Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 1 (16.1.1933)
- Date
- 1933-01-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisch eSchulzeitung Seite 3 Kleine, aber mitunter um so pikantere Schlaglichter auf undewutzten Gedankcninhalt unserer Nächsten werfen ihre Ern'gungs- oder Ueberraschungszustande. Da hört man Freunde, c'iicleutc, Kollegen, gebildete und sittliche Menschen, sich in plötzlich ausbrcchendem Zank solcher Ausdrücke bedienen, daß einem wt seiner Kottähnlichkeit wirklich bange wird. „Jetzt weiß ich wenigstens, wie du über mich denkst!" ruft der eine schließlich aus, ,„id er betrachtet und bezeichnet seinen Partner im Streit als einen Heuchler. Aber er hatUnrecht; denn fein Freund oder Ehegatte hat die Gedanken und Empfindungen, die eben jetzt hervoriprudcltcn, bewußt als unrichtig, sogar ungerecht und unsittlich verworfen und verdrängt. Er hat von ihnen sogar nichts mehr gewußt und ist nicht minder als jener beleidigte Partner erstaunt darüber, wie sie zueinander stehen, richtiger: wie sie zueinander ständen, wenn nur die beiderseitigen „Es" an Stelle der gemäß ihren Jch-Jdealen zensurierenden Jchs ihr beiderseitiges Verhältnis regulierten. Solch plötzliches Hervorbrechen der unbewußten Wunsch- oder Gefühls-, Denk- oder Urteils-Inhalts durch die Zensur hindurch nennt Siegmund Freud F e h l l e i st u n g. Lr hat durch dieses Wort wie durch die Ausdrücke „Verdrängung".' .Hemmung", Unterbewußtsein, Schwelle des Bewußtseins ufw., unsere deutsche Sprache um Worte bereichert, deren bereitwillige Aufnahme in den Sprachschatz des täglichen Umgangs am besten beweist, wie kraftvoll sich die Psychoanalyse zu einem selbstverständlichen Bestandteil zeitgenössischer Kultur entwickelt. Natürlich ist die Fehlleistung nicht immer so faustdick und grob und so leicht zu erkennen, wie im eben geschilderten Fall; man kann aber sagen, daß sie im allgemeinen um so interessanter wird, \2 schwieriger sie zu erklären ist. Berichtet mir einmal eine Dame, deren Mann eine repräsentative Position in einer jüdischen Ee- - meinde Mitteleuropas inne hat: Ein Kollege ihres Mannes in einer andern Gemeinde lebe in Scheidung mit seiner Frau. Diese habe einen christlichen Rechtsanwalt mit der Wahrnehmung ihrer Rechte betraut und das ihm gegenüber etwa also begründet: „Ich dachte mir, bei der Stellung meines Mannes in der Gemeinde wird ja doch kein jüdischer Rechtsanwalt meine Vertretung überleben. Sie sehen das typische Versprechen. Meine Eewährsmännin wollte natürlich „über nehme n" sagen, sagte aber „über lebe n"." Was war vorausgegangen? . Die Dame, die mir gegenüber die Fehlleistung beging, war belvußterweise von dem Recht jener Frau überzeugt; nicht nur von der juristischen, sondern auch von der moralischen Berechtigung ihres Vorgehens. Aber ihre eigenen Bedenken, die der Erzählerin also, die sie freilich niedergekämpft — verdrängt — hatte, waren ursprünglich sehr schwer gewesen; etwa, ob es nicht richtiger wäre, das persönliche Glück und die persönliche Freiheit, ja das Leben selbst zu opfern, um die Bloßstellung des Judentums, die durch Bloßstellung eines mehr oder weniger repräsentativen Juden bewirkt würde, besonders in einer für die Mcnheit so schweren Zeit zu vermeiden; ob nicht ein Berater, der zu solch öffentlicher Lösung des Konflikts riete, mitschuldig an den üblen Folgen für die jüdische Gemeinschaft sei. ob man nicht aus diesem Grunde z. V. einen Rechtsanwalt, der einen solchen Prozeß übernimmt, gesellschaftlich und beruflich meiden, ihm also jede Leüensmöglichkeit zu nehmen versuchen müßte. Diese Tendenz hatte das ursprüngliche Urteil der Dame, das durch Idealifizierung oder Gleichsetzung der Stellung und Bedeutung ihres eigenen Mannes mit den entsprechenden Attributen des Fremden wesentlich beeinflußt worden war. Ihr eigenes Frauen-Jch-Ideal aber widerspricht dem Urteil in.dem Augenblick, da sie sich an die Stelle der leidenden Mitschwester denkt, d. h. sich mit i h r identifiziert und die Unvereinbarkeit des Ich-Zustandcs mit dem Ich-Jdeal einsieht. Sie sagt sich bewußt: jemand, der seine Frau in einen so starken Gegensatz