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Jüdische Schulzeitung · 1933-05-15 · 5 (15.5.1933) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
5 (15.5.1933)
Date
1933-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Jüdische Schulzeitung Nummer r» aber wirkt gestaltend aus die geistige Struktur des Menschen ein. Jeder Einfluß auf die Geistigkeit eines Menschen ist aber' auch gleichzeitig ein erzieherischer Einfluß. Dem bildungsinteressierten Menschen sind geistige Werte Strebeziel. Geistige Strebcziele bedingen demnach seine Stellungnahme zum Leben/ seine Lebensführung. Bildung wirkt differenzierend auf das - Seelenleben des Menschen ein. Denken wir uns die Schulen, die ersten Bildungsvermittler, weg; die Menschen wären primitiver in ihrem Seelenleben, einfacher, unkomplizierter. Die Schule wirkt demnach schon allein in ihrer Eigenschaft als, BiUungsträger erziehend, indem sie das geistige Werden des Menschen beeinflußt. Erziehung des Kindes als Einzelwesen durch die Schule Die Schule übt jedoch in ihrer Eigenschaft als Bildungsvermittlerin nur den geringeren Teil ihres erziehenden Einflusses aus. Ihre gesellschaftserziehliche Wirkung einerseits und ihre individualisierende Erziehungstendenz andererseits verleihen ihr erst richtig den Charakter einer Erziehungsmacht. Die Schule erzieht das Kind als Einzelwesen zu Ordnung. Pflichttreue, Selbstbeherrschung, innerer und äußerer Disziplin, Zielstrebigkeit. Stetigkeit und Ausdauer im Handeln. Soziale Erziehung durch die Schule: Als soziales Wesen wird das Kind in der Schule erzogen zu Einordnung in die Gesellschaft, zur Unterordnung unter eine Autorität, zu Anerkennung und Kritik fremder Leistungen, zu altruistischem Denken und Handeln, zum Verzicht zugunsten des Nebenmenschen, zu Gemeinschaftsgeist. Freundschaft und Hilfsbereitschaft. Neben dem I ch bewußtsein erwacht durch den Einfluß der sozialen Erziehung der Schule das Du- und das Wirbewußtsein. Die Begrenztheit der Schulerziehung durch außerschulische Faktoren: Die Schule könnte auf dem Gebiet der Erziehung weit mehr leisten, wäre ihre Wirkung nicht so stark begrenzt durch mannigfache außerhalb ihres Gebietes liegende Faktoren. Im kleinen Schulneuling schon, der bei seinem Schuleintritt noch nicht völlig das Stadium des Kleinkindes überschritten hat, leben bereits Faktoren, die der Schulerziehung Grenzen setzen. Diese Faktoren können der Schulerziehung hemmend entgegentreten, sie können sie fördernd unterstützen, jedenfalls muß der Lehrer um ihr Vorhandensein wissen. er'Mttß sie beachten und sie, je nach der Notwendigkeit, auszubauen bzw. abzuschwächen suchen. a) V e r e r b u n g Das Kind ist nicht allein Eigenwesen, es ist in mehr oder minder hohem Maße Produkt der körperlichen, geistigen und seelischen Anlagen der Eltern und Vorfahren. Diese Erbmasse wirkt als wesentlicher Bestandteil im Kinde. Ihre Wirksamkeit ist desto größer, je stärker das Erbgut durch Tradition und Familicnbewußtsein betont und verankert ist und je zahlreicher die zurückliegenden Generationen sind, in denen dieselbe Erbmasse lebendig war. b) Anlagen Außer den vererbten Anlagen bringt das Kind noch eigene angeborene mit in die Schule. Zwischen vererbter und eigener Veranlagung läßt sich keine, scharfe Grenze ziehen. Während die Erbanlage durch ihre Verwurzelung im Familiengeist, durch häusliche Umgebung und Traditionsgeist in ihrer Wirksamkeit gestärkt wird, ist die angeborene eigene Anlage häufig schon von Natur aus so stark im Kinde ausgeprägt, daß sie sich von allein, oft trotz aller milieubedingter Widerstände, durchsetzt. Körperliche und geistige Anlagen sind nur geringer Veränderlichkeit durch die Schule unterworfen. Aus einem visuellen Typ wird niemals ein vorwiegend akustischer Typ werden, langsame Denker werden niemals eine rasche Auffassungsgabe „erlernen", phantasiearme Kinder sich niemals durch sehr originelle Einfälle auszeichnen. In der Schule können positive Anlagen nur gespeist und ausgebaut werden, latente Veranlagung kann gestärkt werden. Im allgemeinen leichter beeinflußbar ist die soziale Veranlagung des Kindes. Soweit keine ausgeprägte asoziale Veranlagung besteht, können alle Kinder im Laufe ihrer Schulzeit bei richtiger Gemeinschaftserziehung zu sozialer Gesinnung und Gemeinschaftsgeist erzogen werden. Die Begrenztheit der Schulerziehung durch außerschulische Erzichungsmächte: Streng genommen, sind Vererbung und Anlage keine Erziehungsmüchte, sondern nur Erziehungsfaktoren. Von weit gestaltenderer Wirkung auf das Leben und die Entwicklung des Kindes ist das Milieu. Nach Undset ist das Milieu stärker als die Abstammung. Das Milieu setzt sich aus zahlreichen Einzelfaktoren zusammen, die alle ihren Einfluß aus das Werden des Kindes ausüben. Dieser Einfluß kann desto nachhaltiger wirken, als das Milieu dauernd das Kind umgibt. Das heimatlich bedingte Milieu: ■a) Naturgegebene heimatliche M i l i e u f a k t o r e n. Schon die Heimatnatur, in die das Kind hineingeboren wird, beeinflußt sein Werden in hohem Maße. Der Körper des Kindes ist durch Nasse, Vererbung und klimatische Einslüsse heimatlich bestimmt. Sein intellektuelles Leben ist durchsetzt mit heimatlichen Anschauungen und Vorstellungen, die zum Teil das Produkt naturgegebener Faktoren darstellen. Der Küstenbewohner, dessen Blick der endlosen Weite begegnet und der der ewig wechselndem Stimmung über dem Wasser und der starken Brise ausgesetzt ist, wird ein anderes Naturell haben als der Aelpler. dessen Landschaftsbild durch.hohe Berge begrenzt ist und dessen Beschäftigung sich meist hoch oben auf den Bergen abspielt. Die reiche, farbenprächtige Vegetation des Südens wird auf das Kind einen anderen Einfluß ausüben als das spärliche Wachstum eines felsigen Bodens. Auch die klimatischen Verhältnisse spielen hierbei eine Nolle. Landschaftsstriche mit langandauernder warmer Jahreszeit erzeugen eine gehobenere Stimmungslage als besonders niederschlagsreiche Gegenden. Auch Bodenart und Jahreszeitenwechsel beeinflussen Stimmungsleben und Temperament des Bewohners. b) Kulturelle heimatli ch e M i l i e u f a k t o r e n : Nicht nur naturgegebene heimatliche Faktoren beeinflussen das geistige und seelische Leben; die Menschen einer Gegend mit ihrer heimatbestimmten Kultur beeinflussen und erziehen sich gegenseitig nach einer bestimmten Geistesrichtung. Je kleiner und in sich geschlossener das Heimatgebiet ist, desto stärker ist das Heimatbewußtsein und desto einheitlicher ist der Menschenschlag, der der betreffenden Gegend entstammt. Das Schwarzwälder-Kind wächst beispielsweise durch seine Sprache und Mundart, durch die es umgebenden Sitten und Gebräuche in eine andere Kulturwelt hinein wie das Kind des niederdeutschen Dorf- und Kleinstadtbewohners. An heimatbetonten Märchen- und Sagenstoffen, an Volksliedern und Sprichwörtern lernt das Kind Weisheiten und Lebenserfahrungen seiner Ahnen kennen, die wiederum aus dem Erfahrungskreis des Landstrichs, auf dem sie lebten, schöpften. Bauweise und Tracht der Heimat dienen dem Kind als ästhetische Maßstübe. Auch das Gefühlsleben des Menschen ist bis zu einem gewissen Grade heimatbezogen. Nach Huth ist der Grundzug dieser emotionalen Seite des Heimaterlebnisses das Gefühl der inneren Uebereinstimmung der eigenen Persönlichkeit mit der heiniatlichen Umwelt. Dieses Gefühl der inneren Kongruenz mit der Heimat ist bereits sehr früh im Kinde entwickelt; schon das kleine Kind leidet oft stark unter dem Heimweh, sobald es aus der heimatlichen Umgebung verpflanzt wird. Alle Wertgefühle ' entwickeln sich zunächst an der heimatlichen Umgebung. Auch die

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