Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 9 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Züdische Schulzeitung Nummer 9 Hoherpriester der Kunst, das Goethe als Warnung gegen übertriebene Kunstschwärmerei an junge Dichter gerichtet hat: Jüngling, merke dir in Zeiten, " Wo sich Geist und Sinn erhöht, Daß die Muse zu geleiten. Doch zu leiten nicht versteht! Wer ist selbst dieses nicht noch ein Großes: daß auf pflichterfülltem Wege zu gottgewolltem Ziele uns ein himmlischer Genius „geleitet", welcher, der Religion verwandt, uns den Sinn des Seins und Daseins deutet und uns, so oft'wir es wünschen, mit Darbietungen von unvergänglicher Schönheit erquickt, bereichert und zu höherem Menschentum anspornt!? Individuum und Gemeinschaft Von Anselm Ving Anpassung auch beim. Menschen noch immer unvollkommen entwickelt. Wenn es nun die Aufgabe der Seele ist, schnelle Anpassungen der Lebewesen an ihre Umwelt hervorzurusen, dann muß sie unter den zahllosen Reizen der Außenwelt diejenigen auswählen, die der Erhaltung und Entfaltung des Lebens dienen. Die'Seele ist also auslesend. Die Seele ist nicht nur mit der passiven Anpassung der Lebewesen an ihre Umwelt beschäftigt, sondern mit der aktiven Zurechtbiegung der Umwelt für die Lebewesen. In den höheren Bereichen des Lebens scheint die Aufgabe der Seele sich besonders auf dieses Umbiegen der Umwelt zu konzentrieren, eine Tatsache, die für das Verständnis der menschlichen Gemeinschaft bedeutungsvoll ist. Die menschliche Gesellschaft ist ein Ausdruck absichtsvoller Tätigkeit geworden," die dann in unserer heutigen Kultur zur Herrschaft gekommen ist. Diese absichtsvolle Tätigkeit ist der besondere Gegenstand der gesellschaftlichen Wissenschaften, die danach streben, an Stelle der Wirkung blinder Kräfte Wirkungen von verstandesmäßigen Absichten zu setzen. 1. Leibliche Entwicklung und seelische Entwicklung Elemente des Charakters Die seelische Entwicklung ist nicht von der leiblichen Entwicklung zu trennen, denn mit dem Aufkommen der Seele wurde das ganze Gleichgewicht in der Welt des Lebens verändert. Seitdem wurden die bestimmenden Plätze mehr und mehr die inneren, seelischen. Tiere, die diese innere Leitung über ihr Tun besaßen, hatten die beste Aussicht, fortzuleben, denn sie konnten sich schneller ihrer Umwelt anpassen, . besonders leichter herannahenden Gefahren entkommen. Da nicht alle Lebewesen Zeichen seelischer Vorgänge zeigen, müssen wir versuchen, der Seele ihren Platz in der leiblichen Entwicklung anzuweisen. Die niedrigsten Lebewesen besitzen überhaupt keinen Nervenbau und deswegen auch keine mit Bewußtsein verbundene Nervenvorgänge. In solchen Formen des Lebens, zu denen die niederen Tierarten und die ganze Pflanzenwelt gehören, ist die Anpassung an die Umwelt wahrscheinlich durch bloß körperliche Mittel gesichert. Die Pflanze sitzt fest, und ihre Bewegungen sind von der einfachsten Art. Daher bedarf ihr Lebensvorgang deiner bewußten Führung. Bei den Tieren wachsen die Neigungen der Lebewesen, mehr Kraft auszugeben als aufzuspeichern: daher werden die Leibesbewegungen größer, verschiedener und zusammengesetzter. Jetzt scheint die Seele mit ihrem Bewußtsein als eine Leitung über die zusammengesetzten und verschiedenen Bewegungen entwickelt worden zu sein, doch gibt es noch bei den höchsten Tieren manche Leidenstätigkeiten, die nicht von Bewußtsein begleitet sind. Das Bedürfnis nach bewußter Leitung besteht augenscheinlich nur da, wo neue Anpassungen verlangt werden und wo Wandlungen von zusammengesetzten Tätigkeiten Vorkommen. Die Seele ist