Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 3 (15.3.1933)
- Date
- 1933-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2825247-2825330-2825333--0707-2826335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nummer 3 ' Jüdische Schulzeitung Seite 5 überzeugen. Freilich wird das nicht können, wer von Hillels Geduld erzählt und selber ungeduldig ist, wer Gottes Huld und Gnade preist, selber aber unwirsch ist, strafensreudig die in seine Haüd Gegebenen seine Macht fühlen läßt. „Naßh doresdi Mcnaüh mekajem“ (Jewamoth). Der talentierteste Lehrer wird erst durch strengste Selbstzucht — Erzieher. Ihm gewährt sein Zögling auch Glauben sozusagen auf Vorschuß. Noch zweifelnd, wünscht er doch etwas für die Sache zu tun, die ihm ja —. unbewußt, denn er hat ja das Liebesgefühl, einstweilen nur verdrängt — auch lieb ist,- und nun gilt es, ihn mit Aufgaben zu betrauen, die ihn über den Kreis der schulischen Pflichten hinaus zum Vertreter, Förderer, ja Propagandisten der Religion machen. Hier kann die Betrauung vor allen Dingen der Knabew mit Funktionen im Gottesdienst, mit Thoravorlesen — aber das ist bei weitem ungenügend — mit Vorbeten und, wenn möglich, mit „Predigen" Wunder wirken, sofern eine gewisse persönliche Note gewährleistet ist. Hier kann die Betrauung von Knaben und Mädchen mit der Beeinflussung Jüngerer für die Betrauten eine gewaltige religiöse Erfahrung bringen.- Es vollzieht sich nämlich, psychoanalytisch gesehen, eine Umschichtung zwischen den ambivalenten Gesühlen. Die jungen Erzieher sehen umso weniger ihren Gegensatz zum obersten Zensor, je mehr sie ihre Sendung, die ja schließlich von ihm ausgeht, erkennen. Der „Vater" wird nicht mehr bekämpft, sondern bewundert, nachgeahmt, seine Situation wird erfahren und so der Vater „geglaubt", ob er auch nicht „bewiesen" werden kann. (Vielleicht ergeben sich von hier aus neue Gesichtspunkte für die Beurteilung von Jugend-Bünden und -Gruppen): Ki mittodi sdielo lisdima, bo lisdima. Es wird unbedingt sehr gut sein, wenn zwecks Vertiefung der religiösen Persönlichkeit des Lehrers und zwecks Vertiefung seines Verständnisies für religiöse Vorgänge und Kämpfe auch die Kenntnis psychoanalytischer Arbeiten auf religiösem Gebiet hinzukommt. Hier muß allerdings ausdrücklich vorausgeschickt werden, daß Freud selbst, sobald sichs um religiöse Dinge handelt, versagt. Wir werden ihm nicht folgen, wenn er die Religion als „Illusion" ablehnt, wenn er sie als notwendige Voraussetzung sittlicher Lebensgestaltung verneint und ihr in einer einstigen, ihrer Verdrängungen bewußt gewordenen menschlichen Gesellschaft die Existenz abspricht. Wir werden auch seinem bedeutendsten Schüler Theodor Reik wie dem erst vor wenigen Jahren verstorbenen Karl Abraham in vielem widersprechen. Aber auch manche Anregung und Bekräftigung kommt von dieser Seite. Für das Verständnis des Christentums z. V. ist Reiks Buch „Der eigene und der fremde Gott" außerordentlich aufschlußreich. In seinem Buch „Das Ritual" ist der Aufsatz über das „Kol nidre" in mancher Hinsicht geradezu frappant, wenn er darlegt, wie gerade das „Schulddewußtsein". das aus dem immer wieder hervorbrechenden Trieb (der „Vcrfuchung", würden wir sagen) entsteht, eine ganz besondere Gewissenhaftigkeit schafft, so daß die Kolnidre-Formel nicht nur als Zeichen, sondern auch als durchbrechende (verdrängte, weil als Bundesbruch empfundene) Verneinung der hohen Schätzung des Eides bei den Juden zu verstehen ist; daß darum das „Slach na" unbedingt folgen m u ß. „Die Unmöglichkeit, völlig auf Triebbefriedigung zu verzichten, wird ihm ad oculos demonstriert-, er möge diese Schwäche berücksichtigen und um so sicherer Verzeihung und Straflosigkeit gewähren." Dazu gehört Abrahams Arbeit „Der Versöhnungstag", der ihm die feierliche Wiederherstellung des Bundesverhältnisses mit Gott nach der von Zeit zu Zeit notwendigen Durchbrechung bedeutet. Im inneren Zusammenhang steht hiermit auch der neue Bundesabschluß bei der berühmten Elia-Versammlung auf dem Karmel, deren Abschluß-Formel zum Abschluß des