Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 9 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 ' . Jüdische Schulzeitena - V Nummer 9. ein bewußtes Mittel, sich zur inneren Form zu gestalten. Jndivi-' dualität als eigentümliche Ausprägung des Menschentums, Universalität als Reichtum des Erlebens und? Eestältens, Totalitätals Verbindung dieser Leiden zu einer lebendigen Form, Der ästhetische Formwille ist unvollendbar. Die zweite Grenze des Aestheten ist die ideale Phantasiehaftigkeit des ästhetischen Lebensstils überhaupt. Er kämpft, um die Formung des Rohstoffes der Welt (hier ist die Berührung mit dem ethisch-religiösen). Das Dasein (alles, was nicht er selber ist) greift in seine innere Welt nach eigenen, ihr sinnfremden Gesetzen. Daher begleitet den Menschen der inneren Form ein-letzter tragischer Schatten: das Schicksal. 4.. Der soziale Mens ch. Die Motive des sozialen Typus sind dadurch gekennzeichnet, daß in ihm ein gleichsam erweitertes Ich handelt, für das die Schränke der Individuation mindestens an einem Punkte, da wo die Liebe vorherrscht, verschwunden ist. Hier liegt der Zusammenhang des Sozialen mit dem Religiösen. Erweitert sich das Ichbewußtsein auf einen Teil der Menschheit, so rückt es stark nach der Stufe der Totalität hinauf (religiöser Sinn ist gleich Totalsinn des Lebens). Der Mensch aber, dessen Lebenszentrum die Liebe ist, findet einen ausreichenden Grund für alles Handeln darin, wenn er im Sinne des andern handelt; und er genießt darin zugleich seine eigene höchste Seligkeit. Ueberall da, wo die Liebe für das ganze Leben zum höchsten Leitstern werden soll, herrscht der Grundsatz der Besitzlosigkeit. Der Priester (Fakir, Mönch), der dem Dienste des andern leben soll, darf nichts fein eigen nennen. - 5. Der Machtmensch. Der Machtwille spricht sich in dem Willen zur Unabhängigkeit, in der Freiheit aus. Der Machtmensch erstrebt: Freiheit vom physischen Zwange — Freiheit des Handelns, Freiheit von fremdem Willen — Freiheit des Wollens, und in idealistischem (religiösem) Sinne Freiheit von eigenen Leidenschaften — innere Freiheit. Diese letzte Form ist etwas ausgesprochen Ethisches. Von all diesen Erscheinungen soziologischer und moralischer Natur unterscheiden sich diejenige Macht und Freiheit, die die positive Rechtsordnung gewährt. Das subjektive Recht im Sinne eines Anspruches ist auch eine Form der Macht und der Freiheit. Wer selbst etwas gelten will, ist nicht geneigt, für andere zu leben, muß aber darum nicht andere vernichten wollen (asozial-antisozial). Nietzsche war aus innerer Notwendigkeit Gegner jeder sozialen Gesinnung, jenes Liebesgeistes, den er als Herdenmoral bezeichnet hat. In diesem Werturteile spiegelt sich der Gegensatz des aristokratischen Uebermenschen zur Masse. Der Wille' zur Macht hebt sich über die anderen heraus, fordert Anerkennung und Ehre,. strebt nach Freiheit, während in der Liebe immer Bindung enthalten ist. 6. Der religiöse Mensch. Der Kern der Religiosität ist das Suchen nach dem höheren Sinnzusammenhang des Lebens. Der Zustand des Suchens ist Unruhe und Unbefriedigung. Wer über den höchsten Wert in seinem Erleben noch schwankt, ist heimatlos und zerrissen, voll Verzweiflung. Wer das Höchste in sich gefunden hat, fühlt Erlösung, Seligkeit. Der Weg zur Erlösung ist ein innerer Durchbruch, der der Welt Sinn und Wert verleiht: die Offenbarung. Der Sinn der Welt wird nicht erkannt und bewiesen, sondern er kommt über uns in dem eigentümlichen Erlebniszustand, den die religiöse Sprache Offenbarung nennt. Die Herbeiführung dieses eigentümlichen Zustandes, der die Offenbarung begünstigt, und die Erlösung bewirkt, erfolgt' durch Seelenpflege. Die Persönlichkeit Persönlichkeit ist der seiner selbst mächtige, die Kräfte seiner Natur zur Verwirklichung des Ideals, seiner Idealität zusammenfassende, auf den Gebieten des Lebens sich frei aus sich heraus bestimmende Mensch. Aber die Forderung; daß der Mensche eine Persönlichkeit sei, ist nicht bloß für viele andere ideal, sie trifft ihn selbst im innersten Wesen. Die Persönlichkeit.wachst nur'.