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Jüdische Schulzeitung · 1933-05-15 · 5 (15.5.1933) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
5 (15.5.1933)
Date
1933-05-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nummer 5 Jüdische Schulzeitung 'Seite 3 sozialen Gefühle sind heimatlich gefärbt. Ihre frühesten Ausdrucksformen find Mitleid und Mitfreude mit Mensch und Tier der Heimat. Auch dem sozialen Empfinden des reifen Menschen 'steht der Mitmensch der Heimat immer näher als der der Fremde. Im Heranwachsenden Kinde entwickeln sich als heimatliche Wertgefühle Heimatstolz und Heimatselbstgefühl, die heimatbezogenen Wertwillen und Zielstrebigkeit in ihrem Träger wach rufen. Das heimatliche Milieu l. Das ländliche Milieu n) Die räumliche Umgebung des Landkindes: Soweit das Landkind sich im Freien aufhalten kann, ist seine räumliche Umgebung günstiger als die des Stadtkindes. Frühzeitig lernt es die Natur kennen und schützen, stets hat es im Freien genügend Licht. Luft, Raum und Bewegungsfreiheit. Es erlebt von klein auf seine in sich geschlossene, natürliche Welt. Feld, Wiese und Stall gelten seine täglichen Besuche, hier lernt es Tiere und Tierliebe kennen, dort nimmt es die ersten Kennt-' nisse über Pflanze und Wachstum auf. Diese ungehinderte Bewegungsfreiheit. die dem Landkinde in der freien Natur zuteil wird, kann natürlich auch Nachteile zeitigen. Auf der Dorfstraße und im nahen Wald wissen sich die Kinder oft stundenlang unbeaufsichtigt, und so wird.der freie Tummelplatz nicht selten ein Ort gefährlicher Spiele, eine gute Gelegenheit zu erotischem Treiben. So günstig jedoch im allgemeinen das Landkind in bezug auf feine Umgebung im Freien gestellt ist, so ungünstig ist seine räumliche Umgebung im Hanse. Nicht selten findet man auf dem Lande enge, ungenügende Wohnungen, licht- und lustlose Zimmer, in denen eine vielköpfige Familie zu hausen gezwungen ist. Kein Wunder! Wird doch der günstigste und gesündeste Platz auf dem Hofe meist zunächst dem Vieh eingeräumt. Unter diesen schlechten Wohnungsverhültnissen leidet das Banernkind besonders im Winter. Wie soll es sich frei fühlen, wenn es. zusammen mit der oft vielköpfigen Familie, im engen, schlecht durchlüfteten Raum sitzt, in dem ihm und seinem Spiel auch nicht ein freies Eckchen gehört? Wie kann cs sich an Lebhaftigkeit des Ausdrucks gewöhnen, wenn es mit der ganzen Familie und mit dem Gesinde zusammen ist und die Erwachsenen die Unterhaltung beherrschen und jede Aeußernng des Kindes als lästig empfinden? Die häusliche Umgebung beeinflußt auch in hohem Maße die ästhetische Entwicklung des Landki'ndes. Das Bauernhaus stellt einen reinen Zweckbau dar, der. abgesehen von wenigen Gegenden, meist jedes schmückenden Beiwerks entbehrt. Auch im Innern des Bauernhauses finden sich heute nur noch die notwendigsten Möbel in roher Ausführung, daneben ist noch Raum für einige kitschige Figuren, und Nippfachen und ein paar sensationelle Bilder. Da das Landkind, im Gegensatz zum Stadtkind, keinerlei Gelegenheit hat, feinen Geschmack durch außerhalb des Hanfes liegende ästhetisch wirkende Bauten und Kunstwerke zu bereichern, findet cs meist keinerlei Beziehung zu künstlerischen und ästhetischen Werten. Und wie mit der bildenden Kunst, so steht es auch mit Musik und Bühnenkunst. tteber die minderwertige Musik in der Dorfschenke und einige wenige Wiedergaben durch billige Schallplatten reichen die musikalischen Darbietungen, die es kennen lernt, meist nicht hinaus. Noch schlechter ist es mit der darstellenden Kunst bestellt. Das einzige, was hier dem Dorfkinde geboten wird, ist die zumeist höchst zweifelhafte Kunst der Wander- und Schmierbühne. So wirkt die räumliche Umgebung des Landkindes einerseits günstig auf feine körperliche Bewegungsfreiheit, andererseits hemmend ans seine sprachliche Ausdrnckslebhaftigkeit. Während die freie Natur ihm manchmal zu viel Spielraum — auch für körperlich und sittlich gefährliches Treiben — gewährt» engt die . enge Bauernstube die kindliche Natur ein und macht das Kind scheu und schüchtern. ' b) Der Erzieher des Land lindes. Die Erziehung . des Landkindes liegt vorwiegend in den Händen der Eltern. Der Einfluß des Vaters ist hierbei meist größer als der der Mutter Der Vater gibt der bäuerlichen. Familie das Gepräge. Der Familiensinn ist beim Bauern ausgeprägter als bei vielen Schichten des Städters, z. B. beim städtischen Arbeiter. Der Familiengeist ist einheitlich und kaum Veränderungen unterworfen. In den meisten Fällen ergreift der Sohn den Beruf des Vaters, die Tochter erlernt die Arbeiten der Mutter. Die Erziehung zum Beruf fetzt schon beim Kleinkind ein. Infolgedessen bleibt sich das Erziehnngsideal durch Generationen hindurch gleich, es wird getragen vom Geschäftssinn des Bauern, der auch dem Kinde schon frühzeitig anerzogen wird. Da dieser Geschäftssinn keinen Raum für außerberufliche Interessengemeinschaften zulnßt, kommt der Bauer auch nur mit Leuten feines eigenen Standes zusammen. Durch diese ausschließliche Konzentration auf einen kleinen Jntereffenkreis entwickelt sich im Bauern jener starre Konservativismus, der alle Neuerungen ablehnt und dessen Folgen Engherzigkeit und Unduldsamkeit sind. Diese Abgeschlossenheit, in der das Banernkind aufwachst, verhindert zwar einerseits das Eindringen ungesunder Neuerungen, andererseits finden auch erstrebenswerte Neuerungen keinen Zugang. Dadurch wird dem Dorfkind' schon von Jugend au geistige Plumpheit, Unbeholsenheit und Schwerfälligkeit anerzogen, aus der es sich um so weniger Hernusreißen kann, als es ihm an Schwung und Begeisternngssähigkeit mangelt. Trotz dieser einseitigen Eiustettuttg auf die eigene Kaste fehlt dem Bauern meist das Gefühl der sozialen Znsammengehörigkeit. Der Bauer ist aus sich selbst gestellt, meist muß er henke überhaupt ohne fremde Hilfe durchkommen, und so erwächst naturgemäß in seiner Nachkommenschaft das Verautwortuugsbewußtfein für die selbständige eigene Arbeit, die Einstellungauf das Ich und den ganz kleinen Kreis der eigenen Erwerbsgemeinschaft, die die bäuerliche Familie darsteiit. Auf diese Weise wird im Banernkinde kein Verständnis für soziales Wirken erweckt. Soziale Ideen können ans dein Dorfe um so weniger Platz greifen, als die Masse und ihre psychologische Wirkung fehlt, c) Die Beschäftig u n g des L a n d k i n d e s. Da der Bauer nur geringer Mittel zur Bestreitung feines Haushaltes bedarf und nicht an große Ausgaben gewöhnt ist, neigt er zu einer Überschätzung des Geldes. Für Dinge, die feinem Dafürhalten nach unnötig find, gibt er kein Geld ans. Spielzeug kauft er seinen Kindern nicht. Er gewährt ihnen auch nur wenig Zeit zum Spielen. Schon das kleine Kind muß'bei der Arbeit in Feld und Stall mithelfen. Die wenige Freizeit, die ihm zur Verfügung steht, kann es auch nur schlecht mit Spielen ausnützen, denn es fehlt ihm an Spielzeug und zudem kennt es meist nur wenige Spiele. So verbringt das Landkind die Winter- und Regentage meist mit Nichtstun oder mit Kartenspiel, das es von den Erwachsenen erlernt hat. Die reiche Welt des Kinderspiels, mit ihrer Fülle der Phantafieanregung. das große Kinderglück, Erträumtes zu erleben, bleibt so dem Banernkind verschlossen. Seine Zeit ist mit „nutzbringenderen" Dingen ansgcsüllt. Zmn Arbeitsmenschen will der Bauer sein Kind erziehen und die Erziehung zur Arbeit geschieht bei ihm durch Arbeit. Schon frühzeitig lernt das Kind mit dem Arbeitsgerät umgehen, es fängt an. kleine Handreichungen zn verrichten und der Zunahme seiner Kraft entsprechend leistet es schließlich so viel, daß feine Hilfe nicht mehr entbehrt werden kann. <1) M i l i e u b e d i n g t e Wesenszüge des B a n e r n k i n d e s. Der Einheitlichkeit und Kraft des Milieus entsprechend, in dem.das Banernkind aufwächst, entwickeln sich in ihm bestimmte, typische Wesensziige. Da die Beschäftigung des Landlindes eine

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