Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 2 (15.2.1933)
- Date
- 1933-02-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 2 Jüdische Schulzeitung Seite 5 Lehrpläne ausgoarbeitet und der pädagogischen Kommission zugeleitet morden, so von Baden, Rhoinprovinz, Schlesien und dem Bezirksrabbiner Wahrmann in Oels. Ein aussiihrliches und wertvolles Gutachten habe Hirnheimer erstattet. Von zwei Ber-' lincr Herren sei gleichsalls ein Gutachten erbeten worden. Alle Lehres-trandesuerbättde sollten eine pädagogische Kommission schassen, und vom Neichsverband sollte die Aufforderung dazu ergehen. Aber die Ernennung der Persönlichkeiten müsse den Bczirksvereinen überlassen bleiben. H i r s ch s e l d findet den Plan außerordentlich fruchtbar. In Berlin habe er bereits mit Unterbrechungen die Verwirklichung gefunden. So wurde z. V. zwei Jahre lang nur die Frage des hebräischen Unterrichts behandelt. Der Preußische Landesverband wollte einmal einen Lehrplan für den jüdischen Religionsunterricht an den Volksschulen schaffen. Der Plan wurde auch scstgcstellt und eingereicht, aber weiter hat man davon nichts gehört. Wünschenswert ist es, Arbeitsgemeinschaften für ganz bestimmte Fragen zu schassen, z. V. für die Behandlung der jüdischen und biblischen Geschichte im Unterrichte. Stern: Mit den Kommissionen haben wir kein Glück gehabt. Siehe Jugendschristen-Kominission. Sie hat eine einzige Liste ausgestellt, und dann trat Schweigen ein. Wissenschaftliches Arbeiten ist in Kommissionen nicht möglich. Steinhardt hatte gehofft, daß die Pädagogische- und die Jugendschriften-Kommission ihm eine gewisse Entlastung bieten würden. Darin aber habe er sich getäuscht. Was für die Schulzeitung besonders erwünscht wäre, das sind kleinere pädagogische Aufsätze. Hier versagt die Kollegenschaft', die meisten Arbeiten sind zu lang. Die pädagogische Kommission möge es sich auch zur Aufgabe machen, einen brauchbaren Lehrplan zu entwerfen. Bis zum Herbst erwarte er eine solche Arbeit für die Schulzeitung. Kaufmann berichtet, daß seit mehr, als zwei Jahren in Baden eine pädagogische Kommission bestehe, und zwar aus den führenden Kollegen auf dem Gebiete des Unterrichts. Sie habe einen Lehrplan aufgestellt, ihn der pädagogischen Kommission des Neichsverbandes eingereicht, aber dann zurückverlangt, weil die Prüfung zu lange dauerte. Dieser Lehrplan wurde dem Oberrat eingereicht, der eine Kommission, zusammengesetzt aus Rabbinern, Lehrern und Laien, einberufen hat, von der der Lehrplan angenommen wurde. Er ist in Baden eingeführt und wird fortschreitend weiter bearbeitet. Gegenwärtig arbeitet die pädagogische Kommission daran, neue billige Lehrbücher zu erreichen. I affe-Leipzig regt an. der Lehrerverband möge die Kontrolle über die Preisfrage der jüdischen Lehrbücher übernehmen: die Anregung wird dem Vorstand zur weiteren Erwägung überwiesen. Literarisches Die drei großen Propheten Jesaja, Jeremia, Jecheskel. Eine Studie von Josef Carle.bach. Hermon-Verlag. Carlebach stellt in seiner neuesten, unstreitig bedeutsamen Publikation die Hauptideen der drei im Buchtltel genannten Propheten dar. Ihre Lehre von antiker Größe und Einfachheit kleidet er in das moderne Gewand zeitgeläufiger Phraseologie. Der Vergegenwärtigung dient auch neben dieser stilistischen Aeußerlichkeit, daß, zu der Eeschichtslage, die zu den Reden der drei großen Eottesmänner den Hintergrund bildet. Paralellen gezogen werden durch Hinweis auf die Zeitumstände, welche in der Gegenwart und in der vorausgegangenen ..großen Zeit" das Verhalten von Staat, Gesellschaft und Individuum bestimmten. Carlebach läßt so die drei Propheten mit nachempfundener Glut und mit der hinreißenden Krafteigener Sprachkunst aus der Distanzlosigkeit des frischen Tages zu uns sprechen. .Die Prophetenreden mit den ewigen Ideen erklärt er — auf das große Ganze eingestellt — im Zusammenhang mit der zeitlich begrenzten Situation. auf die sie reflektieren und der sie ihr Entstehen verdanken. .Er versucht den Nachweis, daß aus der Schicksalslage und den geschichtlichen Fakten, welche in die Lebens- und Wirkungszeit der drei Propheten fallen, auch jede ihrer Prophetien erklärt werden könne, bezw. müsse und führt die Zerreißung biblischer Bücher durch die Kritik auf andere als auf wissenschaftliche Gründe zurück. 