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Jüdische Schulzeitung · 1933-06-15 · 6 (15.6.1933) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
6 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nummer 6 Seite 3 Jüdische Schulzeitung machen den Film geeignet zu einem lebenden. Lehrmittel, zu einer Unterstützung des Lehrvortrages. Bietet doch der Kultur- und Lehrfilm die Möglichkeit, fremde Länder, deren Menschen und ihre Lebensbcdiugungen kennen zu lernen. Der historische Film versetzt die Schüler auf ganz natürliche und organische Weise in eine zeitlich und räumlich weit entfernte Welt und bringt sie zur Einfühlung in deren fremdes Kolorit. Diese Vorzüge des Films werden allerdings nur von Schulen und von den gebildeten Schichten der Bevölkerung ausgenützt. Die große Masse zieht Kinostttcke sensationellen kitschigen Inhalts vor. Gläubig nimmt der Jugendliche, dem die Fähigkeit, Wahrscheinliches von Unwahrscheinlichem, Typisiertes von Allgemeinem, Künstliches von Natürlichem kritisch zu unterscheiden, das, was sich hier abspielt, hin. Im Kind wird das wirkliche Leben, wie Eürlis sagt, „verzeichnet". „Das gilt weniger von den Schicksalen, die geschildert werden, als von der Art der Milieuzeichnung. Das starke Ueberwiegen einer Menschenkaste, die nichts zu tun hat, als im Luxus zu leben, bringt den Jugendlichen unwillkürlich zur Verallgemeinerung und birgt die Gefahr der Bildung völlig falscher Vorstellungen in sich. Und hier ist der Film immer eindringlicher als das Buch, in welchem den jungen Menschen nur die Handlung interessiert, während ihn Zustandsschilderungen meist langweilen. Im Film dagegen wird ihm der Zustand gleichsam als optische Handlung überzeugend und ohne Mühe für ihn vor Augen geführt." (Eürlis: „Jugendliche und Film.") Was diese durch den Film vermittelten falschen Vorstellungen anbelangt, so werden sie durch die Erfahrung des Lebens von alleine berichtigt. Seelisch jedoch trägt der Jugendliche Schaden davon, denn das verzeichnete Milieu, das der Beschauer aus derartigen Kinostücken kennenlernt und das er irrtümlich für das wahre Leben der besser situierten Schichten hält, erweckt in ihm die Sehnsucht nach Wohlleben und Luxus und läßt ihn den Alltag als Ungerechtigkeit und Härte empfinden. Der Film ist so für den jugendlichen Beschauer ein schöner Traum, der ihn für Augenblicke seinem schweren Leben entrückt, der ihn aber andrerseits mit Bitterkeit und Unzufriedenheit mit seinem Los erfüllt und ihn mit Neid und Haß auf den wirtschaftlich besser gestellten Mitmenschen blicken läßt. Der Einfluß der Lektüre aus den Jugendlichen: Noch weit nachteiligere Folgen als das Kino kann die Lektüre zeitigen. Während die Zensur die Aufführung von Filmstücken verderblichen Inhalts unterbindet, vermag sie ihren Einfluß auf die verderbliche Jugendlektüre nicht mit solcher Nachdrücklichkeit auszuüüen. In Massen wird Schmutz- und Schundliteratur von gewissenlosen, geschäftstüchtigen Trödlern und Buchhändlern zweifelhaften Charakters an Jugendliche verabreicht. Bücher sensationell erotischen Inhalts erwecken in den jungen Lesern krankhafte, abnorm sexuelle Vorstellungen und Gelüste. Auch die Zeitungslektüre kann den Jugendlichen gefährlich werden. Schon das Heranwachsende Kind greift heute gerne nach der Zeitung. Besonders dem Knaben bietet sie täglich Neues und Interessantes. Nachrichten über Sport und Spiel, über Wettkämpse und Meisterschaften, Berichte über Spitzenleistungen auf technischem Gebiet haben das Interesse der Knaben auf ihrer Seite, während das Verständnis für politische Vorgänge eigentlich erst bei der schulentlassenen Jugend erwacht. Die Zeitung bewahrt die Jugend vor Weltfrculdheit. Sie erhöht ihr knltur- und weltgeschichtliches Wissen, unterrichtet ftc über zeitgemäße Vorgänge und bildet eine angenehme, ungezwungene und umfassende Lektüre. Psychologisch ist das Interesse der Jugend an der Zeitungslektüre dadurch zu verstehen. Die breite Masse liest die Zeitung, die von ihr behandelten Tagessragen bilden einen wesentlichen Teil dev allgemeinen geistigen Bestandes, von