Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1933-07-14 · 7 (14.7.1933) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
7 (14.7.1933)
Date
1933-07-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2825247-2825330-2825337--0742-2826374
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nürüiner 7 Jüdische Schul zeitung Daß der Lehrer'das häusliche Milieu kenne, ist bei Kindern aus armen Kreisen eine unerläßliche Forderung. Ob das Kind genügend Schlafraum hat, ob es ausreichend ernährt wird, ob es nicht durch häusliche oder gewerbliche Arbeit überlastet ist, das alles sind Dinge, über die der Lehrer unterrichtet sein mutz. Er mutz die Eltern kennen, mutz wissen, wie sie ihre Armut ertragen, ob sie trotzdem zufrieden sind oder ob sie das Kindschlecht behandeln, ob ihre Elternliebe gelitten hat unter dem wirtschaftlichen Druck, ob sie das Kind als lästig empfinden und demgemäß mürrisch und hart gegen es sind. Zn solchen Fällen kann die Lehrerpersönlichkeit die Eltern soweit beeinflussen, daß sie allmählich Freude über ihr Kind empfinden, daß -sie stolz werden auf seine Leistungen, daß sie interessiert sind an seinem Fortschritt. Es ist gewiß nicht immer leicht, einen derartigen Einfluß auf die Eltern zu gewinnen. Aber die wiederholte Rücksprache mit ihnen, die Fühlungnahme und Aufklärung in Elternabenden werden in den allermeisten Fällen ihre gute Wirkung nicht verfehlen. Der ernste Wille des Lehrers, den Kindern in der Schule an Liebe und Freude das zu ersetzen, was ihnen zu Hause daran abgeht, .seine steten Bemühungen um das Wohl seiner Kinder in und außerhalb der Schule werden nicht ohne Erfolg bleiben. In solchen Kindern den Wertwillen zu wecken, ihr Wollen auf das Gute und Schöne zu lenken, heißt, in arme Hütten Zufriedenheit tragen, in müde Seelen Lebensmut säen, heißt, eine Grundlage schaffen, auf der sich der innere Friede kommender Geschlechter aufbauen kann, trotz aller ungünstigen äußeren Umstände. Der Reichtum als Milieufaktor. Einen Milieufaktor, der.wohl heute mehr und mehr im Schwinden begriffen ist. stellt der Reichtum dar. Die Erhöhung der finanziellen Güter bedingt in fast allen Fällen eine Steigerung der Lebensansprüche. Andererseits geht den materiell hochgestellten Schichten häufig das Verständnis für die Rot der Mitmenschen ab. Das. was man niemals gekannt und an sich selbst erfahren hat, kann man auch niemals voll und ganz erfühlen und so kommt cs, daß der wirtschaftlich Leistungsfähige sich oftmals nicht in die Lage des bedrängten Mitmenschen hineinversetzen kann und sich diesem gegenüber häufig nicht in genügendem Maße hilfsbereit erweist. In Fällen, in denen Familien auf Generationen hindurch über großen materiellen Besitz verfügen, nimmt der Reichtum eine gewisse traditionelle Form an. Die luxuriöse Lebenshaltung wird zur selbstverständlichen Gewohnheit, sie geht vonstatten, ohne daß sich das ganze Denken darauf konzentriert. Dadurch bleiben noch Kräfte frei für Bildungsarbeit, während die sogenannten „neuen Neichen" oftmals ihre ganze Gedankenkraft auf Luxus und Vergnügen richten. Die Folgen für die Erziehung find klar. Kinder begüterter Eltern sind häufig anspruchsvoll, verwöhnt und egoistisch, in vielen Fällen auch selbstbewußt und nicht gewohnt, sich in andere einzufühlen. Gerade für solche Kinder ist die Schule ein Segen. Durch ihre uniformierende Erziehung arbeitet sie Selbstüberhebung und Verweichlichung entgegen. Die Kinder erkennen schon nach ganz kurzer Zeit, daß sie sich denselben Bedingungen zu unterziehen haben, daß sie dieselben Pflichten zu erfüllen haben, wie ihre .Altersgenossen aus den .