2m Mittelpunkt der Argumentation fttk die Unteilbarkeit der von ihm behandelten prophetischen Schriften steht eine kühne Hypothese über die Zusammengehörigkeit von Jesaja k. nnd ll. Durch Jesajas Reden zieht sich wie ein roter Faden der Glaube an den Messias, der auf der ganzen Erde die Herrschaft von Recht und Sittlichkeit begründen wird — in fernen, fernen Zeiten. Doch Carlebach meint, der Prophet erwarte nicht den Messias, der am Ziele aller Tage erscheinen soll, sondern ..den Messias ante portas, unmittelbar bevorstehend". Die Verkörperung messianischer Königstugenden sieht der Prophet in dem jungen Prinzen Chiskija. Doch Chiskija enttäuscht, auf den Thron gelangt, entspricht er nicht messianischen Erwartungen. Die Enttäuschungen öffnet Jesaja die Augen; er fühlt, vag ehe das Ende der Tage gekommen, Israel eine lange Leidenszeit wird durchmächen müssen und für diese Leidenszeit bereitet er den kräftigen Trost der Propheten, die im zweiten Jesaiabnch gesammelt sind. Daß die ersten Negierungsjahre des Chiskija einer Erfüllung messianischer Hoffnungen ähnlich waren, ist nicht bloß dem Tiesblick der Aggadadichter, 'sondern auch alten und neuen Eregeten nicht entgangen, demnach wird man fragen müssen: für wen ist diese neue Theorie? Der Vorausfetzungslofe wird sie den gangbaren Theorien über den Deuterojesaja trotz der beachtenswerten Einwände, die Carlebach gegen die letzteren vorbringt, nicht vorzielm, und der Gläubige wird fragen: Kann ein Provbet irren, liegt nicht vielmehr in der unenttüuschbaren Gewißheit seiner Providenz die Bewährung seines Sehertums? Carlebach führt in der einen Hand das Schwert, in der andern hat er die Keile: er möchte an die Stelle der Eeifteskonstruktionen der Kritik, die er bekämpft. Renes setzen. Die Stärke seines Buches besteht aber nicht in der Polemik, im Niederreißen, sondern im Zerlegen, im Analysieren. Er dringt in die tiefsten Tiefen der Prophetenreden ein und zeigt die Seele ihrer Seele. Die Stärke seines Buches liegt auch nicht im Aufbauen, sondern mehr in der Richtung des Erbaulichen. Man wird beispielsweise nicht zugestehen können, daß es ihm gelungen wäre, eine — für den Traditionsgläubigen übrigens überflüssige — iragfähige Brücke von dem einen Jesaja zu dem andern zu schlagen, was er aber in dem von warmem Enthusiasmus durchpulsten, wie geschriebene Eloguenz wirkenden Abschnitt über den Ewed Haschern lagt, ist für die Wunden des Glücklosen Balsam: die Umstellung des Leides aus einer Strafe in eine Mission, aus dem warum in das wozu, verklärt, versöhnt nnd tröstet. Unser Pflichtbewußtsein, das stets gegen widerstrebende Neigungen anrennen muß, findet einen kräftigen Halt in Jeremia. dem vom Verfasser meisterhaft gezeichneten tragischen Willenshelden. der Gottes Sendung vollbringend, sich selbst überwindend kündet, was den eigenen Ohren ein Greuel ist. Aus dieser sich selbst besiegenden Wahrhaftigkeit des Propheten auf die Prophetie als objektive Erscheinung Schlüsse zu ziehen, muß jedoch als im Prinzip verfehlt bezeichnet werden. Der Universalismus, den die Kritik bei Jecheskel vermißt, hätte auch überzeugender nachgewiesen werden können, als dies mit dem Hinweis, daß der Prophet die Engel in Menschengestalt sieht, zu Israel adam atem sagt und sich den adam nennt, geschieht. Gebraucht denn der Prophet das Wort adam in dem Sinne von Ällmenschheit oder Humanität? Für diese Begriffe hat der Hebräer auch heute die Bezeichnungen nr»5?lK oder .Tamn. Der Kenner weiß, warum es gerade bei Jecheskel nicht unbedenklich ist. mit der Vokabel adam zu operieren. Aus der Darstellung seiner Prophetie ergibt sich zwar von selbst die Widerlegung eines anderen Vorwurfs. Jecheskel hätte eine Entwicklung un Judentum angebahnt, in der der Hauptnachdruck nicht auf das Ethische, sondern auf das Kultische gelegt wird, doch wäre ein ausdrücklicher Hinweis darauf nicht überflüssig gewesen. Der eigenartigen religions- ° geschichtlichen Bedeutung des Jecheskel. der das Volk ohne Land und Boden auf den Boden des Religiös-Ethischen stellr und in Gott eint, wird der Verfasser voll und ganz gerecht, wie er auch den ganzen Problemkompler. der der Zert nach der Zerstörung des ersten Tempels eignet, scharf umreißt und von allen Seiten beleuchtet. Er schrieb ein Buch, das über eine Fülle hochwertiger und eigenwüchsiger Gedanken des Verfassers in die heiligen Hallen prophetisckrer Gedankenwelt einführt und das keiner ohne Gewinn aus der Hand legt. Rabbiner Dr. Gescheit-Berlin.