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Jüdische Schulzeitung · 1933-09-15 · 9 (15.9.1933) · page 3

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
9 (15.9.1933)
Date
1933-09-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nummer-9 Züdische Schulzeitung Seite 3' solche Aussprachen dürfen natürlich nicht über den Rahmen des Religionsunterrichts und über das Verständnis der Schüler hinausgehen. Wenn aber der Zeichenunterricht, der Forderung der Richtlinien für die Lehrpläne der, höheren Schulen Preußens entsprechend, jede Gelegenheit wahrnimmt, um seine engen Beziehungen zur Kunst im allgemeinen und zur bildenden Kunst im besonderen zu pflegen, und wenn derselbe, wie es dort weiter heißt, den Schüler in ein lebendiges Verhältnis zum Kunstwerk bringt, und wenn ferner auch im Deutsch-, Eeschichts-, Geographie- und Naturgeschichtsunterricht durch die neueren hochstehenden .Anschauungsmittelder Schüler in ein vertrautes Verhältnis zum Kunstwerk gelangt, dann bedarf es keiner weitausholenden, zeitraubenden Besprechung, um Themen der angegebenen Art religiös-fruchtbringend zu behandeln. Wenn Schwarz behauptet, nirgends in der jüdischen Kunst habe sich das Streben nach einer seelenoollen Bildhaftigkeit zu so hohen Leistungen emporgeschwungen wie auf dem Gebiete der Grabmalkunst, so ist mir selbst die Bestätigung dafür erst jüngst durch Arthur Levys Buch „Jüdische Grabmalkunst in Osteuropa" (Verlag Pionier) zuteil geworden"). Levy wirkte während des Weltkriegs als Feldrabbiner in Polen und Litauen und hat in mehr als vier Jahren die jüdischen Friedhöfe dieser Länder eingehend erforscht. Sein Buch bringt ausgezeichnete Aufnahmen von etwa 50 "Friedhöfen. Ueberrafchend wirkt auf uns Westeuropäer die Bilder- und Kunstfreudigkeit des Ostens, die nach des Verfassers Urteil bis in die tiefsten jüdischen Volksschichten hinabreicht. Ganze Friedhöfe. sind danach mit solchen bildtragenden Steinen übersät, die gleichzeitig die übliche Anschauung von der Abneigung der Juden gegen figürlichen Schmuck widerlegen. So wird auf dem Stein einer Frau Rebekka die biblische Szene von Rebekka am Brunnen dargestellt, wobei die weibliche Gestalt nur durch einen Arm angedeutet ist, weil der jüdische Künstler auf allen diesen Denkmälern die Menschengestalt vermeidet. Der Name einer Frau Miriam gibt Veranlassung, ihren Stein mit Pauken und anderen Musikinstrumenten zu schmücken. Auf einem anderen Grabstein ist das Thema Psalm 137,1,2 illustriert; die vieltürmige Stadt mit dem mächtigen babylonischen Turm als Wahrzeichen, das von Schiffen belebte Wasser, eine große Anzahl Bäume, die zum Teil mit Musikinstrumenten behängt sind. Wir erwähnen nur kurz, was wir in dieser verdienstvollen Veröffentlichung als feinsinnig .und rührend empfanden: das Motiv der Sabbatlichter auf Grabsteinen von Frauen; eine gebrochene Rose als Symbol für ein frühoerftorbenes Mädchen namens Rosenblum; ein Vogel, der seine Jungen füttert, als Bild der Mutterliebe; ein anderer, der fortflog und feine trauernden Gefährten einsam zurückläßt: Schäfchen, die.aus einem offenen Stall getreten sind und nun ohne Hirten auf der Wiese stehen; oder Schafe, die vor einem Brunnen verweilen und denen niemand Wasser schöpft; ein fruchttragender Baum, sechs Früchte schmücken seine Krone, eine siebente hat sich losgelöst und fällt zu Boden (für eine Mutter von.sechs Kindern, die im Wochenbette starb); ein Grabmal für vier Thorarollen, die einem Brande zum Opfer fielen, „ein rührendes Zeugnis frommer Treue, die mit der Thora so verbunden ist, daß sie deren Verlust wie bei einem eigenen ein Denkmal setzt." Man kann nur dem zustimmen, was ein geistvoller Beurteiler von dieser innigen und sinnigen Kunst des Ostens sagt: „Diese Symbolik ist das Gegenteil aller Trockenheit und Pedanterie; im starren Schweigen der Friedhöfe läßt sie leise die Melodien des Lebens ertönen"). — Eine Religionsstunde dieser ") Aehnliches gilt auch von Grotte, Alte schlesische Judenfriedhöfe, 1927. , ”) Alex Vlumenfeld, Friedhof und Grabmal, in Mitteilungen, der Jüdischen Reformgemeinde zu. Berlin vom 1. 