Mannheim
Compact Memory

Jüdische Schulzeitung · 1933-03-15 · 3 (15.3.1933) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Schulzeitung
Volume
9 (1933)
Issue
3 (15.3.1933)
Date
1933-03-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2825247-2825330-2825333--0708-2826336
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Jüdische Schulzeitung Nummer 3 lichkeiten über unsere jüdischen Kinder und bringt ihnen zwei große Gefahren. 'Die eine besteht darin, daß die Kinder irre werden an ihrer Religion, an ihrer Gemeinschaft, an sich selbst. Ein echtes Liebesgefühl, zurückgewiesen, schafft zunächst Minderwertigkeitsgefühl, das bis' zum Selbsthaß ausarten und, Todestendenzen freimachend, zum Freitod führen kann. Jakob Waffermann, der in feinem Erinnerungsbuch „Mein Weg als Deutscher und Jude" erzählt, wie die miserable Beschaffenheit des von ihm erfahrenen jüdischen Religionsunterrichts ihn dazu gebracht habe, an der Tür des benachbarten Zimmers dem katholischen Religionsunterricht zu lauschen, und sehnsuchtsvolle Wünsche, an diesem teilzunehmen, in ihm geweckt habe, erinnert sich gewiß nicht mehr, mit welchem von seiner Umwelt, vielleicht sogar von der Familie, in ihm geförderten Vorurteil, um nicht zu sagen: Widerwillen er schon in den Religionsunterricht gekommen ist: ob nicht insbesondere der Wunsch, eine gefühlte Distanzierung zunichte zu machen, in ihm eine — unbewußte — Feindseligkeit, d. h. Abwehr- und Verdrängungstendenz gegenüber jüdischen Dingen, geboren hat, die ihn auch für einen interessanten Stoff und dessen interessante Darbietung mehr oder weniger unempfänglich machen mußte. Mit aller Ehrerbietung vor dem großen Dichter fei auch die Vermutung ausgesprochen, daß wir es nur einer starken Enttäuschung seiner Liebe zum Christentum, vornehmlich durch praktische Erfahrungen mit der christlichen Liebe, verdanken, daß er nicht nur äußerlich unser geblieben, sondern innerlich unser geworden ist. Bei Otto Weininger, dem begabten Philosophen, ist die Sache nicht so gut ausgegangen. Bei ihm ist die Selbstentmutigung weitgeyend bis zum Selbsthah gediehen, dessen beredtes Zeugnis sein Buch „Geschlecht und Charakter" ist. Er tritt ungefähr mit Beendigung des Buches zum Christentum über und — erschießt sich ein Jahr darauf, 23jährig (im Sterbehause Beethovens!). — Reben dieser Gefahr des Irrewerdens an der Gemeinschaft und an sich droht, gleich gefährlich, die des Haffes gegen die Umgebung, die solches Leiden verhängt, und wir stehen alle aus dem Standpunkt, daß wir ihn, soviel wir und unsere Kinder auch zu leiden haben mögen, unter keinen Umstünden dulden dürfen. Apologetik schlechthin gegen das eine, Besinnung auf jüdische Menschenliebe gegen das andere werden unumgänglich sein, aber ohne psychoanalytische Methode keinen vollen Erfolg erzielen. Es gilt nämlich, die Gefahren des Minderwertigkeitskomplexes durch Mobilmachung des Vaterkomplexes im Kind zu bekämpfen. So früh wie möglich ist auf Parallelismen in Sitten, Gebräuchen, gottesdienstlichen Formen des Judentums und denen des Christentums hinzuweisen, die Priorität der jüdischen darzulegen. Im Anschluß daran ist die Entstehung des Christentums aus Judentum und Heidentu m zu erwähnen und die Herkunft der wichtigsten ethischen Forderungen des Christentums aus unserer Religion möglichst am Thoratext zu zeigen, die autoritative Vaterstellung des Judentums ins hellste Licht zu rücken und so eine freudige Identifizierung des Kindes mit ihni herbeizuführen. Ein so geführter Kampf wird die Minderwertigkeitsgefühle unserer Schüler kompensieren, kann ihnen sogar neue starke Impulse zur Beschäftigung mit jüdischen Fragen, zur Vertiefung des Schulwissens, zu freimütigem Eintreten für jüdische Belange geben. Die reine, d. h. nur verteidigende Apologetik.spielt also nur eine Nebenrolle. — Die