zum Jch- ^deal bringt, daß sie, um sich von solcher Unvereinbarkeit zu läsens zur Lösung der Ehe schreiten muß, ist. kein echter Repräsentant des Judentums. Also fällt die Rücksicht auf dieses fort, und die Frau darf sich' m u ß sich retten. Nun ist die Beobachtung sehr au; .hlußreich, wie stark auch die verdrängte gegensätzliche Tendenz bleibt. Sie ist so unvollständig verdrängt, daß sie eine stete innere Unruhe erzeugt, den Versuch zu nochmaliger Erörterung erzwingt — die Erzählung geschah in keinerlei bewußtem Zusammenhang mit der sonsttgen Unterhaltung — schon bei der Aufrollung des Problems durch das bewußte Urteil hindurchbricht und damit den sehr ernsthaften Kampf verrät, den die Erzählerin in sich durchkämpfen mußte, bevor sie überhaupt zu einem endgültigen Urteil gelangte. An diesem Beispiel zeigt sich übrigens, wie psychoanalytisch fein die Warnung der Mischna ist: al ladin ct chawerdia ad sdictaggia lim' komo. Ein ebenso typisches Beispiel für Verschreiben: Die „Vossische Zeitung" vom 30. Oktober 1026 brachte unter der Ueberschrift „Doehring und Wilhelm II." folgenden Artikel: Der Hofprediger (so nennt er sich noch) v. Bruno Doehring ist Mitherausgeber der „Täglichen Rundschau". Sein Name steht als erster oben auf dem Kopf dieses Blattes, das neulich schrieb: „Es gibt eben fast keinen Monarchisten in. Deutschland, der nicht fühlt, daß Wilhelm ir. die Krone nicht mehr tragen kann ... Als Kaiser, der ein Anrecht auf die Krone geltend macht, will ihn niemand, der nach einem gekrönten Haupt in Deutschland verlangt." Drei Tage darauf stand im.selben Blatt (nämlich in der „Täglichen Rundschau" D. Verf.): „Zu den in der „Zeitungsschau" der Nr. -108 gemachten Ausführungen über Kaiser Wilhelm II. habe ich zu erklären, daß ich diese Ausführungen, die wie alle politischen Angelegenheiten der „Täglichen Rundschau", nicht zu meinem Mitwirkungsbereich gehören, aufs tiefste bedauere und aufs entschiedenste ablehne. Ich hätte gewünscht, daß die herbe Tragik im Leben Kaiser Wilhelms 11. seitens des Verfassers dieses Artikels mit mehr Gerechtigkeit und Voreingenommenheit behandelt worden wäre. v.Doehri'ng. — Mehr Voreingenommenheit? Weniger Voreingenommenheit? Der Druckfehlerteufel ist ein ankant terrilrlo. Er plappert mitunter viel aus. Nur eins hätte er noch ausplappern sollen: Will v. Doehring nun eigentlich die Rückkehr des Kaisers auf den Thron oder will er sie nicht? Wir hätten — wenn schon, denn schon — ein mannhaft freies Wort erwartet. — Soweit die „Vossische Zeitung". Der Artikel ist aus zweierlei Gründen für uns von Interesse: erstens, weil der Zusatz der „Vossischen Zeitung" zeigt, wie sehr man sich schon an psychoanalytisches Denken zu gewöhnen beginnt, auch wo man. wie hier, falsch schließt; zweitens weil ein besonders schönes Beispiel von Verschreiben vorliegt. Hofprediger v. Doehring wollte nämlich weder mehr Voreingenommenheit noch weniger Voreingenommenheit schreiben (der Druckfehlerteufel, d. h. der Setzer), hat mit der ganzen Fehlleistung sicherlich nichts zu tun!), sondern UnVoreingenommenheit. Er selbst lehnt bewußt die Ablehnung Wilhelms TI. „aufs entschiedenste" ab; das ist ganz deutlich und — mannhaft frei. Aber es ist ein Ausfluß der Disziplin, der weltanschaulichen Gebundenheit, der Dankbarkeit, die ihm gebieten, seinen Kaiser anders zu beurteilen als einen beliebigen andern, weil es der Kaiser ist, dem er gedient hat, dem er Stellung und Beförderung verdankt. Er, D. Doehring selbst, hat sich nun gefragt, ob er gegenüber dem Kaiser nicht, und zwar günstig, voreingenommen sei, hat diesen Einwurf aber verdrängt, und zwar durch den Wunsch nach Rückkehr des Kaisers, der so stark ist, daß er die moralische Zensur schwächt um „Gerechtigkeit" mit „Voreingenommenheit", - nämlich zugunsten des Kaisers, interpretieren läßt. Eine völlige Verdrängung rührt von besonders starkem Unlustgefühl her und führt zum Vergessen. Ganz kurz zwei frappante Beispiele: Eine Schülerin kann den Satz „mastfiiw honiach nmorid haggnsdicm" nicht übersetzen, behauptet bei der jeweiligen Wiederholung in Zeitabständen von %—1 Jahr, „das noch nie