Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 9 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 9 Monalsschrist für Pädagogik und Schulpolitik Herausgegeben vom „Reichsverband der jüdischen Lehreroereine" GERMANIA JUDAJCA Die „Jüd. Schulzeitung" erscheint um den 15. eines sedenMonats und wird allen Mitgliedern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zugestellt. — Post-Bezugspreis für Nichtmitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg» IS. September 1933 Druck, Verlag und Geschäftsstelle: M. Letzmann, Hamburg, ABC-Stratze 57. Fernruf: Sammelnummer Hamburg 34 0737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K n u d s e n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die llgefpaltene Nonpareille-Zeile. Inhalt dieser Nummer: Jüdischer Religionsunterricht und bildende Kunst von Dr. Adolf Löwenberg (Schluß). Individuum und Gemeinschaft von Anselm Bing. Literarisches. Notizen. Aus dem Lehrerverbande. Jüdischer Religionsunterricht und bildende Kunst Bon Dr. Adolf Löwenberg (Schluß) Mehr noch als dem biblischen Geschichtsunterricht kann die bildende Kunst sich dem Unterricht in der jüdischen Geschichte hilfreich erweisen. Die jüdische Geschichte weist keinen Erzähler auf, der den Stoff gleich den Klassikern der biblischen Geschichtsschreibung zu meistern verstanden oder uns mit Familiengeschichten von unvergänglicher Schönheit beschenkt hätte. Auch haben leider die führenden Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte zumeist in übergroßer Bescheidenheit ihre Person zurücktreten und nur ihr Werk sprechen lassen und damit uns die Aufgabe erschwert, unserer Jugend auch aus nachbiblischer Zeit lebensvolle Gestalten zu Lehre uckd Beispiel vorzuführen. Dazu kommt, daß die Umwelt die Juden während vieler Jahrhunderte von öffentlichen Aemtern und fast allen Berufen ausschloß. So ward Denken und Dulden das Leitmotiv des jüdischen Mittelalters, das für manche Länder mit einiger Unterbrechung bis in die Gegenwart reicht. Im großen und ganzen ist so der Inhalt der jüdischen Geschichte, wie die Lehrbücher für diesen Unterrichtsgegenstand zeigen, teils für jüngere Kinder zu schwer, teils durch die stete Wiederholung der Leiden zu einförmig. Um fo mehr begrüßen wir die Hilfe der bildenden Kunst, die uns ermöglicht, diesen Unterricht interessanter und gemütvoller zu gestalten. Unsere Schüler hören und lesen von vielen Iudenaustreibungen; wo und wann wird ihnen eine solche einmal anschaulich dargestellt? — Hirszenbergs .„Eolus" im Berliner Jüdischen -Museum macht sie zu Augenzeugen einer solchen Schicksalstragödie. Da wandert durch die eisige Schneewüste eine Schmerzenskarawane: Menschen jeden Alters, Standes und Geschlechts. Glaubenshaß, Habsucht und Aberglaube, die so oft Juden von Haus und Heimat vertrieben, müssen hier mit besonderer Grausamkeit verfahren haben, denn diese" Wanderer sind aller Habe bar, und so abgrundtief ist ihr Unglück, daß nicht Worte und Tränen es lindern. Also ein Bild hoffnungsloser ' Verzweiflung? — Wer das behauptet, kennt jüdischen Optimismus schlecht. Wie durch ein Wunder ist es einem der Männer /gelungen, eine Thorarolle in Sicherheit zu bringen. Sie trägt er nun als einen kostbaren Schatz; wo immer auch der flüchtige Fuß ''einen Halt findet, da wird man diesen Baum des Lebens wieder »einpflanzen, daß er den um ihn sich Scharenden Schatten und - Früchte spende. — Und nicht ohne Absicht hat der Künstler einen Einzelnen aus der Menschenmasse herausgehoben. Es ist der Führer, ein Greis, gebeugt von der Last der Jahre, der Leiden und der Verantwortung. Und dennoch schreitet er rüstig seiner Gemeinde voran. Menschen aus solchem Stoff kann ein hartes Schicksal beugen, doch nicht brechen. Erst im Unglück zeigt sich dis ganze Größe ihres Gottvertrauens; an ihnen und durch sie richten sich die Verzagten und Schwachen wieder empor. — Weite Fernblicke eröffnet dieses Bild. Wie viele wanderten so in all den Jahrhunderten auf den ungezählten Leidensstraßen unseres Dulderstammes einer ungewissen Zukunft "ntgegen! Nie aber auch war Israel verwaist, nie haben ihm Führer gemangelt, die gleich diesem tapferen Greise ein leuchtendes Vorbild gaben. Dafür ein Beispiel für viele. Auch die ehrwürdige Bamberger Iudengemeinde sollte ins Eolus wandern. Schon steht die Leidensschar versammelt und harrt des Führers. Doch Rabbi Moses Menz schreibt unentwegt an einem religiösen Gutachten, das eine auswärtige Gemeinde von ihm erbeten hat. Wie aber die Glocken den Beginn der Schicksalsstunde verkünden und die Stimmen da draußen immer dringender nach dem Führer rufen, schließt Rabbi Menz mit der Entschuld' mbe dem Boten das Gutachten unvollendet übergeben mu,, der Erzbischof die Frist auch nicht um eine Stunde verlängern wolle29). Wenn auch die sentimentalen, anekdotenhaften Oppenheimschen Bilder aus dem jüdischen Familienleben, die im Zeitalter der „Gartenlaube" die Wände unserer Vorfahren zierten, dem heutigen Geschmack nicht mehr zusagen, so könnte ich mich doch nicht entschließen, ein Werk dieses Künstlers, die aus dem Jahre 1833 stammende „Heimkehr des Freiwilligen" unseren Schülern vorzuenthalten. Zweierlei verleiht diesem Bilde einen besonderen unterrichtlichen Wert: seine Beziehung zu Gabriel Rießer, dem „Rechtsanwalt der deutschen Juden", dem badische Glaubensgenossen dieses Kunstwerk als Ehrengeschenk stifteten, und das Motiv einer Schicksalswende im Leben der deutschen Juden, das dieses Gemälde in geistreicher Weise behandelt. Solche Wendepunkte in der Geschichte, wo Neues mit Altem ringt, sind im Unterricht immer sehr fruchtbringend. Welcher junge Mensch sähe nicht gern einem Kampfe zu und nähme nicht gern Partei! Dabei wird das Interesse mächtig angeregt, das Urteilsvermögen schärft sich durch Abwägung der Gründe und Gegengründe, und klare und starke Zu- und Abneigung erwächst, die den Willen bildet. — Wir erblicken auf unserm Bilde eine feiertäglich gekleidete Familie inmitten einer altjüdischen Häuslichkeit, welche die Sabbatlichter mit Glanz und religiöser Wärme erfüllen. In dieses patriarchalisch-friedliche Milieu bringt der junge Freiwillige, der soeben aus den Freiheitskriegen in die Arme der Seinen zurückgekehrt ist, eine gegensätzliche Rote. Zwar ist das Band, das ihn mit seiner Familie verbindet, durch die Trennung und die ausgestandenen Gefahren nur noch mehr gefestigt, aber seine Erlebnisse da draußen, von denen seine Narben, sein verwundeter Arm und seine Ehrenzeichen erzählen, haben sicher 29) Berliner: Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter. Berlin 1900, S. 124.