also ein Glied für die Anpassung, mit der Aufgabe, eine höhere Leitung über die Anpassungsvorgänge des Lebens auszubilden. Die mit Bewußtsein verbundenen Nervenvorgänge sind daher ein Kunstgriff der leiblichen Entwicklung, die Leitung der Lebewesen über ihre Umwelt zu vervollkommnen. Nach dieser Ansicht (Schopenhauer/Nietzsche/Tönnies) ist die Seele nicht vom Leben getrennt, sondern eine Verrichtung im Lebensvorgang und wie alle anderen Lebensverrichtungen den Gesetzen der leiblichen Entwicklung unterworfen. Die Haupteigenschaften unseres seelischen Lebens sind infolgedessen durch Abweichung heroorgerufen, durch Vererbung übermittelt und durch Auslese befestigt worden. Unsere Fähigkeiten zur Empfindung, zur Wahrnehmung, zum Denken, unsere natürlichen Triebe, unsere Gefühlsregungen, sogar unsere Kraft zum Abstrahieren und Schließen sind daher nichts als Lebensverrichtungen. Damit ist nicht gesagt, daß sie auch zuweilen in unvorteilhafter Weise ihre Verrichtungen ausüben, denn die Seele ist als Glied für die Will man die Elemente des Charakters untersuchen, so darf . man moralische Werte nicht mit charakterologischen verwechseln. Zu allen Zeiten, und bei allen Völkern gab es die größten Meinungsverschiedenheiten über „Gut und Böse". Für den Seelenforscher ist diese Einteilung ebenso unzulänglich wie die des Botanikers, wenn er Pflanzen in eßbare und nicht eßbare gliedert. Sondern wir nun sämtliche Bezeichnungen aus, die nur zur Beurteilung menschlichen Handelns, zum Wühl und Wehe des Nebenmenschen dienen, so zerfallen die übrigbleibenden in mehrere Klassen, deren fünf wichtigste zur Erforschung jeden Charakters nötig sind. 1. Materie (Stoff). Unter dem Stoff verstehen wir sämtliche Fähigkeiten der Persönlichkeit (Begabung oder Talente). Die Ansicht der klassischen Philosophie (8toa) war, die Menschen seien von Natur alle einander gleich und erst Erziehung und Umwelt würden ihre Verschiedenheiten Hervorrufen (tabula rasa). Zwar bringt niemand „angeborene Ideen" mit, wohl aber Anlagen. Seine Anlagen lassen ihn die Welt anders als andere erleben und infolgedessen unterscheiden sich seine geistigen Bestände von denen seiner Mitmenschen. Es gibt bei jeder Begabung eine persönliche Höchstgrenze der Leistung. Sie sind demnach Mengeneigenschaften und können zahlenmäßig untersucht werden, man hat mehr oder weniger Gedächtnis, mehr oder weniger Willensstärke, mehr oder weniger Feinfühligkeit. Zusammengenommen bedeuten sie ein natürliches Kapital, das brachliegen kann, und mit dem man arbeiten kann; deshalb nennen wir die Summe der Anlagen „den Stoff des Charakters". . 2. Struktur (Gefüge). Zum Gefüge gehören Farbe und Tempo des Charakters (temperamentvoll, unbeweglich, anregbar). Ob sich starkes 'Gedächtnis besser mit viel oder wenig Temperament verträgt, können wir aus der Struktur nicht ersehen. Hier handelt es sich um das Tempo des Ablaufs der Jnnenvörgänge. Zum Unterschied von den Begabungen als dem Ruhenden können wir sie als farbige Bewegtheit denken, die durch den ganzen Bau siulst: daher Struktur des Charakters. 3. Qualität (Artung). Die verschiedene Art des Charakters läßt sich aus der unterschiedlichen Zielsetzung ablesen. Fassen wir an der Artung das Gefühl ins Auge, das ein Ding erstrebt, ein anderes verwirft, so wären es Gefühlsanlagen; meinen wir aber die mit der Zielsetzung verbundene Willenstätigkeit, so sind es Interessen. Ueberlegen wir ferner, was den künstlerischen Ehrgeiz vom kaufmännischen Erwerbssinn trennt, so ist es die Richtung des Wollens. Daher Qualität oder Artung des Charakters. ' , .