Mobilmachung des Vaterkomplexes schützt aber zugleich gegen aufkeimende eigene Haßempfindungen. Sowie ein vernünftiger Vater auch in seinem andere Wege als er, nach seiner Meinung falsche Wege, einschlagenden Sohne immer, auch im Zorn, die eigene Art liebt, ja stolz aus ihn ist, sofern er nur etwas Rechtes leistet, muß das jüdische Kind rechtzeitig die großen Verdienste des Christentums erfahren und würdigen lernen. Es muß schon frifh wissen, daß das Christentum ein geschichtlicher Versuch allergrößten Ausmaßes ist, die heidnische Welt unter Verwässerung und Maskierung jüdischer Form zur jüdischen Ethik zu erziehen. Das haßerfüllte, gewalttätige, und scheinbar aller edlen Empfindungen bare Kind, das in so großen Massen unfern vereinzelten Judenkindern das Leben so schwer macht, ist eben nur als Beweis zu werten, daß der christliche Veredlungsversiich — noch — nicht völlig gelungen ist. So eingestellt, begreifen unsere Schüler, daß nicht Haß, sondern Geduld, Bedauern, Liebe am Platze sind: die Vateridentifikation hat ihre Schuldigkeit getan. So vielfach und wertvoll kann die Psychoanalyse im Religionsunterricht für die Förderung des Unterrichtsganges wie der Unterrichtsziele fein! Bedingung ist allerdings, daß der Lehrer sich ernsthaft in sie vertieft, bevor er sie anwendet, und daß er sich der ihr als einer jungen Wissenschaft anhaftenden Problematik jeden Augenblick bewußt ist. Dann kann die Psychoanalyse im Religionsunterricht einer in sich gefestigten und kraftvollen Lehrerpersönlichkeit Helsen, lebensfrische, leistungsfrohe Menschen, von Niedergeschlagenheit und Hochmut gleich weit entfernte, treue Juden zu erziehen. Nachbemerkung: Meine Beispiele und Hinweise beziehen sich fast durchweg auf Knaben-Erziehung. Im Verhältnis des Lehrers zur Schülerin kommen gewisse Beziehungen mit in Frage, die ich nur einmal leise angedeutet habe. Aber es wäre prächtig, wenn eine Lehrerin sich über das hier behandelte Thema mit Bezug auf Mädchen äußern wollte. Eigentlich sexualerotische Probleme habe ich hier absichtlich nicht behandelt. Die Anwendungsfähigkeit der Psychoanalyse erhellt aus dem Gesagten zur Genüge, und ich wollte kein vollständiges System, sondern Anregungen und Hinweise geben. S. L. Ein paar Kapitel der hebräischen Grammatik") Von M. Abraham (Berlin) A. Aus der Lautlehre D a s D a g e s ch I. Allgemeines 1. Der Punkt in einem Buchstaben heißt Dagesch. 2. Man unterscheidet: a) leichtes, b) starkes Dagesch. II. Das leichte Dagesch (I). lene, Dagesch Kai). 1. Das leichte Dagesch kann nur in den sechs 'Buchstaben bot. gimel, dalot, kaf, pe, tuw (b'gaci k’faü) stehen und zeigt ihre . harte Aussprache an: Komnudio wie du. 2. Eine Härtung kann nur (und muß) erfolgen a) nach einer geschloffenen Silbe: u-cl,’ssawiom und du sollst sie schreiben, also nicht nach einem Vokal und einem beweglichen SthVa, ferner nicht nach einem ruhenden Konsonanten: (Alef), korossi, ich habe gerufen, b) nach einem trennenden Akzent: lau. ki, nein, sondern 3. bet (in, mit) erhält vor den Lippenlauten b. m, f und knf (wie) vor cb immer ein Härtungsdagesch: t’hillossau b'fi sein Lob ist in meinem Munde, luilau k’diark’misdi ist nicht wie Kardieimsdi? 4. Mit Härtungsdagesch wird der Konsonant als molo, voll, stark, ohne Dagesch als roko. schwach, bezeichnet. 5. Daran, daß eine Härtung nicht eingetreten ist, ist zu erkennen, daß das vorangehende Sdi’wn ein bewegliches ist: rnu-d’fim Verfolger, ko-ss’wu sie haben geschrieben, bo-r'dn, preiset. ') Diese Kapitel sind, ein wenig verbessert, der im Verlage von I. Kaufsmann in Frankfurt a. M. erschienenen „Hebräischen Sprachlehre" entnommen. Im Buche sind alle hebräischen Beispiele mit hebräischen vokalisierten Typen, diejenigen aus der Satzlehre im ganzen Satze gegeben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.