Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 7 (14.7.1933)
- Date
- 1933-07-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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WA-.: - irf *T r-^ Y:£I Seite 2 Jüdische Schulzeitung Nummer 7 alle Eltern an der Erziehung ihrer Kinder interessiert sind, sind sie auch leicht zu bewegen, an der Schulerziehung tätigen Anteil zu nehmen, mit den Lehrkräften in nähere Fühlung zu treten und ihre Erziehungsarbeit nach Kräften zu unterstützen. Der Einfluß der Jugendbewegung auf die Charakterbildung der Jugendlichen: Im Pubertätsalter mehrt sich die geistige und seelische Kraft der Jugendlichen und ringt nach Ausdruck. Im Verein mit anderen in der gleichen Seelenlage sich Befindenden löst sich die psychische Spannung. In dem plötzlichen, übermäßig starken Anschwellen innerer Kräfte, in ihrem Ringen nach einer Gestalt, ist die psychologische Grundlage der Jugendbewegung zu suchen. Die helfende Wirkung der Jugendbewegung ist groß. Sie schart die Suchenden um ein Ziel, löst ihre Spannung durch eine Idee und entbindet ihre gestaltenden Kräfte. Erzieherisch ist die Jugendbewegung von nicht zu -unterschützendem Wert. Durch Wanderungen steigert sie Naturfreude, Energie und Disziplin der Jugendlichen und bildet ein natürliches Ventil gegen ein zu starkes Anwachsen der Erotik. Ihr sozialpädagogischer Einfluß ist von weit intensiverer Wirkung als der-der Schule. Trotzdem steht ein großer Teil der Eltern und Erzieher der Jugendbewegung mit innerer Abneigung gegenüber und sie suchen den Zeitpunkt, in dem das heranreisende Kind der Jugendbewegung beitritt, möglichst weit hinauszuschieben. Gewiß, das Kind entgleitet in diesem Filter mehr und mehr der schützenden Elternhand, es wird selbständiger in seinem Denken und Handeln und beginnt, seine eigenen Wege zu gehen. Aber früher oder später wird sich das Kind doch der Jugendbewegung anschließen, ob mit oder gegen unseren Willen. Ist es da nicht das Veste, wir führen es selbst derjenigen Bewegung zu, deren Programm mit unseren erzieherischen Absichten in Einklang steht? Und daß die Kinder sich allmählich der schützenden Elternhand zu entwinden suchen, mag für die Eltern anfänglich eine schmerzliche Erfahrung sein. Aber ist es nicht das Ziel der Erziehung, daß der Erzieher allmählich überflüssig werde, daß das Heranwachsende Geschlecht lerne, auf eigenen Füßen zu stehen? Mag die Jugend 'ihre Erfahrungen mit Leiden bezahlen — nur das, was mit Schmerzen errungen wurde, ist wertvoll, lebenskräftig und beständig. Der Einfluß der Politik auf die Charakterbildung. Eine gesteigerte Form der Jugendbewegung stellt die politische Organisation Jugendlicher da. Sie mag alle Forderungen der Jugendbewegung erfüllen — sie trägt jedoch ein dem Wesen der Jugend ursprünglich fremdes und nicht förderliches Moment herein: die Politik. Ist die Jugendbewegung eine zufammenschließende Kraft, die persönliches Ethos durch kollektive Moral stärkt, .so ist die politische Organisation eine spaltende Macht, die durch Schlagworte Halbwissen züchtet und durch Massensuggestion-die Selbständigkeit des Denkens und Handelns trübt. Der Zusammenschluß zu einer politischen Partei bedeutet immer eine Vereinigung zwecks Erhöhung der Macht zur Abwehr und zum Kampf. Jeder politischen Partei liegt also neben einem Ideal auch noch ein feindliches, aggressives Moment zugrunde: Das Wesen der Organisation verdeutlicht am klarsten Spranger in den Worten: „Alan-muß scharf unterscheiden zwischen organischen Formen des Zusammenlebens und Organisation. Die letztere trägt meist einen unorganischen Charakter: sie ist gemacht, nicht gewachsen; sie ist erdacht, nicht aus dem Drange geboren. Sie ruht auf Disziplin, nicht auf Trieb." (Eduard Spranger: Psychologie des Jugendalters, S. 227.) Der Jugendliche ist im allgemeinen noch nicht reif für politische Ideen. Er ist noch viel zu stark mit seinem eigenen Ich beschäftigt, als