Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 2 (15.2.1933)
- Date
- 1933-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'jiumntcr 2 Jüdische Schulzeitung Seite 3 die dem bewußten Willen zuwider sind und dennoch vollzogen werden. Solche Zustände bezeichnet man als Neurose. Die Neurose Hut mit Nervosität nichts zu tun, wenn sie auch oft mit ihr Zusammentreffen mag. Denn Nervosität ist eine Folge falscher ''kerven-Oekonomie: entweder unzweckmäßigen Lebens im allgemeinen oder übermäßiger Beanspruchung der Nerven; Neurose über ist eine auf mißglückte Berdrängung zuruckzuführende, wirkliche. aber nur psychoanalytisch zu heilende Krankheit, die allerdings auch bei Kindern vorkommk. Die Psychoanalyse wird nun durch Deutung von Träumen, Fehlleistungen, von scheinbar sinnlosenWorten und Erinnerungen sich zur ursprünglichen, unbewußten Verdrängung hindurcharbeiten und dann dem Patienten die Verdrängung bewußt machen. Das bedeutet Gesundung. DasVerjahrcn dauert lange, hat auch seine Gefahren, wenn nämlich eine falsche Fährte eingeschlagcn oder die richtige nicht bis zum Ende, d. h. zu ihrem Ausgangspunkt zurück verfolgt wird. Der Kranke darf darum nur einem erfahrenen Psychoanalytiker, möglichst einem Arzt, zur Einzelbehandlung anvertraut werden. Der Lehrer h a t a l s L e h r e r u n d E rz i e h e r m i t Psychoanalyse neurotischer Kinder nichts zu tun. Insofern gehört die Psychoanalyse in keinen, am allerwenigsten in den Religionsunterricht. 'Aber der Lehrer sollte soviel psychoanalytische Kenntnisse und Erkenntnis besitzen, daß er ein neurotisches Kind als neurotisch, d. h. als lrank, erkennt, wo der Durchschnittsmensch Dummheit, Faulheit oder Frechheit von unerhörtem Ausmaß vermutet; und er sollte ein solches Kind schnellstens in die rechten Hände bringen oder bringen lassen. Damit rettet er wahrscheinlich das Kind, rettet die Disziplin und Arbeitsfähigkeit, im Religionsunterricht unter Umständen die religiöse Einstellung der gesamten Klasse. Wenn der Erwerb gründlicher analytischer Kenntnisse nur^en einen Vorteil hätte, wäre er durch ihn schon gerechtfertigte Aber der psychoanalytisch geschulte, und was wichtiger ist, psychoanalytisch denkende Lehrer kann seine Kenntnisse noch vielfach, eigentlich unaufhörlich anwenden; zunächst zum tieferen Verständnis jedes einzelnen Kindes, demnächst bei der Auswahl der jeweils angebrachten Methode der Erziehung wie der anzuwendenden Mittel. Wir haben erfahren, daß kein Mensch, mindestens kein zivilisierter Mensch von Verdrängungen frei ist. keiner von ihnen frei sein darf. Das „Es" kann eben keine menschliche Gesellschaft bilden. Aber wir alle haben auch manches oder vieles nur unvollkommen verdrängt, wir träumen alle mehr oder weniger. Besonders Kinder sind häufig „Träumer", und zwar träumen sie nicht nur in der Nacht, sondern auch am Tage. (Ueberhaupi ist der Tagtraum eine ganz bekannte Erscheinung.) Mancher Lehrer, der, auf die Disziplin seiner Klasse allzu erpicht, seinem Schüler oder seiner Schülerin grob zuruft:. „Du träumst ja schon wieder!", das Kind damit erschreckt, und einschüchtert, täte besser, mit größter Sanftheit und Liebenswürdigkeit das Kind zu fragen, woran es gerade „gedacht" hat, oder noch besser, es zu bitten, sich das Gedachte zu merken, und sich dann mit dem Kind nach der Stunde oder nach dem Unterricht darüber zu unterhalten. Ist ihm das einigemal geglückt, so wird bas Kind allmählich von seiner Traumsucht frei, denn kommt ihm während des Unterrichts ein fremder Gedanke, wird es ihn beiseitelegen und sich nach der Stunde an den Lehrer wenden. Der Lehrer aber hat jetzt zweierlei erreicht: Erstens lernt er die Gedanken- und Empfindungswelt des Kindes, das ihm zur Obhut übergeben ist, erst richtig kennen, zweitens hat er das Vertrauen des Kindes gewonnen. Das ist gerade bei träumerischen Kindern für den Lehrer ebenso wichtig, wie schwer zu erreichen. Denn das träumerische Kind