Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 7 (14.7.1933)
- Date
- 1933-07-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kummer 7 ■ Jüdische Schulzeitung - Seite 3 als etwas Entseeltes auszufassen, als etwas, was man im Herzen verflucht und nur gezwungen verrichtet. Das Kind kennt meist die Arbeitsstätte gar nicht, da sich ja das ganze Tun der Eltern fern vom Hause abspielt. Es lernt den Beruf nicht kennen und schätzen, sondern nur den Lohn. So wird die Seele des Proletarierkindes frühzeitig erfüllt von Feindseligkeit gegen die Arbeit und von Mißtrauen gegen alle Menschen, die nicht seiner Klasse angehören. Zudem ist cs meist stark milieugefährdet. Die überwiegende Mehrzahl der Proletaricrkinder wächst in den Industriebezirken der Großstädte auf, in irgendeiner gemeinschaftslosen Mietskaserne. Häufig ist auch die Mutter tagsüber fern vom Haufe und die oftmals recht zahlreiche Kinderschar bleibt sich selbst überlassen. Die einzelnen Familienmitglieder sind nur noch durch lose Bande miteinander verknüpft. Den ganzen Tag über sind sie durch die Arbeit voneinander getrennt und auch am Abend sehen sie sich oft nur flüchtig, denn jeder von ihnen sucht den häuslichen Zuständen zu entfliehen und noch für einige Stunden im Großstadtleben untcrzutauchen. Durch diese Umstände kann sich natürlich im Proletarierkind keinerlei Heimatgefühl entwickeln. Auch seine räumliche Umgebung ist nicht dazu angetan, es zur Bodenständigkeit zu erziehen. Unter den Proketarierfamklien der Iudustriebezirke ist ein stetes Umherziehen. So wechselt die Umgebung des Proletarierkindes häufig, es wird des öfteren umgeschult, in der Mietskaserne Wechselt die Nachbarschaft, kurz, alles ist dazu angetan, das Kind niemals in einem heimatlichen Milieu zu verwurzeln. Häufig wird das Proletarierkind auch zur gewerblichen Arbeit herangezogen. Nicht selten nimmt es dabei körperlich Schaden durch Arbeitsüberlastung. Auch vom erzieherischen Standpunkt aus ist die Heranziehung des Kindes zur gewerblichen Arbeit nicht zu begrüßen. Die Schulleistungen solcher Kinder sind meist unbefriedigend, die Zeugnisse werden schlechter, die Stellenmöglichkeit nach der Schule dadurch erschwert und das Ende ist. daß sie schließlich als ungelernte Arbeiter irgendwo Unterkommen. Das Prolctnriatsgcfühl. Aus der wirtschaftlichen Lage und der sozialen Stellung erklärt sich die nüchterne Weltanschauung des Proletariers. Da feine Hauptsorge der Fristung des nackten Lebens gilt, reicht auch fein Jntereffenkreis über nüchterne, praktische und konkrete Dinge nicht hinaus. Der Arbeiter lebt dem Tage, der Minute, er kann sich auch geistig kaum mit Ewigkeitswerten befassen. Sein Gesichtskreis wird unter dem Druck der wirtschaftlichen Berhältnisse eng, er erliegt allmählich dem Stumpfsinn, sofern er sich nicht durch Revolte aus seiner Lage zu befreien sucht. Das Proletariatsgefühl charakterisiert Vusemann mit folgenden Worten: „In allem Erleben des Proletariats schwingt als Grundton das gefühlsmäßige Bewußtsein der ökonomischen und sozialen Unterlegenheit, mit dem sich ebenso gefühlsmäßig der Gedanke mischt, im Grunde zu besserem Los berechtigt zu fein. Unter dem Einfluß von Belehrung (Agitation) entwickelt sich ihre Einstellung zu klarerem Klnssenbewußtscin, in dem sich die Gefühle der Unlust wegen der zu ertragenden Nachteile, der Entrüstung über das in diesen Nachteilen enthaltene Unrecht, des Eigenwertes, die durch den Gedanken an die Klassenorganisation und an ihre Macht noch gesteigert werden, der Erbitterung über den Widerstand, den die bürgerliche Gesellschaft dem Proletariat entgegensetzt, mischen." (Vusemann: Pädagogische Milieukunde: Abschn. Das Milieu des proletarischen Kindes, S. 143.) Die Erziehung des Proletarierkindes. Das den unteren Schichten des Proletariats. angehörende