Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 10-11 (15.11.1933)
- Date
- 1933-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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-und .Bildungsarbeit herangehen. Wir erfahren es aber-nicht; "wir erfahren nur, was der überwindende Jude nicht sein "kann: .inicht 4er völkische und nicht der orthodoxe Jude. Welcher ist l«s aber doch? Vielleicht hat Buber seüber keine deutliche Voristellung von seinem Bildungsziel — wie hätte er sonst an der lhistorischen; Tatsache vorbeigehen können daß der völkische wie auch der orthodoxe Jude sich doch als Ueberwinder bewährt haben, wenn ihre Wesensform vielleicht auch nicht derjenigen Bubers (und auch nicht der meieren) entspricht. So eteilt Martin Bubers Zielbestimmung das Schicksal jener Definitionen, die in ihrer Allgemeinheit zu leeren Umschreibungen ^geworden sind und darum über die Natur des Begriffs, den jisie bestimmen wollen, nichts auszusagen vermögen. Den wunden Punkt in der Zieiibestimmuug Martin Bubers ^hat auch Siegfried Braun erkannt: er vermißt Klarheit darüber, „wie beschaffen die Sachverhalte sind, um die es hier .geht". Aber indem er dem Bildungsziel Bubers die konkrete (Gestalt des orthodoxen Juden gibt, wird er der Aufgabe nicht gerecht. Zwar hat die Form einen Inhalt erhalten, aber dieser Inhalt entspricht nicht der wirklichen Lage des Judentums. Es ist nicht einzusehen, warum von den verschiedenen Möglichkeiten eines konkreten Bildungszieles — die Braun übrigens gar nicht untersucht — gerade eines herausgegriffen wird. Der Anspruch der thoratreuen Judenheit und die Zustimmung des Beobachters geben keine tragfähige Unterlage für ein lebenswirksam es Bildungsziel. Denn daß es le.benswirksäm sei, ist Voraussetzung und wesentlicher Inhalt eines Bildungszieles, das mehr sein will und soll als ein Wunschbild oder der logische Abschluß eines pädagogischen Systems. Lebenswirksam ist aber, ein Bildungsziel nur dann, wenn es den Notwendigkeiten und Sehnsüchten einer Zeit oder einer 'Gemeinschaft Erfüllunig verspricht. Daß aber die~deutsche Judenheit der Gegenwart die Tendenz zur Orthodoxie verriete. Wird auch deren Überzeugtester Anhänger nicht behaupten wollen. Ein allgemeingültiges konkretes Bildungsziel ist aus der gegenwärtigen jüdischen Situation nicht zu deduzieren, und ein allgemeingültiges formales hilft uns nicht weiter Daraus folgt, daß wir ohne die gesuchte Formel arbeiten müssen. Fragt sich nur, ob wir es können. Nun, wenn wir schoi: nicht wüßten, was wir müssen, dann würden die! außerschulischen, heute so deutlich wie noch nie gerichteten Mächte den Weg weisen. Bewußtes Judentum und uniformiertes Judentum sind ja nicht identisch; darum braucht die Mannigfaltigkeit jüdischer Prägung keine Gefahr für die deutlich erkennbare einheitliche Grundtendenz zum Judentum schlechthin zu bedeuten.; ' ' IL Auch darüber herrscht Einigkeit, daß die Kultur der deutschen Juden, folglich auch das Bildungsgut der jüdischen Schule, deutsch und jüdisch sein wird. Muß aus dieser Tatsache nun unbedingt die Streitfrage nach dem Primat des einen oder anderen Faktors herausspringen? Ueberlassen wir darum die Antwort der Entwicklung der Dinge, die ja in allen Lebensbeziehungen. ihre, eigene Dynamik hat, die allen vorgefaßten und aufgestellten Postulaten gegenüber so oft ihr focht und ihre Macht behauptet. Aber wir wollen die Augen nicht verschließen vor den Schwierigkeiten, die das Nebeneinander und die Fülle der Aufgaben bereiten werden. Zunächst das Hebräische. Neuhebräisch werden wir als selbstverständliches Lehrfach aufnehmen müssen. Kann und darf aber daneben das Althebräisch als die Sprache der Bibel und des Gebetbuches in den Hintergrund gedrängt werden? Und wird es möglich sein, beiden Aufgaben nebeneinander gerecht zu werden? Abgesehen von der natürlichen Begrenztheit der Leistungsmöglichkeit der Schüler — Ast die unausbleibliche Ueberlastung der. Schüler mit Lern- und Uebungsarbeit der Weg zur Abkehr vom; Intellektualismus,' dein wir die Vereinseitigung unseres seelischen Lebens aufs Konto setzen? Wir .werden da viel Wasser in unseren Wein gießen müssen, selbst wenn