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Jüdische Schulzeitung · 1933-09-15 · 9 (15.9.1933) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
9 (15.9.1933)
Date
1933-09-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite. 2 Jüd is ch e Schulzeitung Nummer/9 Liesen Sohn des Ghettos in mancher Hinsicht umgeformt. Der- . Freiwillige und fein jüngerer Bruder, der mit dem Reiterdegen des Heimgekehrten spielt, sind die.. Vertreter einer neuen Zeit, die den Juden ein Vaterland gegeben, ihren Gesichtskreis erweitert und ihnen neue Aufgaben gestellt hat. Soll nun das jahrtausendelang gehütete abgeschlossene jüdisch-religiöse Leben mit seinen frommen Symbolen und seinen hohen Gemütswerten' in Schönheit sterben, weil der Wandel der Zeit neue,weltzugewandte Menschen verlangt? — Der. Schöpfer dieses Kunst-. wertes ist weit entfernt, diese Frage einseitig zu beantworten; er zeigt, was Hohes und Edles in jeder Zeit liegt, und empfiehlt Ausgleich und Verständigung. „Preis darum dem sinnigen Künstler", so lesen wir in Rießers Dankschreiben an seine badischen Geschenkgeber, „daß er einen der heiligsten, wenn auch noch so vergänglichen Momente aus dem Leben unseres Jahrhunderts in schönen Verein gesetzt hat mit den altertümlichen Formen jenes jüdischen Lebens, daß er den scheinbaren äußeren Kontrast/ zwischen Leiden in künstlerischer Schönheit und hochmenschlicher Gesinnung ausgeglichen hat. Vater und Sohn schließen, alte und neue Zeit, inniger Glaube und mutige Vaterlandsliebe fest anklammernd die Hände aneinander. Töricht der Vater, der den Sohn in das Kleid des Alters hüllen wollte und sich nicht freute seines jugendlichen Mutes, seines innigsten Anschließens an die kräftigsten Bestrebungen des Jahrhunderts! Aber ehrlos der Sohn, der sich seines Vaters, ehrlos das Geschlecht, das sich seiner Vorzeit schämt." „Alle diese Beziehungen", heißt es weiterhin in dem noch heute lesenswerten Schreiben/ „schauen uns aus diesem schönen Bilde an; sie alle kann nur die Kunst uns mit mit solcher Klarheit und Lebendigkeit vor Augen führen."'") Wenn wir unseren Schülern von dem.Jahrtausende alten Judenleid erzählen, werden wir nicht versäumen, einige Augenblicke bei Josef Israels' „Ein Sohn des alten Volkes" , zu verweilen/den niemand vergißt, der einmal seinem Blicke begegnet ist. Da sitzt auf einer Treppenstufe seines elenden Ladens, umgeben von allerhand verkäuflichem Plunder, ein alter Trödeljude. Gewiß, dieser armselige Handelsmann mit seinen plumpen Händen und Füßen und seiner schäbigen Kleidung ist keine anziehende Erscheinung, und noch weniger würde vielleicht sein Geschäftsgebaren uns für ihn einnehmen; aber die Schwermut, die über fein Gesicht ausgebreitet ist, kündet von so tiefem inneren Weh, daß-wir schmerzlich davon ergriffen werden. Und je länger wir in diese leidensoollen Züge blicken, desto klarer wird uns, daß dieser Sohn des alten Volkes dieses Volk selbst in seinem sich ewig wiederholenden Leidensschicksal darstellt: die Umwelt hatte es verunstaltet, zum Paria herabgewürdigt, in verachtete _ Berufe gezwängt, ihm die Züge des Märtyrers und Dulders aufgedrückt. Aber das Leid des alten Trödlers lärmt nicht und klagt nicht an. Er erscheint, um mit Schwarz zu sprechen, als die Erklärung des Schriftwortes: „Still und stumm sitzt er da, denn er hat es auf sich genommen." Auch der Unterricht in der systematischen Religionslehre kann nur gewinnen, wenn ein edles Kunstwerk für eine Weile Festglanz und Feierstimmung verbreitet. Bei der Behandlung des Gebetes bevorzuge' ich unter verschiedenen künstlerischen Hilfsmitteln die religiöse Mystik, davon Böcklins „Heiliger Hain" erfüllt ist. Aus dem Dunkel der Eichen schreiten paarweise, schweigsam, ernst und feierlich ganz in Weiß gehüllte Gestalten einem Altäre mit lodernder Opferflamme zu, vor dem bereits drei der Ihrigen knien. In der Stille sich sammeln, in Reinheit der Gottheit nahen, in Demut sich vor dem heiligen Unsichtbaren beugen und sein ganzes Sein von ihm durchdringen lassen — das scheint mir dieses. Kunstwerk in feierlicher Bildersprache