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Jüdische Schulzeitung · 1933-08-15 · 8 (15.8.1933) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
8 (15.8.1933)
Date
1933-08-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Jüdische Schulzeitung Nummer 8 wundorungswürdigeres leistete dieser Meister in der Erkennungsizene. Der Maler hat den Zeitpunkt gewählt, da Josef nach aufregendster Spannung die Morte gesprochen: ,Zch bin Josef, euer Bruder!" In aufwallendem Vrudcrgefiihl ist Josef von seinem Thronsitz seinem Lieblingsbruder entgegengeeilt, hat diesen, einen sonnigen Knaben, an sich gezogen, während das Kind mit lieblichem Lächeln zu ihm aufblickt und zärtlich die nackten Aermchen um die Schultern des vornehmen Bruders schlingt. Währenddessen ergreift der vorderste der vier in Niihrung und Verehrung hingesunkenen Bruder Josefs Rechte und bedeckt sie mit inbrünstigen Küssen. Mährend auf dieser Bildseite sich die Herzen gefunden haben, verharrt die stehende rechte Gruppe in abwartender Haltung: es sind die Schwankenden und Bestürzten, die Josefs unvermittelten Uebergang von anscheinend grausamer Berechnung zu überströmender Herzlichkeit noch nicht zu fassen vermögen, aber auch, von Scham. Reue und Furcht erfüllt, einer vollen Aussöhnung noch mißtrauen. Wie alle Personen dieses dramatischen Moments an der Handlung beteiligt sind, wie sich diese Anteilnahme nach Charakter und Temperament abstust, wie bei allein geistigen Reichtum dennoch eine einheitliche Eesamtwirkung erreicht ist — all das beweist, daß eine herzbewegende biblische Szene hier ihr würdiges Abbild gesunden hat, und wir wollen einem großen Künstler nicht nachtragen, daß er, dem biblischen Wortlaut zuwider, einen Fremden — in der P "son seines Mäzens — zum Zeugen der Handlung gemacht hat. In dem Lebenswerk Rembrandts bildet das Kasseler Gemälde „Jakob segnet seine Enkel" einen der Höhepunkte. Wir st?hen am Sterbelager des greifen Stammvaters. Mühsam hat sich der lebensmüde Patriarch aufgerichtet, um die Segenshandlung zu vollziehen. Fürsorglich hat man einen Pelz um die Schultern des fröstelnden Kranken gebreitet. Sanft bemüht sich der vornehme Sohn, um die Hand des Vaters auf das Haupt d j älteren der beiden Enkel zu legen. Doch der Stammvater hat in Ephraim den Würdigeren erkannt. Dieser, ein blonder K-:abe, empfängt in frommer Hingebung den unvermutet ihm zuteil werdenden Segen, während der schwarzäugige Manasse mit einem Anflug von Neid emporschnut. Aufs glücklichste hat d?r .Künstler die Familienszene durch Hinzunahme der Mutter bereichert: Asnath steht stillversunken da, ergebungsvoll dem Spruche des Schicksals lauschend, den der Ahnherr, ein Priester und Prophet, in diesem Augenblick verkündet. Doch es ist kein blind waltendes Schicksal, das nach Willkür und Laune entscheidet, denn Mienen und Haltung kennzeichnen Ephraim als den innerlich berufenen Empfänger des religiösen Vätererbes. Dem de'beren älteren Bruder wäre-der Segen eine Anweisung auf Macht und Besitz gewesen; dem jüngeren bedeutet er einen Zuwachs an innerem Reichtum. Das hat der bibel- und seelenkundige Meister hier sinnfällig zum Ausdruck gebracht. Eine eindrucksvolle Szene aus Israels Wüstenwanderung veranschaulicht uns Murillos berühmtes Gemälde „Moses erweckt den Quell". Tagelang ist das Volk in sengender Sonncnglut gewandert, ohne eine Wasserstelle zu finden. Immer unerträglicher wird der Durst, immer großer das Verlangen, der entsetzlichen Qual ein Ende zu bereiten. Da schlägt, wie wir in Exodus 17 lesen, Moses im Aufträge Gottes den Felsen, und in kräftigem Strahl strömt die lebenspendende Flüssigkeit hervor, aller Qual ein Ende bereitend. Moses, dessen hohe, ehrfurchtgebietende Gestalt sich von dem Felsen erhebt, hält noch den Stab im Arm, während seine Augen und seine gefalteten Hände dankbar zum Himmel gerichtet sind. Neben ihm steht der priesterliche Bruder, noch von Staunen und Niihrung über die gerade noch rechtzeitige göttliche Hilfe erfüllt. Wir hätten erwartet, daß die halbverdursteten Scharen, Sklaven