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Jüdische Schulzeitung · 1933-06-15 · 6 (15.6.1933) · page 2

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Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
6 (15.6.1933)
Date
1933-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nummer G Jüdische S mittel — besonders diejenigen, die das Kleinlind zu. seinem Ausbau benötigt — sind zu kostspielig, als daß sie von'der Bevölkerung in genügenden Mengen' gelaust werden könnten. Insolgedessen ist der Ernährungszustand des Eroßstadtkindes durchschnittlich schlechter als der des Kleinstadtgder Landkindes. Geistig wird das Großstadtkind in steter Anregung gehalten. Am Fenster, auf der Straße, in der Einlage, überall stürmen Eindrücke in solcher Zahl und in solch raschem Wechsel auf es ein, daß, es keine Zeit hat, sie gründlich zu verarbeiten. Die Vielheit der Eindrücke bereichert zwar das Vorsiellungsleben des Kindes, aber sie verwirrt es auch. Durch ihre rasche Aufeinanderfolge rauben sie dem Kinde die Ruhe,' die ihm zur Klärung und Vertiefung der Einzelvorstellung notwendig wäre. Der Entwicklungsrhythmus des Kindes wird dadurch beschleunigt auf Kosten der Gründlichkeit. So erscheint uns das Grohstadtkind geweckter, intelligenter, redegewandter, vielseitiger, aber auch blasierter als das Landkind der gleichen Altersstufe. Im Gegensatz zu diesem vermag es mehr auszudrücken, als es in Wirklichkeit gründlich weiß. Während die Ausgabe des Landlehrers darin besteht, die Sprachkraft des Kindes so weit zu fördern, daß es seine Vorstellungen auch sprachlich zu gestalten vermag, stellt die Kroßstadtschule an den Lehrer die Forderung, der Sprache des Kindes konkrete Vorstellungsinhalte zugrunde zu legen. Diese Aufgabe wird der Schule durch die oberflächliche Umgebung des Großstadtkindes sehr erschwert. Das Kind ist nicht gewohnt, lange bei ein und demselben Gegenstand zu verweilen. Die Mannigfaltigkeit und das beschleunigte Tempo der auf das Kind einstürmenden Eindrücke erzeugen in diesem schon frühzeitig das Bedürfnis nach immer Neuem, Aufreizendem, Aufregendem, nach Dingen, die die Schule sowohl aus pädagogischen wie aus methodischen Gründen nicht immer zu bieten vermag, jj So lehnt das Kind häufig die Unterrichtsinhalte ab, weil sie ihm i nicht interessant und aufreizend genug erscheinen und wendet [ sich dem Leben der Großstadtumgebung zu, das ihm in jedem | Augenblick soviel Neues, Sensationelles und Aufregendes bietet, | als es nur zu fassen vermag. Das einzige Mittel, das die Großf stadtschule hat, um das Kind in ihren Bann zu ziehen, ist darum das Leben selbst. Das Großstadtkind verlangt von der Schule i viel Lebensnähe und Lebenswahrheit in Inhalt und Form des I Unterrichts. Das Leben mit seinen geistigen und technischen Errungenschaften muß in der Großstadt noch mehr als irgendwo sonst in den Mittelpunkt des Unterrichts treten, damit das Kind feiner Schule bejahend gegenüberstehe. Tews sagt einmal bezüglich der Großstadtschule: „Das Buch Schule hat nirgends so geringe Erfolge als in der Großstadt, weil das Buch des Lebens hier oft so unendlich reichhaltig ist." (Tews: „Die Erziehung des Großstadtkindes", Scholle Oktober 1025, S. 2b.) Vermag die Schule den Schüler nicht zu befriedigen, so tritt er häufig in offene Opposition, wird respektlos und kann nicht selten die \ Stellung der Schule und ihrer Lehrkräfte bei der ganzen Klnssengemeinschast untergraben. Wird doch dem Großstadtkind durch . Anschläge, Straßenplnkate. Aufrufe und nicht zuletzt durch die Reden politisch organisierter Erwachsener die Opposition als Beweis von Akut und Idealismus hingestellt. c.) Der Einfluß der Straße Die Eroßstadtstraße übt überhaupt auf das Kind einen starken ' Einfluß aus. Die Sehnsucht des Kindes gilt — wie Weimer sagt — nicht dem häuslichen Dach, sondern der Straße. (Weimer: | Haus und Leben als Erziehungsmächte.) Sie bietet dem Kind .eine Möglichkeit, seinen Erkenntnisdrang zu befriedigen. H er stürmt eine Fülle von Eindrücken auf es ein,.die ihm'um so interessanter