auszudrücken. Wo Stille und Halbdunkel, Farbenstimmung und heilige 80) Rießer: Ein Wort des Dankes an die israelitischen Bürger Badens 1835. Symbole das Gefühl des Rüminofen fast, wie einen mechanischen Reflex aus der Seele-aufzucken lassen, verstummen.wir selbst' in anbetungsvollem Schweigen.") Daß die Schönheit durch ihr bloß Erscheinen, Wundertut, ward mir nie deutlicher als vor diesem Bilde, das sich deshalb in besonderem Maße als/Wandschmuck für eine höhere Klasse eignet: ' So manches an Brauch und Sitte, das weiten Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft nur noch dunkel oder überhaupt nicht mehr bewußt ist/kann unserer Jugend durch den Besuch, einer jüdischen Kunstsammlung oder durch Illustrationen in jüdischen Zeitungen und Zeitschriften veranschaulicht werden. Von der Liebe zu der Väterreligion, die in formschönen alten Kultgegenständen zum Ausdruck kommt, sollen unseren Schülern die zahlreichen Chanukkahleuchter, Veßomimbüchsen, Sederschüsseln, Thoraschmuckgegenstände usw. des Jüdischen Museums erzählen und zugleich ähnliche Gefühle wachrufen, wie sie Georg Hermann einmal von sich berichtet. Der Dichter von Jettchen Gebert empfand, als. er im Cluny in Paris solchen Kultgegenständen aus vergangenen Jahrhunderten gegenüberstand, „ein mitzitterndes Gefühl: es hat Menschen gedient, die ähnliche Züge trügen wie ich; es war wie ein Gold- und Silberschimmer in ihrem Leben, und es ist weiter von Menschen geschaffen worden mit. ähnlichen seelischen Zügen!... Der Gefühlswert, das Fluidum/das diese Dinge für uns ausstrahlen, die Aureole, die sie umgibt, ist etwas, das auch dann seine Wirkung ausübt, wenn der Platz, den diese religiösen Riten in unserm Leben einnehmen, ein sehr geringer geworden ist. Wir empfinden plötzlich nicht symbolisch, sondern als greifbare Tatsache diese unendlich langen Ahnenreihen, die bis zum Heute, bis zu uns führen und deren wir uns nicht immer mehr bewußt sind. Das da waren ihre Lebenssymbole."") Auch gelegentliche Unterhaltungen über Probleme der religiösen Kunst, angeregt durch Zeit und Umstände oder durch Schülerfragen, können tiefer in das Wesen und die Wirkungsweisen des Religiösen einführen. Es handelt sich etwa um folgende Themen: Ist das Judentum kunstfeindlich? Welche Bedeutung hat das Bildnisverbot? Gibt es eine jüdische Kunst? Welche jüdischen Meister der bildenden Kunst müßte man kennen? Welches ist Zweck und Aufgabe jüdischer Museen? Wo gibt es solche? Inwiefern wurde die Bauart des jüdischen und des christlichen Gotteshauses durch die verschiedenartigen Bedürfnisse des Kultus bedingt? Wie verstehen wir die Behauptung, die alten Dome seien in Stein gebannte Religion? Welche religiöse Stimmung sucht im gotischen und im Barockstil, welche im Renaissance- und im romanischen Stil ihren Ausdruck? Warum haben wir keinen eigentlichen Synagogenstil? Weshalb baut man jüdische Gotteshäuser nicht mehr im maurischen Stil? Warum das gedämpfte Licht im Eotteshause?") Leuchter und Magen David als Symbole des Judentums. Bemerkenswerte Synagogenbauten im In- und Auslände. (Essen, Bruchsal, Bechhofen,-Toledo, die Festungs- und Holzsynagogen des Ostens,'Synagogenruinen in Palästina.) Manche dieser Themen können bei der Besichtigung eines Gotteshauses besprochen werden. Die Eigenart und Geschichte dieser Betstätte — in Berlin vornehmlich der Synagoge in'der Heidereutergasse — werden dabei eingehend behandelt. — Alle ") Man vergleiche hierzu das aufschlußreiche Kapitel „Ausdrucksmittel für das Ruminofe in der Kunst" in Rudolf Otto: Das Heilige. 16. Aufl., 1927, S. 88 bis 96. - ") Aus einer Werbeschrift des Vereins Jüdisches Museum zu Breslau, abgedruckt in der „Jüd.-liber. Ztg." vom 21. Dez. 1928. ") „Das Halbdunkel, dämmernd in erhabenen Hallen, unter den Zweigen eines hohen Vaumganges, seltsam bewegt noch durch das mysteriöse Spiel des mirum der halben Lichter, hat. noch immer zum Eemüte gesprochen, und Tempel-, Moscheen- und Kirchenerbauer haben davon Gebrauch gemacht." Otto: Das Heilige. 1927, S. 92.

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