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Jüdische Schulzeitung · 1933-06-15 · 6 (15.6.1933) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
6 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer l> an wertvollen literarischen Erzeugnissen geweckt werden. Lese- und Lcktürebücher bringen meist gutes Material, in eingestreuten Hpierstunden — wie Geburtstags-, Klassen- und Monatsfeiern — - bietet sich Gelegenheit zum Vorlesen wertvoller Kinder- bzw. Jugendlektüre. Auch der Film sollte dem Unterricht in weitestem Matzedienstbar gemacht werden. Kulturfilm, historischer und Lehrfilm sind von überaus.'bildendem Wert und haben das Interesse der Jugend aus ihrer Seite. Was' die sonstigen Jugend- und Kindervorstellungen anbelangt, so können sie sich selten von kitschigen und sensationellem Beiwerk völlig freimachen, und sie stehen dadurch dem Theater an Wert zurück. Die Grotzstadt bietet genügend Bildungsmöglichkeiten, die geeignet fein dürften, in der Jugend den gesunden Abscheu vor allem Widerlichen zu erzeugen, es kommt nur darauf an, die Jugend an diesen Bildungsmitteln zu interessieren und ihren Geschmack auf Wertvolles zu richten. Eemeinschaftsbedingte Milieuformen 1. Die Familie . Neben den heimats- und ortsbestimmten Milieuumständen erlebt das Kind noch andere, durch die Gemeinschaft bedingte. Diese gemeinschaftsbedingten Milieuformen üben eine um so stärkere Wirkung auf das Kind aus, als sie teilweise mnssensuggestiven Charakter annehmen. Die ursprünglichste und natürlichste Gemeinschaft, die das Kind erlebt, ist die Familie. Für das Kleinkind stellt sie zunächst eine triebmätzige Verbindung dar, in die es durch Geburt hineingestellt wird. Die ursprünglichen Erziehungskomponenten sind von seiten des Kindes Anlehnungsbedürfnis, Anpassungs- und Nachahmungstrieb, von seiten der Eltern das Bedürfnis, dem Kinde Liebe und Pflege angedeihen zu lassen. Dieses Pflegebedürfnis und die Elternliebe bieten allerdings durchaus keine Gewähr für die Nichtigkeit der Erziehung. Die Familie bildet neben der ursprünglichen triebmätzigen Gemeinschaft in manchen Fällen — wie etwa beim Kleingewerbler oder beim Kleinbauern — auch eine Ecwerbsgemeinschast. Als höchste Form der Familiengemcinschaft ist die seelisch-geistige Familiengemeinschaft anzusprechen, die uns in Familien mit geistigen Strebezielen, mit einheitlichem sittlichem Wertwillen, mit innerer Harmonie, entgegentritt. Das Kind gleicht sich im allgemeinen der in der Familie herrschenden Sinnesart an, teils aus innerer Ueberzcugung, teils durch milieusuggestive Wirkungen. Das Heranwachsende Kind steht der Familie häufig objektiv, in manchen Füllen sogar ablehnend gegenüber. In allen Fällen ist die Familie das erste soziale Milieu, in welches das Kind hincingestellt wird, der Ursprung seiner sozialen Gefühle, die erste Uebermittlerin einer gewissen Volkskultur. Busemann unterscheidet vier Faktoren, die für die gestaltende Wirkung des familialen Milieus ausschlaggebend sind: nämlich: 3. die Harmonie der Eltern. 2. das Verhältnis der Geschwister untereinander, 3. das Vorhandensein physisch gesunder Verhältnisse — wie Zeit, Raum, Geld, Gesundheit — und normale Geisteslage, und endlich 4. das Vorhandensein einer gestaltenden Energie bei Kindern und Eltern. Diese Faktoren sind unerlätzliche Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung des Kindes innerhalb der Familie. Auch die Stellung des Kindes innerhalb der Familie ist wesentlich für seine Charakterbildung. Das einzige Kind, das ohne Geschwister heranwächst, ist zu Hause auf die Gesellschaft der Erwachsenen angewiesen. Es fehlt ihm an munteren Spielgefährten, und so mischt es sich ein in die Unterhaltung der Erotzen, deren Interessen nun auch die seinen werden. Es wird frühreif, altklug, häufig vorlaut. Wird es von den Eltern aus deren Jnteresfenkreis und Unterhaltung zurückgewiesen, so fühlt es sich häufig innerlich vereinsamt, es erkennt immer mehr seine Unterlegenheit und seine Schwäche gegenüber