Kind bringt alle Milieuschäden mit zur Schule und stellt an den Lehrer eine schwere Aufgabe. Getzeny zeichnet das traurige Milieu des Proletarierkindes folgendermaßen: „Das Familienleben ist grau und öde. Mißvergnügt und nicht selten streitend. Hausen die Menschen mehr notgedrungen als freiwillig zusammen. Besonders verhängnisvoll wirken sich auf das Familienleben die schlimmen Wohnungsverhältnisse aus. Es ist kein Wunder, daß in Familien, bei denen sich alles, was im Menschenleben überhaupt Vorkommen kann, von der Wiege bis zum Grabe, in einem Raum abspielen muß. daß hier kein frohes glückliches schönes Familienleben entstehen kann. In solcher Umgebung wächst das Proletarierkind auf. Vielfach ist es nicht freudig erwartet worden, sondern mit Sorgen, ja, mit fluchendem Ingrimm hat man seiner Geburt entgegengesehen. Gedrückt, verschüchtert, oder aus Reaktion gegen die Verhältnisse, frech und frühreif, wächst es heran und stellt natürlich den Erzieher in der Schule vor die schwersten Aufgaben." (Eetzeny: Das Proletarierkind und die Aufgabe feiner Bildung: Scholle April-. Heft 1029, S. 402.) Welcher Lehrer wollte nicht diesen Kindern das Leben erleichtern, ihnen wenigstens in der Schule eine Stätte der Freude schaffen? Er muß, um ihnen zu helfen, den Weg zu ihrem Herzen finden, ihre Liebe und ihr Vertrauen gewinnen. Er wird, -durch Uebertragung kleiner Aemter, ihr Selbstvertrauen stärken, ihr Verantwortungsgefühl erhöhen. In allen Kesinnungsfächern bietet sich Gelegenheit zur ethischen Beeinflussung, zur Erfüllung mit Iedalen. Beobachtungsgänge und Wanderungen werden ihr ästhetisches Gefühl verfeinern, Lebensmut und Lebensfreude erhöhen. Auf diese Weise kann die Schule die kommende-Generation erfüllen mit Werten, die den Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse zu mildern imstande sind, die das Leben reicher und tiefer und tragbarer gestalten. Sie kann und muß Mitarbeiten an der Entproletarisierung der Masse, an der Vildu"g eines neuen Volkes. Die Armut als Milieusaktor. Alle die Milieuschäden, die das Proletariat aufzuweisen hat, bringt die Armut in noch gesteigertem Maße. Der Proletarier lebt in materieller Unsicherheit — der Arme in der Gewißheit, daß sich seine Lage bis an sein Lebensende niemals bessern wird. Traurig und zermürbend fließt jeder Augenblick seines Lebens dahin, trostlos sind seine Aussichten für feine Nachkommenschaft. Ein unterernährtes, geschwächtes, müdes Geschlecht muß er heranziehen. Jedes Kind mehrt die Sorge und den Kummer der Eltern. Freudlos wachsen die Kinder heran, denn jede kleinste Freude kann nur mit Geld erkauft werden. Früh lernt das Kind die Härte des Verzichtenmüffens kennen, mit Resignation und oft wohl auch mit leisem Neid schaut es auf alle diejenigen, denen ein glücklicheres Los befchieden ist. Es gibt keine Organisation der Armen, die ihre Widerstandsfähigkeit durch Zusammenschluß und Klafsenkampf stärken würde. So sind sie denn verdammt, Hunger, Kälte, Krankheit und Elend in Einsamkeit zu ertragen. Das Leben dieser armen Kinder zu erleuchten, ist die unbedingte Pflicht eines jeden Erziehers. Gewiß, die Ausgabe ist nicht immer leicht, aber sie ist groß und heilig. Es gibt mannigfache Hindernisse — die Kinder aus ärmeren Vevölkerungsfchichten können oft schwer Ordnung halten, sie haben ja zu Hanse in der engen Wohnung kein Plätzchen, das ihnen und ihrer Arbeit gehört. Ihre Sauberkeit läßt oft zu wünschen übrig und gerade diesem Umstand haben sie es zu verdanken, daß sie von ihren Mitschülern gemieden werden. Zudem schließen sich gerade die ärmeren Kinder, oftmals schwer an, teils aus Schüchternheit, teils aus einem Gefühl der Unterlegenheit heraus. Daß bei armen Kindern die sittliche Gefährdung größer ist, ist einleuchtend. Not wirkt nicht veredelnd auf den Charakter eines Menschen.