ist gewöhnlich auch das in sich gekehrte Kind, es ist gewöhnlich aus irgendeiner Liebesenttäuschung, die natürlich längst verdrängt sein kann, zu einem gewissen Verzicht gekommen, lehnt vielleicht die Mutter oder den Vater oder beide ab und daher zunächst auch den. Lehrer. „Daher" sagte ich, denn der Lehrer, der Träger väterlicher Autorität, wird wirklich, unbewußt natürlich, mit dem Vater identifiziert, und auf ihn werden die ambivalenten Gefühle übertragen, deren Ziel und Gegenstand daheim der Vater ist. Er wird also von in sich gekehrten Kindern zunächst als Störer des Innenlebens, des Träunrens —. abgelehnk. Glückt es ihm nun. nach dem eben gegebenen Beispiel das Kind sich zu gewinnen, so kann er wirklich zur entscheidenden erzieherischen Macht im Leben dieses Kindes werden. Dann hat er die gewaltige Aufgabe, dem Kind die Außenwelt als das wahre Objekt der Betrachtung, der Uebung der Kräfte zur Erwerbung von Liebe durch Uebung von Liebe zu zeigen. Ein gesunder und erfolgreicher Ehrgeiz wird die Jnsichgekehrtheit allmählich ablösen. ein gesundes Selbstvertrauen auch eine gewisse Neigung zur Selbstdisziplin entstehen lassen. Bei tagträumenden Mädchen im Vorpubcrtäts- und Pubcrtätsalter hat der Lehrer allerdings allergrößte Vorsicht und Zurückhaltung zu üben. Gänzlich oder fast ganz erfundene, phantastisch aufgeputzte Berichte, meist sexuellen Inhalts, werden von solchen Träumerinnen oft genug im Haus und vor Gericht zum Besten gegeben. Aber eine Einwirkung in der oben skizzierten Weise darf dennoch nicht unterbleiben. Je schwerer eine solche Aufgabe ist, je mehr lockt sie den echten Lehrer. — Ein anderer Fall der Abweichung vom Durchschnitt ist das ungezogene Kind; etwa der freche Bub. Der ist gewöhnlich kein schlechter Junge — es gibt überhaupt keine schlechten Kinder, nur falsch erzogene — sondern ein Junge, der mit seinem Vater oder Erzieher schlecht steht, von ihm schlecht behandelt, d. h. geprügelt, mit Schimpfnamen belegt, verhöhnt wird. Der Knabe ist unglücklich, daß man ihn zu Hause nicht.für voll nimmt, er haßt den Vater, der seine größere Stärke zu Gewalttaten ausnutzt, der das Kapital an Liebe, das der Junge auch für ihn noch immer übrig hat, ungenutzt hält, vielleicht weil er auf den Jungen bewußt oder unbewußt eifersüchtig ist. -Der Junge überträgt den Haß auf den Lehrer, in dem er -ganz mit Recht den Schulvater sieht, er versucht, da er nicht mehr allein ist, wie zu Hause, sich mit denen, die er für seine Schicksalsgenossen hält, gegen den gemeinsamen Feind zu verbinden, und durch Erschütterung der Lehrer-Vater-Autorität'sich an seinem Vater zu rächen. Dabei wird in der Regel noch der Wunsch, die zu Haus nicht erringbare Geltung um so greifbarer bei seinen Kameraden zu erobern, nutsprechen. unter Umständen auch der Wunsch, durch vermeintliche Verteidigung der Interessen seiner Mitschüler und — besonders — Mitschülerinnen, wo solche vorhanden sind, sich die Liebe zu sichern, die er sich von der Mutter daheim nicht mehr erweisen lassen möchte, weil ihre Liebeserweise in seiner Erfahrung zu häufig von Unlust, nämlich Angst vor dem Vater, vorausgegangene Mißhandlung durch ihn u. a. m. begleitet sind. Ein einziger solcher Schüler kann natürlich die ganze Klasse rebellisch und die ganze Arbeit zunichte machen. Dieser Fall ist deshalb so schwierig, weil ohne Disziplin die Arbeit nicht gedeiht, die Anwendung disziplinärer Mittel gegen den Schüler den Haß aber vertiefen, d. h. das Gemüt des Ucbeltäters noch verhärten muß. Dennoch ist so ein Junge zunächst, möglichst ohne Anwendung von Gewalt, bestimmt aber ohne Aufregung und ohne etwa mit Schimpfnamen belegt zu werden, unschädlich zu machen: zu isolieren oder hinauszuschicken. Nach der Schule aber hat eine Unterhaltung mit ihm 1. seine häusliche und menschliche Situation zu klären, 2. ihm vor allem zu zeigen, daß der Lehrer seinen guten Kern trotz der häßlichen Schale wohl.erkennt, ihn für