Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 2 (15.2.1933)
- Date
- 1933-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schulzeitung Nummer 2 - schließlich. Doch darüber müßte eine Frau zu Ihnen reden, und schon um den Vortrag nicht unmäßig auszudehnen, beschränken wir uns heute auf das Vater-Sohn-Verhältnis. Das klassische Beispiel dafür ist die Oedipussage, nach der die ganze hierher gehörige Gruppe von Gedanken, Empfindungen und Motiven von Siegmund Freud den Namen Oedipus-Komplex erhalten hat. Das Königspaar Laios und Jokaste von Theben erhält vom Delphischen Orakel die Weissagung, der neugeborene Sohn Oedipus werde einst seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Das Kind wird ausgesetzt, gerettet und vom König .Polybos von Korinth und desien Gattin als eigener Sohn erzogen. Dem Jüngling Oedipus kündet das Orakel, er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Oedipus flieht von seinen vermeintlichen Eltern nach — Theben. In einem Hohlweg trifft er auf seinen wirklichen, ihm unbekannten Vater und tötet ihn in einem durch des Vaters Schuld entstandenen Streit, löst in Theben das berühmte Rätsel der Sphinx, heiratet die Jokaste und wird König an Laios Stelle. Als seine Blutsverwandtschaft mit seiner Gattin, von dem er keine Ahnung hat, sich herausstellt, erhängt sich die Königin, er selbst blendet sich und geht ins Elend. Neu ist für unsere heutige Betrachtung besonders, die Liebe des Sohnes zur Mutter als mindestens auch sexueller Liebe. Das ist kein Wunder, denn noch in der Urhorde dürfte aus Mangel an anderen Liebesobjekten oft genug der Sohn die Mutter und diese den Sohn gewählt haben. Einen Nachklang finden wir sogar in der Bibel, in der Erzählung von Lots Töchtern, und die Oedipussage selbst scheint nicht allzu lange 'Zeit, nachdem solche blutschänderische Gattenwahlals schimpflich festgestellt und von der Gesellschaft ihres Kreises mit Strafe belegt worden war, entstanden zu sein/ Auf ein ähnliches Urverhältnis zwischen Bruder und Schwester (als Jdentifikationsobjekte an Stelle von Vater bzw. Mutter) weist nicht nur, wenigstens andeutungsweise Raschi zu Genesis 4,1 hin, sondern eine ganze Gruppe von Sitten bei den heutigen Urvölkern und im geschichtlichen Altertum bei den Aegyptern (Kleopatra!). „Nun bist du Schwester mir und Braut!" besingt Siegmund in der „Walküre" die von ihm erlöste Sieglinde. Ein Nachklang solcher langst vergessenen und streng verpönten Sitte ist vielleicht auch noch die ständige Redewendung „acboti dialla", „meine Schwester-Braut" im Hohelied. Eine besonders tiefschürfende Betrachtung bringt dazu der Midrasch rabba zum Ende von Sch'mot. Da unterhält man sich im Kreise des Schim'on bey Jochai, bezeichnenderweise also jenes Mystikers, dem lange Zeit die Schöpfung. des Sohar zugeschrieben wurde, über Schir haschirim 3,11, „z’ena ur’cna b’not zijon banimelodi sch’lomo baatro sdiöitro lo inimo bajom ebatunato“; „kommt heraus. und seht, Töchter Zions, auf den König Salomo mit der Krone, womit ihn seine Mutter am Tag seiner Hochzeit gekrönt hat." Aus die Frage, wie dieser Satz zu verstehen sei, da doch sonst nirgends zu ersehen sei, daß Salomos Mutter ihn je gekrönt habe, antwortet R. Elieser ben R. Jose sehr sein: Salomo steht hier für „Gott", seine Mutter für „Israel". Es kann Vorkommen, daß jemand dieselbe Frau einmal als Gattin bezeichnet, ein anderes Mal als Schwester, Braut,. Tochter oder — Mutter anredet. Es ist im Grunde immer dieselbe Liebe (nur daß jedesmal eine andere Seite ihres Inhalts in den Vordergrund gestellt wird). So bezeichnet Gott Israel bald als Gattin, balv als Schwester, Braut, Tochter und — Mutter. Der Beweis für diese These wird zum Teil recht gewaltsam erbracht und interessiert uns hier nicht, um so mehr die außerordentliche Tiefe der Menschenkenntnis, die einen Großteil moderner psychoanalytischer Entdeckungen einfach vorweg nimmt. Nun wird Ihnen die Aussasiung der Psychoanalyse über die