allen wird sie besprochen, sie bietet Stoff zum Familiengespräch am Abend, zur Unterhaltung im Wirtshaus und auf der Straße. So ist das Interesse an der Zeitungslektüre sowohl einzelpsychologisch als auch massenpsychologisch begründet. Neben den Werten birgt die Zeitungslektüre aber auch Gefahren. Sensationelle Nachrichten nehmen besonders in Provinz- und Kleinstadtblättern einen breiten Naum ein. Die ausführlichen Wiedergaben von Prozeßverläufen führen die Jugend ein in eine-Welt von Verbrechern und Anormalitäten aller Arten. Jugendliche Verbrecher werden in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses gerückt, ihre Verhältnisse in Einzelheiten geschildert und dadurch ihre Vergehungen dem menschlichen Verständnis nahegebracht. So sehr die Tatsache einer milden Beurteilung gerechtfertigt ist. so gefährlich ist es andererseits für die Jugend, daß Verbrechen und Verbrecherpsyche in aller Oeffentlichkeit breitgeschlagen werden. Die Liebe zum Guten äußert sich beim Jugendlichen im Abscheu vor dem Schlechten. Dieser Abscheu wird durch die tägliche Lektüre des kriminellen Teiles der Zeitung allmählich abgeschwächt, man beginnt; alles zu verstehen und verliert allmählich den strengen Maßstab für Gut und Schlecht. Auch Zeitschriften, insbesondere die illustrierten Hefte, sind zum Teil sehr dazu geeignet, falsche Werte in die jugendliche Psyche zu säen. Die Bilder vom Tage, mit denen die illustrierten Zeitungen ja zur Genüge ausgestattet sind, bringen zum überwiegenden Teil Abbildungen von Sportlern. Boxern. Fechtern und erzeugen in den Lesern eine Ueberbewcrtung körperlicher Tüchtigkeit und eine Unterbewertung geistiger und sittlicher Momente. Der in der Pubertät stehende Jugendliche, dessen Geltungsdrang oft ungeheuer stark ist. kommt zu der Einsicht, daß man auch mitunter durch Verbrechen und Anormalität eine von allen Menschen gekannte, von allen Zeitungen besprochene Persönlichkeit werden kann. Wieviele von den jugendlichen Vergehungen dieser Art von Geltungsbedürfnis und Zeitungslektiire zuzuschreiben sind, ist nicht abzusehen. Eine schwere Schuld lädt die Zeitung auch auf sich durch die falsche Interpretieruug von Schttlerselbstmorden. Die Zeitung bringt manchen Schüler zu der Ueberzeirgung, daß eine Nichtversetzung, ja, zuweilen sogar eine Schnlstrafe, durchaus berechtigte Motive zum Selbstmord bilden. Das Verschulden an diesen Selbstmorden wird der Schule und der Person des Lehrers zugeschrieben. Die Folge davon ist, daß ein immer größerer Teil der Schüler zu der Annahme neigt, daß die Lehrer grausam gegen die Kinder vorgehen, daß die Schule eine Härte sei, aus der man sich nur durch Flucht aus dem Leben retten könne. Mit keinem Wort aber macht die Presse ihre' junge Leserschaft auf die Tragweite einer solchen Tat aufmerksam. nirgends stellt sie fest, daß ein geistig normales und seelisch vollkommen gesundes Kind wegen vorübergehender Schwierigkeiten in der Schule nicht Hand an sich legt, daß ein solches Beginnen vielmehr als eine traurige Folge seelischer Ueberreizung angesprochen werden muß und daß die Wurzel des Uebels zumeist falsche Einstellung oder ungesunde Erziehung ist. Besondere Aufgaben der Großftadtschule Gegen alle diese Auswüchse moderner Kroßstadtkultnr hat die Schule nur ein Mittel in Händen: die Einbeziehung jener Erziehungsfaktoren in die Schularbeit, die Stärkung ihrer gesunden Wirkung, die intensive Ausnutzung ihrer positiven Kräfte, die naturnotwendig die Abschwächung der negativen, krankhaften und gefahrvollen Wirkungen zur Folge haben muß. Die Schule muß die Freude der Kinder an guter Lektüre erwecken, indem sie, soweit es im Bereich der Möglichkeit liegt, Kinder- und Jugendzeitschriften hält, die im Unterricht ausgewcrtct werden, sie muß die Zeitungslektüre in den Unterricht einbeziehen und so das Interesse auf die Lektüre wertvoller Artikel richten. Steht eine Schülerbibliothek zur Verfügung, so haben die Kinder von selbst gute Bücher in Händen. Auch wo die Mittel für eine Bibliothek nicht ausreichen, kann die Freude

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