Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 10-11 (15.11.1933)
- Date
- 1933-11-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Stern leistet Verzicht; denn er meint, ein allgemeingültiges Ziel sei aus der gegenwärtigen Situation nicht zu .deduzieren.. Daraus ergibt sich aber ein bedenklicher Aspekt iür die praktische Schularbeit; es fehlt die Endposition, zu der hin pädagogische'Maßnahmen führen könnten, und dem Erziehungswerk haftet der Mangel an Gradlinigkeit an, es, wird . dem Zufall überliefert. Es liegt nahe, in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Tendenizen zu werfen, die, innerhalb der .-allgemeinen deutschen Schulpolitik, verfolgt werden. Dort ist ein Erziehungsideal klar und deutsch herausgestellt worden, und es kann mit Fug und Recht Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Die Gesamtheit der Lehrenden ist gehalten, ihm in der Arbeit am Kinde zuzusteuern. Die deutsche Judenheit .ist keine geistig einheitliche Gemeinschaft; sie lebt noch in ,den Formen, die der liberalen Grundhaltung der Vergangenheit gem^iß waren. IrJsoWeit fehlt ihr allerdings ein Erziehung«-, ziel, das als allgemeingültig angesprochen werden .dürfte. Allein das besagt.doch .nicht;daß es falsch und sinnlos wäre.ein vW.ünschbild.;yor uns hinzustellen; Wie anders sollte es denn möglich sein, die Arbeit in der Schule auszurichten? > Hier tritt.die individuelle Ueberzeugung auf den Plan. ' und von ihr her erhält die Auffassung über die Notwendigkeiten und Sehnsüchte der Zeit ihr Gewicht. » Ihren Ausgangspunkt hat diese Auffassung in der Beurteilung der Situation, in die hinein die deutsche Judenheit sich gestellt sieht. Sie wird hinfort, ob sie es will oder nicht, ihr eigenes geistiges Gesicht haben. Daran kann auch die Mögr ' lichkeit zur Aufnahme und Verarbeitung 'bereitliegender oder erst werdender deutschkultureller Inhalte nichts ändern. Denn wir finden als Partner im Geben und Nehmen nur mehr unseresgleichen vor. Damit aber wird unser gruppenmäßiges Verhalten eindeutig festgelegt, und es fragt sich nur, wie wir vom Jüdischen her dieses Faktum bewerten wollen. Moritz Goldsteiriii hat sich in zwei Aufsätzen in der „Jüdischen Rundschau" über diese Dinge ausgesprochen und die Parole ausgegeben, geistig das weiter zu treiben,. was wir schon immer getrieben, hätten. Die Schriftleitung der J. R. wies in einer Vornotiz darauf hin, daß eine derartige Parole nur die eine Seite des Problems berühre, daß es aber notwendig sei, auch zu untersuchen, wie das Jüdische selber Verwirklichung finden k*ö n n e. Hier scheint mir der Kern affler Ueber legungen bloßgelegt zu sein. Wäre uns als Juden weiter keine Aufgabe mitgegeben, als dazusein „wie alle Völker", so ließe sich unsere Zu kunift in der Tat im Sinne der Goldsteinschen Aufsätze gestalten. Sträubt sich denn nicht aber in uns etwas, einer derartigen Sinngebung zuzustimmen? Ist nicht in jedem Juden irgendwie das Gefühl lebendig, Glied einer Generationenreihe mit eigenem Lebensplan und einer .geistigen und seelischen . Erbmasse von unerhörter Wirkekraft zu sein? Trägt, nicht die •Mehrzahl unserer Brüder und Schwestern die Gewißheit mit sich, es müsse ei«r Eigenwertiges im Judenschicksal vorhan- * den sein, das auch uns schwach gewordene Nachfahren noch in• seinen tBann^schlägt? . Da kommen wir nicht mehr aus mit Formeln wieftbewußtesvJudentum'Vund;;,deutlich:.erkennbare ..emheitlieii^;Q{^n&e^ schlechthin". Da muß uns aufgezeigt werden, was „Judentum schlechthin" denn sei und auf welchen* Wege , ihm Erfüllung gegeben? Werder körtme. Dahin geht ohne Zweifel die Sehnsucht der iüdischef Menschen. Sie halten Ausschau nach einem Bereich, <Jem;-d£ Relativismen des-verflossenen Säculums, fehlen; sie empfinde?' die Schwäche gegenwärtiger jüdischer Lebe^äußerungenvW; es ist ihnen bewußt, daß das Jüdische durch