zentrale Stellung des Oedipus-Erlebnisies für jeden Menschen, also für die Lebensgestaltung des Einzelnen, nicht mehr so ungeheuerlich Vorkommen wie noch vor kurzem. Auch die Stellung der Generationen zueinander wird durch den Oedipus-Komplex gleichjalls grundsätzlich bestimmt, insofern die Summe aller ungefähr Gleichalterigen, also eine Generation, für die Summe ihrer Väter, also die vorausgehende Generation, dieselben gegensiUjUchen. etuauver abwechselnden und miteinander streitenden, mit einem Fachausdruck: „ambivalenten" Gefühle hegt, wie der einzelne Sohn für seinen Vater und umgekehrt. Nur daß der Gegensatz der Generationen vielfältiger, stärker ist: für die zeitweilige Gestaltung und den Wechsel kultureller und politischer Strömungen sicherlich von ausschlaggebender Bedeutung. Und nun gewinnen wir eine weitere wichtige psychoanalytische Erkenntnis: Das ursprüngliche sexuelle Motiv ist gänzlich verschwunden, wo es sich um das Verhältnis der Generationen handelt. Es muß also auch aus dem Bewußtsein des einzelnen, sagen wir einmal einschränkend: normalen Individuums geschwunden sein. Wo ist es geblieben? Es hat sich nicht durchsetzen können, ist von der Zensur des praktischen Lebens und später des sittlichen Urteils verdrängt. Der Lebenstrieb — der Sexualtrieb ist Lebenstrieb der Gattung — wendet seine Energie und Wucht zur Erreichung anderer Ziele an, die von dem der sexuellen Befriedigung entfernt sind. Das ist die Sublimierung, die Verfeinerung oder Veredlung des Trieblebens, aus der schließlich die Blüte aller Kultur erwächst. Es bleibt die Zärtlichkeit zur Mutter: sie erwächst durch eine Uebertragung (Traum) zur Zartheit und zur taktvollen Höflichkeit gegen ihr Geschlecht, gegen „die Frau". Es bleibt die Ambivalenz.gegen den Vater. Sie wird zur' Achtung vor seiner Leistung, um so stärker mit Liebe verknüpft, je vernünftiger der Vater das Eigenleben seines Sohnes wahrt, und je freier der Sohn sich bemühen kann, seinen Sonderwert zu erweisen. Benutzen wir bewußt das Hilfsmittel der Uebertragung. desien sich der Mensch so oft unbewußt bedient, wie vorher bei Feststellung des Verhältnisies des Mannes zur Frauenwelt, so jetzt zur genaueren Charakterisierung des Verhältnisies der Generationen, so können wir sagen, ihr Verhältnis wird um jo besser sein, je mehr die ältere Generation leistet, und je weniger sie trotzdem ihre eigenen Anschauungen zum Wertmesser der Anschauung der Jüngeren macht: d. h. je früher sie die junge Generation zur Mitarbeit beruft. Unsere Generation hats in beidem falsch gemacht! Wir befinden uns, wie Ihnen nicht entgangen sein wird, bereits mitten auf einem Gebiet, das in besonders hohem Maße ein Feld erzieherischer Betätigung darstellt: Das Verhältnis des Menschen zu seinen Eltern, des Sohnes zu seinem Vater, Uebertragen oder erweitern wir das auf das Verhältnis der Menschheit zu ihrem Vater, zu Gott, so haben wir in beiden zusammen das Gesamtgebiet sittlich religiöser Erziehung Umrissen. Bald werden Sie auch erfahren, daß ich Ihnen nur diejenige enge Auswahl von Begriffen dargeboten habe, die Ihnen zur verständnisvollen Beurteilung der nun von mir vorzutragenden praktischen Folgerungen unentbehrlich sind. Ferner habe ich Fälle von Nervenerkrankungen auf psychoanalytisch deutbarer Grundlage überhaupt nicht erwähnt. Ganz kurz will ichs jetzt, um Mißverständnisse zu vermeiden, tun. Wird eine Verdrängung so unvo >g ausgesührt, daß . der verdrängte Gedanke bzw. das mit ihm zusammenhängende verdrängte, also unbewußte Gefühl regelmäßig, nicht einmalig. wie in meinen Beispielen von Fehlleistungen, durchbricht, sobald nämlich die Situation der ersten Verdrängung sich ganz oder annähernd wiederholt, so entstehen regelmäßige Hemmungen, d. h. Widerstände gegen die Durchführung des bewußt Gewollten: ähnlich, aber stärker, wie bei dem erwähnten . Mädchen, das sich ohne musikalisches Gehör glaubte. Oder, was fast noch schlimmer ist, es entstehen Zwangshandlungen.