Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 5 (15.5.1933)
- Date
- 1933-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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9. Jahrgang Aummer 5 Monaisschrifi für Pädagogik und Schulpolitik Wim. Herausgegeben vom „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" Die „Jüd. Schulzeilung" erscheint um.den lü. einesjedenMonalsundwirdallen Mitgliedern der dem „Reichsverband der jüdischen Lehrervereine" angeschlossenen Vereine kostenlos zu-- gestellt. — Post - Bezugspreis für Nichtmitglieder: Mk. 1.20 pro Quartal. Hamburg, 15. Mai 1933 Druck, Vertag und Geschäftsstelle: M. Letzmann, Hamburg, ABC-Straße 57. Fernruf: Sammelnummer Hamburg 340737 Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. Steinhardt -Magdeburg, für den Inseratenteil: L.K nu d se n, Hamburg. Anzeigenpreis 40 für die Kgespaltene Nonpareille-Zeile. I n h a l t d i e s e r N u m m e r: Bor neuen Aufgaben — Das Gebot der Stunde. Worin besteht das Wesen einer Erziehungsmacht? VonCl.K. Neuerscheinungen aus dem Gebiete der Psychologie und ihrer Grenzwissenschaften von M. Simon. Literarisches. Bei der Schriftleitung eingegangene Bücher. Notizen. Aus dem Lehreroerbande. Vor neuen Ausgaben — Dar Gebot der Stunde 3m.32. Kapitel des Buches Ieremia erzählt uns der Prophet eine gar bedeutsame Begebenheit. Das Heer der Babylonier belagerte Jerusalem, und die Stadt schien unrettbar dem Verderben geweiht. Ieremia befand sich in Gewahrsam, wohin der König ihn hatte bringen lassen. Dort kam ein naher Verwandter zu ihm und ersuchte ihn, ihm einen Acker in Anatot abzukaufen, wozu er als nächster Verwandter das Recht und zugleich auch die Pflicht habe. Einen Augenblick mochte der Prophet wohl schwanken, da aber vernahm er Gottes Stimme, die ihm kündete: „Kaufe das Feld." Er kaufte es, wog dem Verkäufer sorgfältig das Silber des Kaufpreises ab, stellte eine Kaufurkilnde aus und gab seinem Schreiber Varuch den Auftrag, diese gar sorgfältig nufzubewahren. „Denn also spricht der Ewige der Heerscharen, der Gott Israels", fo fügte er hinzu, „wieder werden Häuser und Felder und Weinberge in diesem Lande gekauft werden." — Aber als der Prophet dann mit sich allein war, da schrie er mit wehem und wundem Herzen zu Gott: „Siche, die Bollwerke sind schon bis an die Stadt gekommen, sie. einzunehmen, und die Stadt wird in die Hand der Ehaldäer gegeben werden — und dennoch sprachst du zu mir, o Gott, kaufe dir das Feld um Silber und bestelle Zeugen, obwohl doch die Stadt in die Hand der Chaldäer gegeben wird." Das Wort des Ewigen aber ward dem Propheten also: „Ich bin der Ewige, der Gott alles Fleisches, ist irgendein Ding für mich unmöglich?" — In einer ähnlichen Situation wie damals das Volk Juda befindet sich heute die deutsche Iudenheit. Sie ist von allen Seiten bedroht, die Existenzmöglichkeit soll ihr abgegraben werden. Nicht wenige werfen verzagt die Flinte ins Korn; an die Führer aber ergeht das Wort Gottes wie an Ieremia: Kaufe dir einen Acker, wieder werden Häuser und Felder und Weinberge in diesem Lande gekauft werden. Wollen wir das Gleichnis in die Wirklichkeit übertragen, so würde das Mahnwort lauten: Verzweifelt nicht, denkt an die Zukunft, die ihr neu aufbauen müßt! Und was für Ieremia der Kauf des Ackers bedeutete; das bedeutet für uns: Schafft jüdische Schulen! Die alte Parole, für welche wir in unseren Organen seit einem Menschenalter kämpfen, sie gewinnt heute eine neue Vedeutuug. Die jüdischen Kroßgcmernden müssen heute, ob sie wollen oder nicht, die Errichtung jüdischer Schulen sich zur Aufgabe machen, sie bedeutet die Lebensfrage für die Erhaltung der deutschen Iudenheit, wenn auch die Frage, ob nur Volks-, oder auch höhere Schulen, dazu letztere etwa in größerer Zahl, noch einer sorgfältigen Prüfung bedarf. Wir wollen unseren Gemeinden helfen, diese ihre grosse Aufgabe zu erfüllen, wollen als Führer ihr oorangehen. Rach dieser Richtung werden auch unsere beiden Organe eine Umstellung erfahren. Die jüdische Schule, ihre Erhaltung, ihren Auf- und Ausbau müssen wir in den Vordergrund unserer Diskussionen stellen. Nicht minder freilich wird auch die Frage immer wieder zu erörtern sein: Was wird aus den kleinen Gemeinden, die keinen Kultusbeamten mehr zu erhalten vermögen, und was wird aus den Kultusbeamten, die durch die Auflösung der Gemeinden existenzlos werden? Unser Stand und unsere Organisation hat damit eine neue Bedeutung gewonnen, und ihr wollen wir in unseren Organen gerecht werden; in ihnen müssen wir unablässig in kurzen, klaren Worten der deutschen Iudenheit Richtung und Wege zu einer zeitgemäßen Erziehung der Jugend zeigen, und zur Mitarbeit hierzu rufen wir die Lehrerwelt auf. An unsere Kollegen ergeht daher der Ruf: Schließt eng die Reihen, jeder trage nach seinen geistigen und materiellen Kräften zur Erhaltung des Ganzen bei. Eine kleine Einschränkung mögen uns die Kollegen gewähren: Es stehen sowohl für die Schulzeitung, wie für die „Blätter für Erziehung und Unterricht" noch einige Aufsätze in Druck, die unter anderen Voraussetzungen niedergeschrieben worden sind, und die ohne größere materielle Einbuße nicht abgefetzt werden können. In wenigen Wochen aber werden unsere beiden Organe unserem neuen Programm in jeder Hinsicht gerecht werden. Die Schristleitung der „Jüdischen Schulzeitung". M. S t e i n h a r d t. Worin besteht das Wesen einer Erziehungsmacht? Von El. K. Bevor wir an die Aufgabe herantreten, die Erziehungsmächte, die das leibliche, geistige, seelische und sittliche Werden des Menschen beeinflussen, zu überprüfen, beschäftigt uns eine Grundfrage: Worin besteht das Wesen einer Erziehungsmacht? Als Erziehungsmächte können wir alle diejenigen Faktoren bezeichnen. die, von außen kommend, als gestaltende Kräfte in das Leben des im Erziehungsstadium stehenden Menschen eingreisen. Je nachdem, ob dieses Eingreifen positiv aufbauend oder negativ zersetzend wirkt, unterscheiden wir positive und negative Erziehungsmächte. Allen Erziehungsmächten gleich eignet das Moment der gestaltenden Wirkung. Inwiefern ist die Schule eine Erziehungsmacht? E r z i e h u n g d u r ch D i l d u n g Es bleibt nun zu untersuchen, inwiefern die Schule eine Erziehungsmacht darstellt. Schon von alters her galt das erste Bestreben der Schule der Vermittlung von Bildung. Bildung