daß er sich für rein objektive Ideengehalte begeistern könnte. Zur Politik kommt er nur durch Wirkungen der Massensuggestion, die ihn elementar mitreißt und..ihn durch zündende Schlagworte für ihre Partei gewinnt. So kommt der heranreifendi?Schüler oft schon in eine politische Partei, der zu Liebe er sich Jndividualitätsbeschränkungen nuferlegt, während er noch im Stadium der größten Jndividualitätsentwicklung steht. Durch die frühzeitige politische Organisierung wird eine wertvolle psychische Entwicklungsstufe in ihrer Zeitdauer abgekürzt. Der größte Schaden wird der Jugend durch die verfrühte Politisierung zugefugt durch den Pnrteihaß, den manche politische Organisation heutzutage der Jugend einimpst. Dieser Haß erhöht die Aktivität der Jugend und macht sie zu.einem wichtigen politischen Faktor der Partei, die die Stoßkraft der Jugendlichen ausnützt und dabei ihre Seele vergiftet. Gegen die verfrühte politische Organisierung hat die Schule nur schwache Mittel in Händen. Sucht sie die Teilnahme der Schüler an politischen Bewegungen zu unterbinden, so fordert sie die Schüler zu Opposition heraus und bestärkt sie dadurch nur in ihren politischen Tendenzen. Das einzige, was sie gegen die Parteigängerei tun kann, ist, die Schüler innerlich voll zrc befriedigen, die Schule als ein Milieu zu schaffen, das den Kindern alles gibt, was sie brauchen, sie mit Ideen zu erfüllen, für die sie sich begeistern können, mit ihnen zu arbeiten, zu feiern und zu wandern — kurz, die Schule muß eine einheitliche harmonifche Welt für die Schüler bilden, in der sie all ihre Kräfte entfalten und betätigen können. Wirtschaftlich bedingte Milieuformen: 1. Das p r o l e t a r i s ch e Milieu. Neben die Milieufaktoren Heimat und Gemeinschaft tritt noch die wirtschaftliche Lage als ein Faktor, der geeignet ist, formend auf das Leben der im Erziehungsstadium Stehenden zu wirken. Wie stark das wirtschaftliche Moment den Charakter eines Menschen beeinflussen kann, ist aus einer Ueberzahl an Beispielen ersichtlich. Unsere Epoche seit der Nachkriegszeit zeigte in genügender Zahl Fälle, in denen sogar reife Menschen unter dem Einfluß plötzlich .eintretenden Reichtums ihre Ideale änderten, härter und egoistischer wurden und in denen umgekehrt unter dem Druck wirtschaftlicher Not Menschen den Halt verloren und zur Schuld kamen. Unsere Zeit bietet in reichstem Maß Gelegenheit, zu beobachten, wie stark wirtschaftliche Depression Leben, Erziehung und Entwicklung des Kindes beeinflussen kann. Unter allen ökonomisch bestimmten Milieuformen nimmt das proletarische Milieu eine besondere Stellung ein. Der Proletarier ist besonders .abhängig von der Konjunktur. Sinkt die Konjunktur, so verliert er als Erster seine Stellung. So fehlt dein Arbeiterftand —auch in wirtschaftlich normaleren Zeiten als der unsrigen — die ruhige Sicherheit anderer Stände. Die Folgen der Labilität seiner wirtschaftlichen Verhältnisse sind ein stetes Gefühl der Unruhe, das schließlich irr einem Mißtrauen gegenüber allen Menschen, die nicht, zu seiner Klasse gehören, gipfelt. Das Arbeitsverhältnis des Proletariers gleicht eigentlich mehr einem Tauschverhältnis. Er tauscht seine Arbeitsleistung gegen Lohn ein, ohne daß ihn die Arbeit irgendwie seelisch erfüllen würde. Besonders die Arbeit des ungelernten Arbeiters ist etwas Seelenloses, Stumpfsinniges, das seinen Träger zermürbt und ihn zur Ungeistigkeit verdammt. Gewiß, es gibt auch hier Ausnahmen. Im allgemeinen jedoch bildet nur die Notwendigkeit des Verdienenmüssens das Motiv zur Arbeit des Proletariers und diese Arbeit wird meist ohne innere Anteilnahme und Befriedigung erledigt. Schon frühzeitig teilt sich dem Proletarierkind diese Auffassung von der Arbeit mit. Es lernt nicht den Beruf des Vaters kennen, es weiß nur, daß der Vater irgendwohin zur Arbeit geht, daß er froh Ist, wenn er am Abend diese lästige Arbeit erledigt hat. Es lernt den Beruf des Vaters