Versöhnungstages gehört. Bemerkenswert auch jene Bestimmung: „Verpflichtet ist man, am Purim soviel zu trinken, bis man zwischen arur liaman und baruch mordechai nicht unterscheiden kann" — ein lebhafter Wunsch nach Aufhebung der religionsgeschichklichen Zensur, von Moses Isierles nach „Kol bo" wieder „zensuriert", d. h. gemildert. Das sind alles nur Beispiele dafür und Hinweise darauf, daß, mit der oben ausgesprochenen Einschränkung, aus der psychoanalytischen Betrachtung religiöser Vorgänge und Erlebnisse Anregung und Vertiefung gewonnen werden kann — also gewonnen werden muß. Schließlich beschäftigen wir uns ganz kurz mit den besonderen psychologischen Schwierigkeiten, die uns im jüdischen Religionsunterricht entgegentreten: Das Hebräische ist ein aus unserem Religionsunterricht unfortdenkbares Teilgebietfür manchen von uns das wichtigste. Aber gerade in den Großstädten. in denen heute schon die weitaus größte Mehrheit der deutschen Juden ansässig ist, bereitet die rechtzeitige und ausgiebige Heranziehung zum Unterricht im Hebräischen große Schwierigkeit, und es ist eine alltägliche Erfahrung, daß wieder infolge der mangelhaften Beherrschung des Hebräischen vor allem die Kinder vom Pubertätsalter an der Beschäftigung damit in zahlreichen Fällen widerstreben. Schon aus dem früher Gesagten läßt sich mancher Wink zur Bekämpfung dieses Uebelstandes entnehmen. Einer soll jetzt noch folgen: Man beginne möglichst früh mit dem Lesen und mit systematischer Grammatik. Im eigentlichen Kindesalter stehen für den Schüler der Betätigungswunsch und der Wisiensdrang an sich durchaus im Vordergrund gegenüber der Objektwahl oder Eebietsauslese. Das Gedächtnis ist ebenfalls aufnahmefähiger. Ich empfehle daher reichliche Leseübung, unterbrochen durch grammatische Uebungen, die möglichst früh zur Erarbeitung und völligen Beherrschung der wichtigsten grammatischen Reihen zu führen haben. Während der Pubertätszeit können dann die mechanischen Dinge um so stärker zurücktreten, und da außerdem die hebräische Lektüre aus gründlicheren sprachlichen Vorkenntnissen fußt, wird auch sie schneller, leichter, man möchte psychoanalytisch sagen: lustbetonter, vor sich gehen. Ersparte Zeit und Kraft können in dieser Zeit für allgemeine religiöse Unterhaltungen, Beantwortung von Fragen (die anonym, auf Zetteln, gestellt werden können) in regelmäßigen Abständen usw. nutzbar gemacht werden, ohne daß das Pensum notleidet. Ersparte Unlust aus der einen, zusätzliche Lustempfindungen auf der anderen Seite lassen das auf diese Weise Erarbeitete, wie wir schon wissen, besser haften und schaffen den Wunsch nach neuer religiöser Erarbeitung. Unschwer wird sich von hier aus das Bedürfnis nach Vertiefung der eigenen Kenntnisse und des eigenen Urteils zur verstärkten Beschäftigung mit den Quellen, d. h. mit dem Hebräischen, nutzbar machen und so eine harmonische Bereicherung des Unterrichts erzielen lassen können. Die regelmäßige Unterhaltung wird nämlich nicht nur wegen der besonders in der Pubertätszeit ständig schwebenden Zroeifelssucht und Widerspruchslust erforderlich, sondern auch infolge der Anfechtungen, denen unsere jüdischen Kinder mehr als alle -andern tagtäglich ausgesetzt sind. Vom ersten Schultage an umgibt sie, sofern sie nicht jüdische Schulen besuchen, das christliche Milieu. Der Schulunterricht auch in weltlichen Fächern wird zu christlicher Propaganda bewußt -ausgenutzt, besonders im Eesinnungsunterricht: Deutsch, Geschichte-, aber auch in der Geographie z. B. braucht sie nicht zu feiern, und sie fördert die Distanzierung der christlichen Kinder von ihren jüdischen Kameraden, zu der im-christlichen Unterricht schon allein durch den neutestamentlichen Unterrichtsstoff nolens volens der Grund gelegt wird. Die Distanzierung wird durch immer wache, heute leider besonders aktive und aktuelle judenfeindliche Strömungen, die sich in allen Stunden auswirkc-n, zu offener Feindseligkeit gesteigert. Diese, von Lehrern nur wenig gehemmt und hemmbar, entlädt sich in Form von Boykott, Beschimpfungen und Tätmit v'