ärmsten Bevölkerungsschichten. Die Schule muß in diesen Kindern die Ueberzeugung wachrufen, daß Eigentum verpflichtet. Hierzu bietet sich Gelegenheit in Fülle,! der Lehrer muß sie nur im rechten Augenblick zu ergreifen wissen. Von den Büchern und Spielen etwas herleihen zu einer'Klassen- * feier. aus der eigenen Sparkasse etwas opfern für die allgemeine Klassenkasse, um allen Kindern die Teilnahme an einem Ausflug oder einem sonstigen Vergnügen zu ermöglichen, andere Kinder mit nach Hause nehmen und ihnen auch die Freude an den Spielsachen, an dem Garten gönnen, das alles sind kleine Gelegenheiten, die die Hilfsbereitschaft dieser Kinder steigern und die Grundlage schaffen für die menschliche Annäherung aller Bevölkerungsschichten, über die persönlichen Interessen und Parteispaltungen hinaus. Das bürgerliche Milieu der heutigen Zeit: Heute ist das Milieu unserer Schulkinder mehr als je ökonomisch bestimmt. Die wirtschaftliche Depression hat ausnahmslos alle Schichten der Bevölkerung ersaßt. Schon die Kleinen wissen in der Schule allerhand über „die schlechten Zeiten" zu berichten. Daß der Lebensstandard allgemein gesenkt worden ist. ist erzieherisch durchaus nicht von Nachteil, sofern dem Kinde noch ausreichende Ernährungs- und Wachstumsbedingungen gesichert sind. Dagegen leidet das Kind psychisch unter der Nervosität der Eltern. 'Die Angst vor der Zukunft, die Ungewißheit der materiellen Verhältnisse, reibt die Eltern auf, zermürbt sie und raubt ihnen den Lebensmut und damit auch die frohe Zuversicht auf das Fortkommen ihrer Kinder. Haft, Unruhe und Sorge absorbieren die Kräfte der Eltern und schwächen ihre Erziehungskraft mehr und mehr. Die im Haufe herrschende Nervosität teilt sich dem Kinde mit, es erfährt oftmals eine ungerechte und nicht genügend individuelle Behandlung, die Elastizität der Eltern läßt nach — kurz, das Kind hat die zur Entfaltung seiner Kräfte erforderliche Ruhe nicht. An dieser, durch Zeitumstände bedingten Tatsache darf die Schule nicht einfach Vorbeigehen. Für jedes Versagen des Elternhauses in der Erziehung mutz die Schule eintreten mit doppelter Kraft. Wir müssen unsere Kinder noch stärker als sonst -auf die Arbeit konzentrieren, müssen sie zur Zielstrebigkeit erziehen und einen starken Wertwillen in.ihnen machrufen. Nur derjenige, dessen Streben ans das Gute und Geistige gerichtet ist, wird die zermürbende Zeit unbeschadet überdauern. Mehr als jemals muß die Schule heute den Schüler in seiner Totalität zu erfassen bestrebt sein, muß alle feine Funktionen harmonisch zu entwickeln suchen. Die Schule muß eine Pflanzstätte geistiger und ethischer Werte werden, eine Stätte der Kraftentfaltung, der harmonischen, organischen inneren Entwicklung. Mehr als sonst muß sie heute in Beziehung zum Elternhaus treten, muß die Eltern heranziehen zur Mitarbeit an dem seelischen und geistigen Ausbau ihrer Kinder. Sie muß den Eltern Gelegenheit geben zur Einsicht in die Schularbeit, mutz ihnen Feierstunden schaffen, in denen sie den Fortschritt und die Leistungen ihrer Kinder mit Freude wahrnehmen können. Die Folgerungen des Vorhandenseins außerschulischer Erziehungsmächte für die Schulerziehung: Zufamm'enfasseud läßt sich sagen: An keinem der vielen Miterzieher, die an der Charakterbildung unserer Kinder Mitarbeiten, an keiner die Seele beeinflussenden Kraft, darf die Schule achtlos Vorbeigehen. Alle muß sie zu erfassen suchen, alle in ihre Arbeit einbeziehen. Alle positiv aufbauenden Erziehungsmächte müssen der Schularbeit dienstbar gemacht werden, alle negativ zersetzenden muß sie abzuschwächen suchen. Je durchgreifender die Schularbeit ist, je größer und stärker der Wertwille ist, den sie in den Schülern erzeugt, desto schwächer wird die Wirkung aller negativen Einflüsse auf die Seele des Kindes fein, desto mehr werden schädliche Erziehungsmächte in ihrer Wirksamkeit abgefchwücht werden. Zwei Ziele muß die Schule verfolgen: Einmal die Miliengemeinfchaft, das heißt, die Einbeziehung aller Milieufaktoren in ihre Arbeit und zum zweiten die Erziehung der Kinder zu einem starken, wertbetonten Wollen. Aus drei Teilfaktoren gründet sich die Erziehung: Ans Pflege. Anpassung und Bildung. Das Ziel der Erziehung ist die Umformung dieser Komponente in Selbstpflege. Selbftanpasfung und Selbstbildung. Der Erfolg dieser Erziehungsarbeit wird be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.