-aufdem Boden der sich selbst-erfassenden Individualität (Eaudig).. Die einzelne Individualität lernt sich indes in ihrer Gesamtheit nur erkennen, wenn sie durch die ihrer Seelenverfassüng angepaßte Arbeit die Grenzen ihrer Leistung kennen lernt. Der erste Weg zur Selbsterkenntnis ist die Klarheit über das. Maß unserer Fähigkeiten und die freiwillige Beschränkung auf diejenigen Arbeitsgebiete, die unseren Fähigkeiten entsprechen. Auf diesem Weg können wir unser selbst mächtig werden, uns frei aus uns heraus bestimmen, und die Kräfte unserer Natur zu dem Persönlichkeitsideal zusammenfassen, das in ihr liegt. Jeder soll an sich jederzeit die Würde oder Unwürde der verschiedenen Seiten unserer werdenden Persönlichkeit erleben, um mehr und. mehr das eigene Streben nach der.wertvollen Persönlichkeit auf allen Gebieten, die unserer Seelenverfassung angepaßt sind, auszulösen und zu verstärken. ' ' . Der Sinn des gesellschaftlichen Lebens Drei Hauptlehren über den Sinn unseres gesellschaftlichen Lebens gibt es heute. Die erste lehrt, daß das Ziel und der Zweck der menschlichen Gesellschaft und daher sein ganzer Sinn im Glück der e i n z e l n e n bestehe. — Aber nichts Einzelhaftes kann den Sinn der Entfaltung der menschlichen Gesellschäft ausmachen, vor allem nichts so Einzelhaftes, wie die angenehmen Gefühle. Kein irrtümlicheres Ziel gibt es als das Ideal menschlichen Glückes. Die Nichtigkeit der Jagd nach dem Glück, dem Vergnügen, der Bequemlichkeit und der Freude bei allen Klaffen der heutigen Gesellschaft zeigt das Unzureichende dieses Zielbildes. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß das Glück des einzelnen vom Endzustand des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen sei. Eine zweite Lehre sucht den Sinn der menschlichen Gesellschaft in der Entfaltung der Persönlichkeit, d. h. in der Selbstverwirklichung oder Selbstentfaltung des einzelnen. Volkstümlich wird diese Lehre so ausgelegt, daß die Selbstentfaltung des einzelnen an sich ein hinreichendes Lebensziel sei. Das macht den Endzustand der gesellschaftlichen Entfaltung wiederum ganz individualistisch. Aber der Sinn des gesellschaftlichen Lebens.kann nicht nur in der Entfaltung des einzelnen liegen, weil die Entfaltung des einzelnen keine Sicherheit für ein rechtes gesellschaftliches Leben gibt. Die dritte Lehre sieht das Ziel der Menschheitsentwicklung in der Entfaltung einer vollkommenen harmonischen Gesellschaft von Einzelwesen (Jdealmenschheit). Dieses Zielbild schließt die Entfaltung der Persönlichkeit und das Glück'jedes einzelnen ein. Es gibt jedem einzelnen seinen Platz und seinen Wert, nimmt aber zugleich die Gefahr, den-einzelnen auf den ersten Platz zu stellen. Die Entfaltung der Menschheit ist kein stillstehendes, sondern ein entwicklungsmäßiges und dehnbares Zielbild, ein Zielbild des Fortschritts, das ebensowenig genauer zu bestimmen ist, als die letzten Fragen des Lebens selbst. Die Richtung des Fortschrittes ist jedoch klar, es führt zu immer fortschreitender Harmoniealler inneren und äußeren Kräfte der Menschheit. Der Weg dahin geht über eine fortschreitende Nationalisierung des menschlichen Lebens und eine dauernde Leitung über die niederen und tierischen Bestandteile durch die höheren und geistigeren. Quellen: Ludwig Klages : „Persönlichkeit." Eduard S r a n g e r: „Lebensformen." ' Wilhelm Paulsen: „Die Ueberwindung der Schule." Georg Kerfchensteiner: „Der Begriff der staatsbürgerlichen'Erziehung. Ch. A. Ellwöod: „Das seelische Leben der menschlichen Gemeinschaft."