9. 1930. Denkmalskunst des Ostens gewidmet, ist nicht verlorene -Zeit und Mühe, besonders wenn dadurch unsere Schüler zugleich zu der Einsicht gelangen, daß die oft verkannten Ostjuden in der Verbindung von Pietät und Kunst ihre sich so gebildet dünkenden westlichen Elaubensbrüder weit übertreffen. Non scholae sed vitae discimus. Wenn durch verständnisvolle Berücksichtigung der bildenden Kunst der jüdische Religionsunterricht an Anschaulichkeit, Schönheit und Eindringlichkeit gewinnt, werden die Wirkungen auch das Leben der Erwachsenen bereichern und — jüdischer gestalten. Wieder werden sich hoffentlich dann die Wände des jüdischen Hauses auch mit jüdischen Motiven schmücken; mancher unserer Glaubensgenossen wird dann bei freudigen Anlässen Verwandte und Freunde mit einem religiösen Kunstblatt beschenken; mancher wird, wie es schon der Talmud empfiehlt, seine und der Seinigen Feiertagsstimmung durch ein formschönes Kultgerät erhöhen, mancher Reisende einen stimmungsvollen alten jüdischen Friedhof oder eine jüdische Kunstsammlung in seinen Reiseplan ausnehmen. Hoffentlich werden viele dann auch die Erkenntnis verwerten, daß eine besinnliche, individualisierende Grabmalkunst der Toten und Ueberlebenden würdiger ist als der kalte Prunk unserer Großstadtfriodhöfe. Ein wachsendes Interesse für religiöse Kunst könnte auch den jüdischen Künstlern zugute kommen und diese anspornen, die empfangene Förderung mit reifen Kunstwerken zu delohnen. Wir Religionslehrer wissen, daß mehr als die Schule, die ja immer das Hauptgewicht auf das Wissen legen muß, eine von jüdischem Geist erfüllte Häuslichkeit für die religiöse Erziehung unserer Jugend bedeutet. Wenn am Freitagabend deshalb Eltern und Kinder sich gemeinsam an einer Vilderbibel oder an sonstigen Werken der religiösen Kunst erfreuen, dann können dies Feierstunden werden, die gemeinsame schöne Erinnerungen schaffen, die Familienbande fester knüpfen und für eine Zeit die schmerzvollen Erlebnisse unserer Tage vergessen lassen. ' Schluß. Dem Verfasser wird sicher der Vorwurf nicht erspart bleiben, seine Anregungen kämen zu einer Zeit, die in Schule und Leben sich mit wichtigeren Dingen als mit Kunstfragen zu beschäftigen habe. Wie zeitgemäß dennoch das hier behandelte Thema ist, dafür die Aussprüche zweier gegenwärtig führender Religionspädagogen. „Ein Religionslehrer, der nicht. um die religiöse Kunst innerlich ringt, um mit ihrer Sprache an die inneren Ohren der Jugend heranzukommen, begeht eine der schwersten Unterlassungssünden. Kunsterziehung gehört zur Vorbereitung jedes neuzeitlichen Religionslehrers" (Schuster). Und: „Die Verbindung von Kunst und Religion theoretisch durchzuarbeiten und unterrichtlich auszugestalten, muß eine Tat religionsunterrichtlicher Reform sein." (Eberhard.) Uebrigens muß ein solches Thema vorerst einmal um seiner selbst willen behandelt werden. In jedem Zeitpunkt mag man dann versuchen, so viele der als berechtigt erkannten Forderungen zu erfüllen, wie unter den gegebenen Verhältnissen möglich ist. — Ein weit schwererer Vorwurf aber wäre: eine so weitgehende Berücksichtigung der bildenden Kunst im jüdischen Religionsunterricht raube diesem Zeit und Kraft und verhindere, daß derselbe seinen notwendigen Ausgaben gerecht werden könnte. — Nichts irriger als das! Der bekannte Satz: „Wir treiben Sport, um Zeit zu gewinnen", gilt in übertragenem Sinne auch hier. Ein Zuwachs an Freude im Religionsunterricht bringt Kraft und Zeitgewinn. Aber auch kein Iota von den Forderungen eines gediegenen Religionsunterrichts soll geopfert, kein Bilderkult eingesührt werden, der für jede biblische Geschichte eine bildnerische Darstellung vorschreibt; keine einseitige Pflege der Phantasie auf Kosten der Verstandes- und Willensbildung f Nein, für junge und alte Religionslehrer nicht minder gilt das Wort, das. ein

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