ihrer unbeherrschten Triebe, eine wütenden Kamps um den Platz am Wasser ausf. hten würden. Statt dessen eitel Friede und freundliche Hilfsbereitschaft! Der Raum, für den das Dlld bestimmt war und allwo es sich heute noch befindet, die Kirche des Hospitals der Nächstenliebe in Sevilla, erforderte diese Rücksichtnahme. — Da erblicken wir auf unserm Bilde eine Mutter, die ihrem kleinen Kinde zu trinken gibt, während das dem Umsinken nahe ältere mit offenem Munde den Augenblick herbeisehnt, da auch seiner Not ein Ende bereitet werde. Wie stößt uns dagegen das unmütterliche Verhalten einer anderen Frau ab. die mit hastigen Zügen' trinkt, während das Kleine, das sie auf dem Arme trägt, begierig nach dem Becher greift! Aber kann wirklich eine jüdische Mutter so ihres Kindes vergessen? Sicher hat sie diesem das Gefäß mit Wasser gereicht, ehe sie es an die eigenen durstigen Lippen setzte, und gewiß tut sie gut daran, es einstweilen dem kleinen zu versagen — die Gräber der Lüsternheit sind eine nur zu ernste Mahnung! Auch den Tieren spendet der Wunderquell die ersehnte Labung. Und auch der Humor fehlt nicht in dem buntbewegten Treiben: von hohem Roß weist ein prächtiger kleiner Bursche, der schnell seine übermütige Laune wiedergefunden hat, mit dem Finger auf den Quell hin, dem alle die Rettung verdanken. — So weiß dieses volkstümliche Bild schon jüngeren Kindern vielerlei Unterhaltendes und Belehrendes zu erzählen, und dem Lehrer bietet es wertvolle Anknüpfungspunkte zu religiös-sittlicher Unterweisung. Haben wir mit unseren reiferen Schülern eingehend Moses' Leben und Lebenswerk behandelt, dann wandern wir mit ihnen zum Museum, um ihnen Michelangelos Mosesstatue in einer Nachbildung vor Augen zu führen. Daß niemals in Israel wieder eine Führerpcrsonlichkeit aufgestanden ist. die Moses gleichgekommen wäre, wird angesichts solch überragender Große begreiflich. Diesem leidenschaftlich bewegten sittlichen Heros trauen wir zu, eine Sklavenhorde zu einem Volk der Geschichte zusammenzuschmieden und diesem für alle Dauer das Gepräge seines Geistes aufzudriicken. Die Energie dieses Willensmenschen spannt alle Muskeln und Nerven der majestätischen Gestalt und verkörpert sich noch in den mythischen Hörnern, die einem mißverstandenen Vibelwort ihre Entstehung verdanken. Noch beherrscht er mühsam die innere Erregung; aber der zurückgestellte linke Fuß ist bereits leicht aufgesetzt, die große Zehe biegt sich, um vom Boden abzustoßen: im nächsten Augenblick wird der Gewaltige sich emporrecken, Flammenblitze schleudern und die Tafeln, die er an sich gepreßt hält, im Zorn über das fündige Volk zerschmettern. — Welche Wirkung selbst der steinerne Moses noch auf Juden der Knechtschaft auszuüben vermochte, zeigt uns der römische Schriftsteller Vnsari, der — übertreibend — berichtet, daß die Bewohner des römischen Ghetto allsabbatlich wie die Stare.nach der Kirche San Pietro in vincoli zogen, um dieses Mosesbild.anfzufuchen und anzubeten, nicht wie ein irdisch Ding, -sondern wie etwas Göttliches.-') — Wir könnten es begreifen, wenn die Schüler unter dem Eindruck dieses Kunsterlebnisses den Wunsch äußerten, mehr von den religiösen Schöpfungen dieses Meisters kennen zu lernen, „der uns wie ein zu spät gekommener Prophet anmutet und der nie großer und wahrer ist. als wo er Propheten und Gottesmännern das Besessene der eigenen Seele einflößen kann."-") Und nun zum Abschluß ein Bild größter Kontraste: Josef Israels' „Saul und David." Erschütternd die Gestalt dieses ruhelosen Königs, der sich auf zerwühltem Lgger schlaflos herumgewälzt hat und nun in halbaufgerichteter Stellung, den Kopf schwer auf die Rechte gestützt, die Linke wie gegen einen unsichtbaren Feind geballt, in düstere Leere starrt, Und hinter ihm der Speer! „Aber das ist nicht alles. Dazwischen spinnen sich seine Fäden, und ein Liebesfrtthling keimt auf, schüchtern, heimlich, Rieger-Dogelstein: Geschichte der Juden in Rom. Bd. 2. S. 122. Aschner: Die Kunst der Eemäldebetrachtung. S. 8.

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