wir. die'Erleichterung,, die das; Neuhebräische iür äieT^rlefriM Ä sich bringt, in Rechnung stehen.' Nicht so schwierig, wie es auf den ersten Blick scheinen^? könnte, ist die Problematik des Deutschunterrichts. Das ' deute O1! sehe Kulturgut birgt solch unerschöpfliche Schätze, die im- -"• serem jüdischen Empfinden und Streben adäquat sind, daß wir-": uns um Material für die künftige deutsche Bildung in der jö- ~^ dischen Schule nicht zu sorgen brauchen. Dabei wollenl wir uns durchaus nicht dem sehr ernsten Einwand verschließen, . .; den Martin Buber in seinem Vortrag vor den Berliner Lehrern •-' erhoben hat: ob man eine Kultur, von deren Leben und'Entwicklung mm ausgeschlossen ist, zum tragenden Pfeifer einer Bildung machen* kann. Auch wenn man die. Möglichkeit zugeben wollte, daß die .jüdische Schule manches aus der-Gegenwartskultur akzeptieren könnte, bleibt, die Gefahr, einer Verabseitigung und damit Erstarrung der deutschen Bildung in ihr doch bestehen. ' ' , ' , Das schwierigste Problem bildet aber doch wohl die Geschichte. Der Geschichtsunterricht ist zwar immer ein Problem gewesen, und zwar nicht-nur ein methodisches, sondern auch ein materiales. Heute erscheint für uns ihr Sinn gefährdet. Denn Geschichte hat, als Bildungs- und Erziehungsfaktor doch nur dann einen Sinn, wenn sie den Weg. bahnt und erleuchtet, der, aus der Vergangenheit zur lebendigen; Gegenwart der Gemeinschaft führt. Sind wir deutschen Juden aberheute dieser „Sinngebung'* fähig? Selbst wenn die bekannten ».Richtlinien" keirJe Geltung für die jüdische Schule haben sol-. Jen? Dazu ein zweites: Geschichte, die mehr ist als. eine - Sammlung von Geschichten, gewinnt für den Nichthistoriker nur Interesse, wenn sie in irgendeiner Hinsicht aktuell ist. Können wir aber unseren, Kindern, die unter dem Erlebnis der Gegenwart stehen, die deutsche Geschichte; soweit ,-sie nichl. unmittelbar in die Problematik des Heute hinfeinführt,- aktualisieren? Ja: und zwar durch die jüdische Geschichte. An diesem Punkte berühren sich meine Vorschläge mit Gedankengängen. - . die schon an anderen Stellen geäußert worden sind, so von Dr. Alex Bein in der „Jüd. Rundschau''' (Nr. 54). Die jüdische Geschichte, die schon längst eine Neuorientierung braucht, kann in wesentlichere Teilen in die allgemeine. Geschichte eingebaut werden; denn es gibt kaum eine Epoche, die nicht in lebendigen Beziehungen zu ihrer Umwel!t< gestanden hätte — und umgekehrt. Um diese Verflechtungen Sichtbarwerden zu lassen, muß die jüdische Geschichte allerdings mehr und anderes sein als, vornehmlich Leidens- und Geistesgeschichte. Diese letztere würde dem Religionsunterricht zugewiesen - werden; manches aus der neueren Geschichte könnte seinen Platz auch im Deutschunterricht finden. Diese Verbindung ist aber nicht so gemeint, als solle nun die Weltgeschichte unter jüdischen Aspekt gestellt werden; denn ein richtiges Verstehen und gerechtes Beurteilen geschichtlicher Vorgänge und Persönlichkeiten ist nur aus ihrer eigenen Struktur .und ihrer eigenen Gesetzlichkeit heraus möglich. Der Geschichtsunter- > rieht, der allgemeine wie der jüdische, wird, uns die schwierigsten, aber-auch dankbarsten Aufgaben stellen, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die neuen Lehrbücher, um deren Schaffung wir nicht herumkommen werden. Was hier über schwerwiegende Fragen im Rahmen eines Zeitungsaufsatzes gesagt werden konnte, will die Probleme mehr aufzeigen und abstecken als lösen. Aber auch die Lö- * sung wird zunächst eine vorläufige sein; die endgültige wird aus der Entwicklung der jüdischen Lage herauswachsen und erst rn|it deren "Klärung und Festigung Gestalt und Charakter gewinnen. ~ * ■ . i. ' .— Sehnsucht und Notwendigkeit Zum Grundsätzlichen des Sternschen Aufsatzes Es handelt sich darum, das Bildungsziel'der jüdischen Schule unserer Zeit neu zu bestimmen. Ein derartiger Versuch - muß aus der Sicht heraus erfolgen, die: die ^Reflektion 'über das Ganze des jüdischen Seins "gebiert. Und wenn ich von den verschiedenen Möglichkeiten eines konkreten Bildungszieles 4 ■eitle herausgriff und mir zu eigen machte,- so geschah:s das %&- <X :i'.^Z'Sä fr '"^iSgäg