutzbefohlenen'nicht nur mit Gerechtigkeit sonderrr auch mit menschlicher Wärme begegnen werden. Und dennoch kann es nicht ausbleiben', daß sich — vom Lehr- und Erziehungsziel her — eine Situation entwickeln muß, die das jüdische Kind fehl' am Platz erscheinen läßt. Mit dieser Feststellung ist keineswegs ein Werturteil;über die künftige Schularbeit unserer christlichen Kollegien .ausgesprochen: es steht uns gar nicht zu, wir haben lediglich Idas Recht, aus den Sachverhalten Folgerungen für unsere ^eigene Gemeinschaft zu ziehen und ihnen Ausdruck zu geben- IU n d die F o 1 g e r u n g k a .n n nur die sein, daß das 'jüdische Kind nur in einer jüdischen Schule eine ihm gemäße Erziehung erhalten kan n. I 4 ' 3. i - Es erhebt sich die Frage, ob diesem Grundsatz Wirk.ichkeit gegeben werden kann, ob also die Möglichkeit vorliegt, -überall dort, wo jüdische Schulpflichtige wohnen, die erforderlichen Einrichtungen zu schaffen. So allgemein gestellt wird natürlich die Frage verneint werden müssen; denn es gjnge i'i nicht an, für jede in der Vereinzelung irgendwo auf dem Lande wohnende - Familie eine Schu.e begründen zu wollen, wobei;i hier bewußt davon abgesehen wird, die Aussichten zur Er- •; richtung von Sammelschulen zu prüfen. Erörtert man dagegen die Aussichten der Verwirklichung mit der Blickrichtung auf ' Gemeinden, so verlangt es die Situation daß man zui; förderst die materiellen Erfordernisse untersuche. Sind sie in jedem Betracht '.gegeben, so wäre nicht einzusehen, warum die maßgebenden Instanzen zögern sollten, zur Tat zu schreiten. Sind sie dagegen nicht gegeben, so erübrigt sich, jede theoretische Ueberlegung und wir hätten uns. mit dem Status quo abzufinden. ' Zweierlei ist erforderlich, um neue Schulen ins Leben zu rufen: Geld und eine a u s r e i c h e-u de Anzahl von Lehrenden. Und da muß vorweg eines mit allem Nachdruck gesagt werden: die geldlichen Ansprüche im Hinblick sowohl auf die Ausstattung der Schulen als auch auf die Besoldung der. Lehrenden müssen liinfort überaus bescheiden | sein. Es gab eine Zeit, da waren wir, man verstehe das richtig! | reich ebenso wie unsere christlichen Mitbürger. Die jüdische; Lehrerschaft hat damals, nicht nur zur eigenen Existenzsiche- : rung, tapfer und miit gutem Recht für eine angemessene Bej soldung gekämpft. Heute sind wir arm und wollen dennoch geistig reich bleiben. Da werden auch wir Lehrer die Grenze zu ziehen wissen zwischen Möglichem und Utopischem, und wir werden unsere Stimme nur damv vernehmen lassen, wenn andre Motive im Spiel sind als die aus hartem Zwang herausgeborenen. Unter der Voraussetzung also, daß bescheidene Geldmittel auch in Zukunft aufgebracht werden, können — und wir dürfen das voraussetzen — bejahen wir die Frage, ob jüdische Volksschulen eingerichtet und unterhalten werden können. Auch in den Kleingemeinden. Die Lage der jüdischen Familien in diesen Kleingemeinden ist nicht überall in Deutschland gleich. Es gibt Stellen auf dem flachen Lande, wo sich jüdische Siedelungen in der Auflösung befinden'. Dort erledigt sich ali'es Weitere automatisch von selbst. Es 'gibt aber auch Städtchen und Dörfer, in denen möglicherweise die Judengemeinden lebensfähig bleiben; dort können Volksschulen gegründet'werden. Es gab sie ja auch in früheren Zeiten, zuweilen mit einer Schülerzahl von nicht einem halben Dutzend. -Die Anzahl der Kinder ist irrelevant gewesen und ist es auch heute. Schulhäuser sind in vielen dieser Gemeinden vorhanden; ihre Unterhaltung verlangt keine ins Gewicht fallenden Mittel, auch nicht die innre Ausstattung. Geld" wird also im wesentlichen zur Besoldung1 der Lehrer gebraucht. Den jüdischen Eltern ist zu allen Zeiten Opferwille zu eigen gewesen, wenn.es sich darum handelte, die. Jugend geistig auszurüsten: dieseiv üpferwille hat ohne Zweifel gegenwärtig