sind, als sie in raschem Wechsel aufeinandersolgen, und durch ihre ständige Bewegung seinem, motorischen Bedürfnis Genüge leisten. Die Eroßstadtstraße ist für das Kind eine Lehrchulzeitung Meisterin ersten Ranges. Sie lehrt es nicht etwa Gründlichkeit, dazu läßt sie die Eindrücke in viel zu raschem Wechsel aufeinanderfolgen, aber sie bietet dem Auge und dem Ohr ständig Anregung. Durch ihren starken Verkehr zwingt sie das Kind zu dauerndem Aufmerken, zu raschem Ileberschauen, Beziehen und Schlußfolgern, zu schnellem und entschlossenem Handeln. Sie erzieht es zur Gewandtheit, zu raschem Erfaßen und Beherrschen der Situation. Die Großstadtstraße ist für das Kind kein Platz ' des Sich-Austobens. Sie beengt es in feiner körperlichen Bewegungsfreiheit. Da sie keinen Raum für das Spiel gewährt, muß sich das Kind auf einen anderen Zeitvertreib beschränken. So kommt es dazu, Anschläge, Aufrufe, Plakate zu lesen, Bekanntmachungen und Anlockungen sensationellen Inhalts. Ber-' gniigungsstätten 'preisen ihm ihre seichten Begebenheiten in auf- . gebauschter Form an, sinnenfällige Reklamen erwecken seine Begierde nach Luxusgegenständen und steigern seine Lebensansprüche weit über das Maß der Erfüllungsmöglichkeit hinaus. Der Abend erhöht den Reiz der Großstadtstraße, erhöht auch ihre Gefahren. Radio und Lichtreklame peitschen die Nerven der Jugend auf und lassen Vergnügungsstätten und Luxusauslagen in uoch begehrenswerterem Lichte erscheinen. Kino, Kaffeehaus, Tanzlokal und Variete füllen sich mit Menschen und erwecken das Sehnen der Jugend nach Lichterglanz und Sensation. Die Nacht zieht das Kind, dessen natürliches Bedürfnis am Abend Ruhe und Schlaf gelten sollte, in das wogende Getriebe der Straße. Sie reizt die Jugend, deren Nerven am Abend ohnedies erregter find, und treibt ihre Stimmungsskala auf ein ungesundes Hoch hinauf. Die Folge dieser seelischen tteberreizung ist zumindest Schlaflosigkeit und Nervosität, nicht selten aber treibl auch die Erregung die Jugend zu erotischer Handlung. d) Der Einfluß der Groß st adtvergnü g ungen a iif den Charakter der Jugend Auch den Vergnügungen, die dem Großstadtkind zugänglich sind, eignet das Moment des Unnatürlichen, Ungesunden, überspitzt Sensationellen. Man wirft dem Großstadtbewohner sehr zu Unrecht Mangel an Naturliebe vor. Das Sehnen nach den Schönheiten der freien Natur lebt gerade in ihm, der den Naturgenuß fast völlig entbehren muß, häufig sehr stark. Aber der Großstädter ist gewöhnt, Entfernungen mit der Bahn zu überbrücken, und so zieht er es auch des Sonntags vor, hinaus ins Freie zu fahren und sich dort auszuruhen, anstatt zu wandern. Der Genuß, im Wandern die stillen Schönheiten der Natur zu entdecken, durch Ueberwindung von Anstrengungen sich eine abgeschiedene Stelle, eine weite Fernsicht zu erobern, bleibt dem Kinde fremd. Wandern ist ihm gleichbedeutend mit Einkehren. In einem Gewimmel von lärmenden Menschen, an Plätzen, die jeder Art von Fahrzeugen zugänglich sind, verbringt das Großstadtkind im allgemeinen seine Sonntage. Nicht selten sitzt es auch bis spät am Abend im. dunstigen, rauchigen Bierlokal, zwischen trinkenden, lärmenden Erwachsenen, lauscht deren oft nicht gerade hochwertiger Unterhaltung und belustigt sich bei ihrem Kartenspiel. Auch bei Volksbelustigungen, die die Städte dem Publikum bieten, fehlt es nicht an aufreizenden Vorstellungen. Vergnügungsparks und Volksfeste ziehen die Massen durch Darbietungen sensationeller Ereignisse' und nervenaufpeitschender Vorstellungen an. Auch hier bringt der Abend die eigentlichen Höhepunkte des Festes, an dem auch Kinder und Jugendliche teilhaben müssen. Die größte Anziehung von allen Vergnügungsstätten und auch zugleich den stärksten Einfluß übt das Kino auf den Jugendlichen aus. Kein Wunder! Setzt doch der Film alles Zuständliche in Handlung um und kommt dadurch dem Aktionsbedürfnis der Jugend in weitestem Maße entgegen. Hier gibt es keine trockene lehrhafte Theorie, sondern nur Leben. Diese Faktoren

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