Einflüsse fremde5 Art ausgehöhlt und verdünnt wurde, und daß das tragfest' Fundament zum Zukunftsbau fehlt. Aus dem Vorliegen dies«- Sehnsucht ergibt sich die Notwendigkeit eines Umbruchs vc selbst. Er hat aber nur Sinn, wenn er sich einer Lebeinisorcl1 nung zuwendet, deren Bestand nicht abhängig ist von Sacl' verhalten, die dem Wechsel anheim 'gegeben sind, und djeihr" Sicherung vom Metaphysischen her erhält. So lange unser; . Vorfahren in dieser, Ordnung lebten, verkörperten sie de| Typus „Jude" in votier Plastik. In dem Maße, in dem sie sie! ihr entzogen, schwand dje deutliche Profilierung, und auch di^ seelische Haftung büßte an Ausgewogenheit ein. Heute finde; wir uns einer historischen Konstellation gegenüber, die ,ur' den Zwang zur Entscheidung erneut auferlegt. Soll unser)? Willensentfaltung nicht ins Leere hineinstoßen, so muß sie, in-; mit Martin Buber zu sprechen, zum „Urbestand" des Juder11 tums hin gerichtet sein. Was mit diesem termilnius gemeint i&' darüber schreibt Buber im Oktoberheft des „Morgen" eine' feinsinnigen Essay, der wohl die Antwort darstellt auf die a; den Verfasser gerichteten Fragen nach dem konkreten fnha; seines Bildungszieles. Buber ergibt er sich als einen ,bibll sehen Humanismus", der seine Formung aus einer eigentüir liehen Beziehung des hebräischen Wortes zum jüdischen Meii sehen erhält. Wir jüdischen Lehrer werden u'r"s eingehen mit der Gedankenwelt dieses Mannes beschäftigen müsset weil seine in die Tiefe des Geistigen hineinreichenden Einsichten Zusammenhänge aufdecken, deren Verwertung im Erzit.f hungswerk äußerst fruchtbar sein werden. Wir dürfen im aber nicht verhehlen, daß Buber — im Gegensatz zu seineij Weggenossen Franz Rosen zweig — den Schwerpünk seiner „Weisung" in ein Gebiet zurückverlegt in dem wtt sentliche Formkräfte des Judentums noch nicht zur letzte; Entwicklung gekommen waren. Damit ist jene halachisch' Ordnung gemeint, von der in meinem Aufsatz die Rede .vä. und von der ich glaube, daß sie in dem kommenden Prozeß des jüdischen Gestaltwandels von sehr erheblicher Bedeuturft. sein werde. Ich bin mir der Schwere dieser Wendung der Dinge bf{ wüßt. Sie bedeutet ein Verlassen von Grundsätzen, die sj innig in das Denken der westeuropäischen Judenheit veij woben scheinen, daß die Abkehr von ihnen vielen als geistige; Tod erscheinen muß, als eine utopische Spielerei, die weit al. liegt von den Erfordernissen dieser Notzeit. Und dennoch nah ich ihren Vollzug als die einzige Möglichkeit, einen Bezirk 2-, schaffen, in dem der „überwindende Mensch", wie ihn Marti' Buber vor sich sieht, Faktum werden kann Freilich werde Führerinnen auf dem Weg seän. Glaube und Entsagung. Glatiti im Hinblick auf die Volkwerdung durch einen Bund und di ihm erwachsende. Verpflichtung zur Kollektiv Unterordnung in? ter ein Gesetz; Entsagung auf dem Gebiet des Materiell^1 und Geistigen, soweit dieses letzte aus Quellen herrührt d'' nicht dem Gefüge des Judentums entsprungen; sind. Mensel; liehe Macht ist unzureichend, den. GOauben hier uttd jetzt erzwingen; er flammt auf, wenn* die Stunde da ist und ergreif :die Seele mit Urgewalt. Entsagen kann der Mensch, sofet, ihm die Kraft gegeben ist, den Sinn der Begegnisse-zu ix' greifen und das Heilsame in ihnen zu erkennen. Um1 uns h* geschehen Dinge unerhörter Art Die Menschen sind; von ein* -Leidenschaft zum Neubruch erfaßt, deren Vehemenz:-nicht e* messen werden kanim. Ein tiefer Glaube hat die IJewegui^ entfacht, und der Wille zur Entsalzung trägt sie dahin. D* kleine Judenvolk aber sieht sich .umtost von den Wogen di Menschenmeeres, und fastscheint es. als ob-es im Gebiet d« Eigenen flügellahm geworden sei und im Zustand ftödüchj; i Starre verbleiben" müsse*iWie anders wäre sonst} die in~d». Soldatensprache vorgetragene Parole „Weitermachen t" möt sd^'%"---'--~ ' " - ..- "* .Ste^TÄ^"