eine Steigerung er- ■■ fahrender wird noch größer werden angesichts der" seelischen/ Not, in die hkrehi gerade das heranwachsende Geschlecht sich . geste/lt sieht. Und sind auch die Einkünfte zusammengeschrumpft und ist oft kaum das Notwendigste für des Leibes Notdurft vorhanden, so werden die Eltern das letzte herzugeben bereit sein, wenn sie ihre Kinder m einer ihnen zuträglichen Atmosphäre wissen. Setzt man dazu in Rechnung, daß die Lehrer in ihren Gehaltsansprüchen bescheiden sein, daß ferner von den dazu berufenen' Organisationen Subventionen zur Verfügung -.gestellt werden-, so ergibt sich eine Grundlage zur Unterhaltung einer Schule von durchaus tragfähiger Beschaffenheit. ■ 4. " Es liegen Anzeichen dafür vor, daß in naher Zukunft die in Deutschland bleibenden Juden ausschließlich in wenigen größeren Städten wölmen werden; auch diese Möglichkeit sei ins Auge siefaßt, wenn man die Schuifrage k/ären will. Zunächst bleibt das bestehen, was über die Kiemge'meinden gesagt würde, es war ja nur als Möglichkeit dargestellt, als eine Möglichkeit allerdings, die, wenn sie Wirklichkeit würde, eine, überaus begrüßenswerte Korrektur der soziologisch .ungesunden Schichtung und Verteilung der deutschen Juden herbei-: . führen müßte. Aber es ist auch die entgegengesetzte Entwicklung der Dinge in Rechnung zu stehen, und es ist zu fragen, wie es dann mit der Errichtung und Unterhaltung der jüdischen Schulen bestellt sei. Wo in größeren Städten bereits von Staats- oder von Gemeinde wegen Schulen bestehen, da ergibt sich alles von selbst. Zwar hat die Behörde eine Anzahl öffentliche jüdische Schulen jüngst aufgelöst, weil die Zahl der Schü.'ei zu klein geworden war. Dagegen hat sie diejenigen bestehen lassen, die eine hinreichend große Schülerzahl aufweisen. Sie werden ebenso pfleglich behandelt wie die christlichen Schulen, und wenn der Zuzug zu ihnen entsprer chend stark werden wird, so wird die Behörde ohne Zweifel für die Anstellung weiterer Kräfte besorgt sein. Und. die .Gemeinden, die Trägerinnen jüdischer Volksschulen sind, wie etwa Berlin, legen einen erfreulichen Eifer an den Tag, das wieder gut zu machen, was aus einer bestimmten politischen Haltung heraus früher verabsäumt wurde. In einer besondern Lage finden sich jene größeren Gemeinden, die bisher keine jüdischen Schulen hatten, die aber den Wunsch hegen, sie bald zu errichten. Es liegt der Gedanke nahe, ob es nicht möglich wäre, die Behörde um die Errichtung und Unterhaltung jüdischer Schulen anzugehen. Da die Staatsgewalt ein lebhaftes Interesse an einer reinlichen Scheidung der Rassen hat, da sie ferner in einer erheblichen Anzahl von Städten öffentliche Schulen unterhält, so wäre es durchaus denkbar, daß Vorschläge' in dieser Richtung Gehör fänden, zumal die Beitragspflicht der jüdischen Bürger zu den Schui'lasten ungekürzt fortbesteht. Aber gesetzt der Fall, das treffe nicht zu. so dürfte es doch nicht unüberwindlich schwer sein, auch von Gemeindewegen Schulen einzurichten, immer natürlich unter der Voraussetzung, daß die unumgänglich notwendige Zurückhaltung im Gebrauch, von Geldmitteln gewahrt wird. So wäre es nach unserer Meinung durchaus nicht erforderlich, neue Schulhäuser zu erbauen oder zu erwerben. Die Klassen könnten in geeigneten Gemeinde- oder Privaträumen untergebracht werden, sofern diese nicht gesundheitsschädlich sind; auf Turnhallen und dergleichen moderne Errungenschaften müßte verzichtet werden, auch auf manches Lehrmittel, dessen Fehlen gewiß schmerzlich empfunden würde. Mit einem Wort: eine gewisse Primitivität, im Aeußern müßte in Kauf genommen werden, womit nicht etwa Primitivität im Geistigen verbunden zu sein brauchte. Die Darlegung, inwieweit Hilfsquellen von außen verfügbar gemacht werden könnten unterbleibe; dafür ist die Situation noch zu ungeklärt.