den Erwachsenen. Die Folge davon sind mangelndes Selbstbewutztsein. Langeweile.. innere Unzufriedenheit, Willensschwäche, Nervosität und ein Hang zur Hysterie. Den Eltern dieser einzigen Kinder fehlt der Matzstah für tzfe Beuttejtgng iMtz ^rntzetz. WtüWel lie überschätzen dessen Leistungen und Anlagen und erziehen es mit zu großer Nachsicht in einer Art Affenliebe, oder aber sie behandeln es mit zu großer Strenge, in dem Glauben, das Kind müsse geistig und seelisch schon größere Ansprüche zu erfüllen imstande sein. Dazu tritt noch der Wunsch der Eltern, den einzigen Nachkommen zu möglichster Vervollkommnung zu bringen, ein übersteigerter Selbsterhaltungstrieb, unter dem das Kind oft bitter zu leiden hat. In der Mehrzahl der Fälle gehört das einzige Kind den wirtschaftlich bessergestellten Schichten der Bevölkerung an. In den Eltern ist häufig der Wunsch lebendig, dem einzigen Liebling ein materiell gesichertes Dasein zu schaffen, und in diesem Bestreben konzentrieren sie alle Gliicksgüter auf das Kind und züchten dadurch einen Egoismus in ihm, dessen soziale Entwicklung ohnehin durch sein isoliertes Dasein innerhalb der Familie stark erschwert und beengt erscheint. In allen Fällen ist die einseitige Konzentration der ganzen Elternliebe, all ihrer Sorgfalt und ihrer Fürsorge auf ein einziges Kind, eine für die Erziehung höchst unerfreuliche Tatsache. Sie raubt dem Kinde die Möglichkeit, sich in Ruhe seinen Anlagen entsprechend zu entwickeln, weil sie es unter ein Uebermaß des elterlichen Einflusses stellt. Dem einzigen Kind ist am nächsten das Letztkind zu vergleichen. Das Nesthäkchen, meist das Kind von Eltern in vorgerückteren Jahren, wird mehr von den Geschwistern als von den Eltern erzogen. Die Eltern sind, bis die Zeit zur Erziehung des späten Nachkömmlings herangerückt ist, meist in dem Alter, in dem die Energie nachlätzt. Das Letztkind hat wohl an den älteren Geschwistern ein Vorbild, aber es fehlen ihm die jüngeren Geschwister, die es zur Hilfsbereitschaft erziehen und Selbstzucht und aufopfernde Liebe von ihm fordern. So ist beim Letztkind die Korrekturmäglichkeit durch die jüngeren Geschwister nicht gegeben. Oftmals wird es auch von der älteren Geschwisterschar verwöhnt, in manchen Fällen wiederum wird es uou jedem einzelnen seiner Geschwister erzogen. Die günstigste Stellung innerhalb der Familie nimmt das Mittelkind ein. Die älteren Geschwister dienen ihm zum Vorbild. die jüngeren veranlassen es, seine sozialen Anlagen zu entwickeln. Auch das Selbstgefühl des Mittelkindes wird durch das Vorhandensein älterer und jüngerer Geschwister auf der richtigen Mitte gehalten. Jedenfalls beeinflußt die Geschwisterzahl die . Entwicklung e.ines Kindes in hohem Maße. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß auch das Kind aus sehr kinderreichen Familien nicht günstig gestellt ist. Hier spielen in erster Linie wirtschaftliche Gesichtspunkte eine Nolle. Wohnungsnot, wirtschaftliche Bedrängnis, Unterernährung. Mangel an Beaufsichtigung sind die häufigen Begleiterscheinungen großen Kinderreichtums. Dazu gesellen sich als Folge oftmals Krankheit und später noch die mangelnde Erwerbsmöglichkeit. Die hohe Kinderzahl bedingt oftmals eine größere Verwahrlosung, eine stärkere Degeneration. Mit dem Schuleintritt bessert sich die Lage des sehr geschwisterreichen Kindes insofern, als es wenigstens einen Teil des Tages des Wohnungsmangels enthoben ist und unter Beaufsichtigung steht. Im. allgemeinen läßt sich sagen, daß das Vorhandensein von Geschwistern erzieherisch von großem Wert ift. sofern die Kinderzahl in angemessenem Verhältnis zur wirtschaftlichen Lage der Eltern und zu deren Erziehungskraft steht. 2. Die Schule Neben die familiale Umgebung tritt nach den ersten Lebensjahren al'o nächstes geineiirfchastsbedingtes Milien die Schule. Hier erfährt das Kind zwei weitere soziale Beziehungen: Mlrschttler und Lehrer. Die erste Wirkung des Schulbesuchs besteht

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