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Jüdische Schulzeitung · 1933-04-13 · 4 (13.4.1933) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
4 (13.4.1933)
Date
1933-04-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Schulzeitung Nummer 4 Mit hoher staete ist si bedaht, ir licht viur löschet niht in naht,' ir hohe?, lop wol mit der meisten menge vert. Es ist auch Hier nicht das bezeichnende, datz eine Stelle deutlich an die in den Kreisen der Fahrenden populären Sprüche Salomos erinnert: ir lieht vinr löschet niht in naht (das Ursprüngliche wird wohl das entsprechendere und rhythmisch bessere ir lieht virleschet niht in naht gewesen sein), stimmt zu Proo. 31. 18, wo allerdings das Licht der unermüdlich tätigen Frau im wirklichen Sinne genommen ist. während es hier anders gedeutet werden muh. Viel wichtiger ist. das; hier die jüdische Anschauung von der hingebungsvollen Verehrung der Ehefrau zutage tritt. Nicht die religiös verklärte altgermanische Schätzung der Jungfrau, nicht die Verstiegenheit des modischen Minnedienstes mit seiner inneren Unwahrhaftigkeit, auch nicht jene volkstümlich derbe Anschauung, in der das Ehethema zumeist bis an die Grenze des Burlesken von Fahrenden behandelt wird. Eine uralte Tradition, die schon aus den Erzvätergeschichten der Bibel heroorleuchtet. hat im Judentum eine Familienkultur begründet. in der z. B. eine Aeutzerung aus der gewiß doch von leidenschaftlicher Liebe erfüllten Ehe von Siegfried und Kriemhild: outh hat er so zerblouwen darumbe mincn lip (Kriemhild im Nibelungenlied, Lachmann S:>7), eine Unmöglichkeit wäre. Da ist es nun gar nicht zu verwundern, wenn Sützkind in der Formensprache seiner Zeit zusammentrifft mit Neinmar von Zweier, der die Verehrung — der Mutter Gottes als vorbildliche Minne mit folgenden Wendungen äußert (ich stelle die Sätze in der Reihe unseres Gedichtes zusammen):, si ist reine, si muotet niht wan r eines, er-saelic man, dem si gewinket eines... du unt din sun, des heiles ihr. sint unser schirm vor siinden unt vor schänden ... si ist alles wandeis fri... du erliuhtest vinster naht, als si mit sun neu si betagt... (Neinmar von Zweier, Herausgegeben von NoetHe, 420 f.) In der dritten Strophe zeigt sich Sützkind als Apologet der Judenheit. nur wenig getärnt durch die bildliche Verwendung des alten Fabelmotivs der Wolfsklage: Ein wolf vil jaemerlichcn sprach: wa sol ich nu beliben? sit ich dur mines libes nar muoz wesen in der ahte; dar zuo so bin ich geborn, diu schult diun’ ist niht min. Vil manic man hat guot gemach, den man siht valscheit triben und guot gewinnen 'offenbar mit siindeklicher trabte, der tuot wirser vil, dan ob ich naem ein genselin. Jan hab ich niht des goldes rot zc gebene umb mine spise, des muoz ich rouben uf den lip durch hungers not, der vulsch’ in siucr wise ist schedelicher vil, dun ich, unt wil unschuldik sin. Da den Juden das Zinsnehmen aufgezwungen ist und keine andere Erwerbsmöglichkeit besteht, erscheinen die Geldgeschäfte der Inden weniger verwerflich als das Mündliche Treiben vieler Leute (vil manic man) in der Vermehrung des Besitzes. — Die Herren werden ihn verstanden haben. — Datz Gedanken dieser Art Sützkind bewegen, zeigt auch eine andere Strophe, in der er weltkundig äutzert. datz Tugend oft nur ein erzwungenes Nichtanderskönnen sei. Hier hebt er ausdrücklich hervor: so mancher möchte Zinsen nehmen — daz lieze er niht (lur .got, noch dur der liute vluoch —. wenn er -nur genügend Kapital hätte! Datz er selbst sich nicht gegen den Vorwurf des Wuchers zu verteidigen braucht, ist einleuchtend. Ileber seine Armut, seinen Mangel an Kleidung und Nahrung für die Familie klagt er beweglich. Eine Strophe, die die Neichen ermahnt. Verständnis und Mitgefühl den Armen entgegenzubringen. schlietzt mit den bitteren Worten: bete nieinan ze arm übten pfiiht, der riehen richtuom waer ein wiht; wer solt dan dienen, ob der arme waere niht? guot was ie daz haste, daz man den sak damit verbünde. Sützkind gehörte zu jener vornehmsten Gruppe der Fahrenden, die Dichter, Komponisten und Rezitatoren ihrer eigenen Sprüche waren. Gern möchten wir uns ein Bild seiner Persönlichkeit machen, aber Sicheres können wir da kaum feststellen. Er wird in seinem üutzeren Gehaben sich nicht wesentlich von seinen Standesgenossen unterschieden haben („So ganz' Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht"), und wenn er in diesen Kreisen als Gleichberechtigter auftreten konnte, so mag man annehmen, datz er in einer Gegend wirkte, in der der Iudenhatz noch zurückgedrängt wurde. Es gab immer solche Oasen des Friedens. Aber, wie wir gesehen haben, hatte er doch auch Anlatz, seine Brüder zu verteidigen. Er erscheint uns als ein ernster, vornehm denkender Mann von grotzer Innerlichkeit. Eine humoristische Zeile finden wir nicht bei ihm. NoetHe (Neinmar von Zweter. S. 335) sagt zwar in seiner Weise: „Der Jude Sützkind witzelt" in seinem Adelsspruche, — wenn sich mit dein Adel Untugenden verbinden, da mac daz ad elkleit wol werden z’cinem h a d e I — aber das ist doch nur ein Wortspiel, wie ähnliche NoetHe selbst bei anderen Fahrenden nachweist. Eewitz ist die Tatsache, datz ein jüdischer Spruchdichter, ausgerüstet mit der künstlerischen Bildung seiner Zeit, an den Höfen des Adels wirken konnte, besonders k it l t u r h i st o r i s ch interessant. Demgegenüber ist die literarische Bedeutung Sützkinds wirklich von geringerem Belang. Seine Gedichte, von denen freilich nur eine kleine Auswahl uns überliefert ist. sind literarisch nicht so wertvoll, datz wir berechtigt wären, ihn an die Seite der Großen Walther und Wolfram zu stellen. Aber doch dürfte er mutatis inutandis das Goethe-Wort auf sich anwenden: „Honteride zu sein, auch nur als letzter, ist schön!" Neuerscheinungen in der psychotherapeutischen Literatur Von Bezirksrabbiner Dr. Ernst Steckelmacher. Bad Dürkheim. Nicht nur der Arzt, sondern auch die im Seelsorge- und Lehrberuf Stehenden bringen heute großes Interesse den Neuerscheinungen in der psychotherapeutischen Literatur entgegen, weil es heute eine durchaus feststehende Tatsache ist. über die nicht mehr diskutiert werden mutz, datz Arzt, Seelsorger und Lehrer bezw. Erzieher bei Fehlentwicklungen. Nettrosen Zusammenarbeiten müssen. %if einige sehr beachtenswerte Neuerscheinungen sei in Folgendem hingewiesen: Eine sehr anregende und auffallende Schrift hat N lt d o l f Allers geschrieben: Das Werden der sittlichen Person. Wesen und Erziehung des Charakters. (Verlag Herder & Co. in Freiburg, 1930.) Die Ergebnisse der Jndividualpsychologie Adlers macht sich Allers mit geringen Abbiegungen zu eigen. Da, wo er auf Weltanschauliches bezw. die katholische Lehre zurückgreift, können wir ihm nicht zustimmen. Doch begegnen wir auch hier Darlegungen.

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